Home » Media » Vergessene Zukunft - die politischen Jahre der Public Netbase

Vergessene Zukunft - die politischen Jahre der Public Netbase

R├╝ckblicke von Konrad Becker und Martin Wassermair

"F├╝r die Sozialdemokratische Partei (SP├ľ) in Wien war die Gro├čwetterlage nach dem Februar 2000 eine gro├če Chance, sich diametral zum schwarz-blauen Bund zu positionieren. Damals hat man ja noch mit gro├čem Interesse die kulturpolitische Ausrichtung von Public Netbase mitverfolgt; also vor allem diesen kantigen Widerstand gegen Schwarz-Blau, der ja nicht aus Jux und Tollerei bestanden hat, sondern sachlich gut begr├╝ndet war und mit einer Vielzahl von Aktivit├Ąten gro├če internationale Beachtung finden konnte. Da hat man Public Netbase von Seiten der Stadt Wien sicherlich neu sch├Ątzen gelernt und ist dann auch, nach den K├╝rzungen durch die Bundesregierung, in die Bresche gesprungen. Nur war es naiv zu glauben, dass wir damit unser Kritikverm├Âgen aufgeben w├╝rden – auch nicht gegen├╝ber der Stadt."
Buchcover: Vergessene Zukunft Buchcover: Vergessene Zukunft

Das Buch Vergessene Zukunft, das im Februar 2012 im transcript Verlag erschienen ist, enth├Ąlt ein Interview mit Konrad Becker und mir zu den politischen Jahren der Public Netbase.


Interview mit Konrad Becker und Martin Wassermair

Konrad Becker gr├╝ndete 1994 gemeinsam mit Francisco de Sousa Webber die Netzkulturinstitution Public Netbase/t0 und war bis zur Schlie├čung 2006 deren Leiter. Martin Wassermair war von 2001 bis 2006 Gesch├Ąftsf├╝hrer von Public Netbase/t0 und zust├Ąndig f├╝r Organisation und Kommunikation. Beide waren aktiv am Widerstand gegen die rechtskonservative Bundesregierung beteiligt.


Ende 1998 gab es ein Treffen der Virtuellen Plattform ├ľsterreich, auf dem das "Gelbe Papier" als gemeinsames Positionspapier verabschiedet wurde. Public Netbase und servus.at traten dabei als ma├čgebliche Proponentinnen auf – wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Konrad Becker: Die Achse zwischen Linz und Wien war damals schon eine wichtige! Wobei diese Art von Treffen noch breiter angelegt waren; man hat ja eigentlich jede/n eingeladen, der/die sich irgendwie f├╝r das Thema interessieren wollte. Es gab Ende 1995 bereits ein erstes Vernetzungstreffen auf der Diagonale in Salzburg, wo ein Sechs-Punkte-Plan namens "Misera Media" erarbeitet und pr├Ąsentiert wurde. Dabei haben wir an die ├Âsterreichische Kulturpolitik die Forderung gestellt, die ver├Ąnderten Arbeitsbedingungen in einer zunehmend von digitalen Medien bestimmten Welt anzuerkennen und diesen Umst├Ąnden endlich auch Rechnung zu tragen. Das Positionspapier diente dann durchaus als Bezugspunkt f├╝r das, was Jahre sp├Ąter im Rahmen des "Gelben Papiers" diskutiert wurde, also vor allem die Anerkennung eines k├╝nstlerischen Segments, welches die digitalen Medien f├╝r sich erschlie├čen wollte.

Martin Wassermair: Diese Zeit war ja auch insofern interessant, als 1998 ein Schl├╝sseljahr darstellte: Auf der einen Seite wurde unter der Regierung von Viktor Klima das Kunstministerium aufgel├Âst und in Form eines Staatssekretariats dem Bundeskanzleramt direkt unterstellt. Da waren der Schrecken und der Aufschrei freilich gro├č. Auf der anderen Seite war das Jahr 1998 auch wichtig, weil es Fragen der Medienpolitik in ├ľsterreich in den Vordergrund ger├╝ckt hat. Es war genau das Jahr, in dem das Monopol des ├Âffentlich-rechtlichen Rundfunks aufgehoben und erstmals das, was man als privaten Rundfunk bezeichnet, m├Âglich gemacht wurde. Damals hat man gemeint, mit dem Ende von "Medien-Albanien" w├╝rde eine neue Zeit in ├ľsterreich anbrechen. Gleichzeitig wurde jedoch auf einen wichtigen Sektor vergessen, n├Ąmlich jenen Bereich, der nicht-kommerzielle Medien bzw. elektronische Medien komplement├Ąr zum ├Âffentlichrechtlichen Rundfunk betreiben wollte. Diese Bottom-Up-Medienprojekte wurden rechtlich gar nicht ber├╝cksichtigt, das hei├čt, sie kamen in dem Gesetz gar nicht vor – ├╝brigens bis heute nicht, weswegen sie bis heute inexistent sind.

Nun gab es mit der Virtuellen Plattform Holland vergleichbare Initiativen in ganz Europa. Wie sah die Vernetzungsarbeit auf europ├Ąischer Ebene aus?

Konrad Becker: Im Oktober 1997 wurde die "Amsterdam Agenda" im Rahmen der Konferenz "From Practice to Policy" verabschiedet. Das war ein europ├Ąisches Vernetzungstreffen, welches von der Virtuellen Plattform Holland organisiert wurde und unter den Auspizien des Europarates stand. In der Folge gab es dann anl├Ąsslich der ├Âsterreichischen EU-Ratspr├Ąsidentschaft eine Konferenz der Bundesregierung unter dem Titel "Kultur als Neue Kompetenz. Neue Technologien, Kultur & Besch├Ąftigung" und Public Netbase wurde damit beauftragt, f├╝r den Bereich Informationsgesellschaft und digitale Medien eine eigene Veranstaltung innerhalb dieser Konferenz zu konzipieren. Daraus entstand ein weiteres Positionspapier namens "Networking Centres of Innovation", welches gemeinsame Schnittmengen europ├Ąischer Medienkulturinstitutionen aufzeigte. In gewisser Weise war das bereits ein Prototyp f├╝r jenes Netzwerk, welches sich Anfang 1999 bei einem Arbeitstreffen in Wien als "European Cultural Backbone" (ECB) formiert hat. Unser Ziel war es, ein europaweites, digitales Kulturnetz aufzubauen.

Das korrespondierte auch mit dem Aufbau lokaler Netzwerke und dem Versuch, diese in einem "Austrian Cultural Backbone" (ACB) zusammenzuschlie├čen.

Martin Wassermair: Hierzu gab es im Mai 1999 eine Medienkonferenz in Linz, die von der Ober├Âsterreichischen Gesellschaft f├╝r Kulturpolitik gemeinsam mit der Virtuellen Plattform ├ľsterreich, der Kulturplattform O├ľ und der IG Kultur ├ľsterreich organisiert wurde. Dort wurde tats├Ąchlich so etwas wie eine Auf- oder Umbruchstimmung signalisiert, trotz der ersten neoliberalen Tendenzen in der Kulturpolitik, wie etwa der angesprochenen Aufl├Âsung des Kunstressorts. Der damalige Kunststaatssekret├Ąr im Bundeskanzleramt, Peter Wittmann, hat auf der Medienkonferenz gesprochen und jede Menge Geld f├╝r den unabh├Ąngigen Medienbereich versprochen. Damals gab es ja auch noch den Plan, einen Bundeskurator bzw. eine Bundeskuratorin f├╝r Neue Medien einzusetzen. Nur wurde dieses Vorhaben dann von den Ereignissen im Februar 2000 ├╝berrollt, und sp├Ąter wollte niemand mehr etwas davon wissen. Aber die Konferenz hat gezeigt, dass hier Entwicklungen im Gange sind, die man nicht mehr so einfach ignorieren kann; ganz abgesehen davon, dass Peter Wittmann sozusagen mit einem Scheck gewunken hat, der angesichts der sp├Ąteren Rechtsregierung nur ungedeckt sein konnte.

Konrad Becker: Auf jeden Fall war das damals nicht blo├č ein "wishful thinking", sondern hatte schon einen realen Hintergrund, weshalb man sich ja auch auf verschiedenen Ebenen mit diesen Policy-Fragen besch├Ąftigt hat. Wobei man immer nach Holland geblickt hat, wo die Ressourcen f├╝r diesen ganzen Bereich unverh├Ąltnism├Ą├čig besser waren. Aber auch in ├ľsterreich wurde zu dieser Zeit alles M├Âgliche versprochen oder angek├╝ndigt. Wobei man nicht nur auf Bundes-, sondern auch auf Stadtebene eingeladen wurde, relativ avancierte und konkrete Projektvorschl├Ąge zu machen. Man musste zum damaligen Zeitpunkt einfach annehmen, dass es da Einflussm├Âglichkeiten gibt.

Dann kam aber die sogenannte "Wende" und mit ihr die Regierungskoalition zwischen der ├ľsterreichischen Volkspartei (├ľVP) und der Freiheitlichen Partei (FP├ľ) unter J├Ârg Haider. Bundeskanzler Wolfgang Sch├╝ssel erkl├Ąrte bei seinem Amtsantritt die "Internet-Generation" zu den Verantwortlichen des unerwartet heftigen Widerstandes gegen die schwarz-blaue Bundesregierung. Welche Rolle spielte Public Netbase in den Protesten?

Martin Wassermair: Das war f├╝r Public Netbase zun├Ąchst einmal ein Schock, also das Wahlergebnis im Oktober 1999 und der gro├če Schrecken, der damit verbunden war; daraus ergaben sich dann aber auch neue Vernetzungsm├Âglichkeiten, die vor allem ├╝ber das Widerstandsprojekt "Get to attack!" liefen. Das war ja nicht nur eine stark frequentierte Website auf dem Server von Public Netbase, sondern auch eine Plattform, wo sich eine ganze Menge von Kunst- und Kulturschaffenden zusammengetan haben, um ordentlich aufzuschreien. Wir haben dann mit "fremd.netz" noch im Sp├Ątherbst 1999 eine Veranstaltung gemacht, die sich explizit gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in ├ľsterreich wandte. Nur war das alles schon zu sp├Ąt, denn dann kam der 4. Februar 2000 und mit ihm die Bildung der rechtskonservativen Bundesregierung unter Wolfgang Sch├╝ssel. Aber das ist eben nicht ganz unerwartet ├╝ber uns hereingebrochen, sondern das hat sich schon zuvor abgezeichnet. Public Netbase z├Ąhlte hier nicht nur zu den ersten kritischen Organisationen, welche die fr├╝hen Vorboten des Rechtsrucks ja auch am eigenen Leib zu sp├╝ren bekommen haben, wir haben uns auch schon bei den ersten Vernetzungsaktivit├Ąten gegen Schwarz-Blau kr├Ąftig eingebracht.

Mit der Internetseite "government-austria" wurde ja dann auch ein eigener Gegeninformationskanal aufgebaut ...

Konrad Becker: In gewisser Weise korrespondiert das mit den Sachen, die wir vorher angesprochen haben, also wie man Policy Statements gegen├╝ber politischen Entscheidungstr├Ąger/innen formulieren kann. In diesem Fall war uns aber allen klar, dass man mit dieser Regierung nicht reden kann. Gleichzeitig wollten wir den Diskurs fortsetzen, und aus diesem Gedanken heraus ist eine Diskursserie entstanden, die sich explizit dem Dialog mit der schwarz-blauen Regierung verweigert hat und stattdessen eine eigene Identit├Ąt aufbauen wollte. Dass ausl├Ąndische Beobachter/innen, die im Internet nach "Austrian Government" gesucht haben, dann auf unserer Seite gelandet sind, war nat├╝rlich Teil des Konzepts und hat sich auch in unserem Wahlspruch "We are the Government" ausgedr├╝ckt.

Martin Wassermair: Wir haben die Seite zwischen 4. und 19. Februar gestartet, also zwischen dem Tag der Angelobung und der ersten gro├čen Demonstration gegen die ├ľVP-FP├ľ-Regierung. Das Konzept zu diesem Projekt ist sozusagen im Gehen entstanden, wobei wir fr├╝h festgestellt haben, dass es einfach nicht ausreicht, wenn man nur dagegen ist. Also haben wir ein ausgereiftes Konzept f├╝r diese Seite entwickelt und damit unseren eigenen politischen Kosmos geschaffen. Wir haben dort auch wichtige Debatten gef├╝hrt und spannende Themen verhandelt und so andere Denkwelten unter dem Ausschluss der offiziellen ├Âsterreichischen Bundesregierung versammelt. So ist dieses Projekt entstanden, wobei das letztlich ein langj├Ąhriges Vorhaben war und im Laufe der Zeit auch weitere Elemente wie "Die NEUE Kunstsektion" dazugekommen sind.

Eine der Konsequenzen war die massive K├╝rzung der Mittel aus der Bundeskunstf├Ârderung, die 1999 noch ungef├Ąhr 150.000 Euro, 2000 und 2001 allerdings nur mehr je 70.000 Euro betragen haben. Neben dieser finanziellen Bedrohung stand auch der Rauswurf aus den bisherigen R├Ąumlichkeiten im Wiener MuseumsQuartier (MQ) bevor. Worin bestand der Konflikt?

Martin Wassermair: Im Sommer 2001 erfolgte die offizielle Er├Âffnung des MQs, und alle Institutionen waren eingeladen, einen Er├Âffnungsbeitrag zu leisten. Jede/r wusste, dass dies zugleich ein gro├čer Staatsakt sein wird, bei dem auch hohe Repr├Ąsentant/innen der Bundesregierung anwesend sein werden. Das wollten wir dann gleich zum Anlass nehmen, um uns f├╝r all das erkenntlich zu zeigen, was wir bisher haben erleben d├╝rfen, und haben eine Installation vor dem MQ errichtet, wo Internet-User/innen ├╝ber ein spezielles Interface die M├Âglichkeit hatten, Botschaften in den ├Âffentlichen Raum zu projizieren. Das Projekt hie├č "Remote Viewing" und sollte mit verschiedenen K├╝nstler/innen verwirklicht werden. Nur wurde uns dieser Beitrag kurzerhand mit dem Hinweis untersagt, dass das aus sicherheitstechnischen Gr├╝nden nicht vor dem MQ angebracht werden darf. Als Reaktion haben wir dann in einem Hof innerhalb des MQ eine kleine Milit├Ąranlage aufgebaut, mit NATO-Zelt und Sands├Ącken, und haben diese mit unseren Slogans versehen. Das war unser Er├Âffnungsbeitrag, der auf gro├če Begeisterung gesto├čen ist. Und als die Er├Âffnung vorbei war, haben wir uns geweigert, da wieder abzuziehen. Wir haben dieses kleine Fleckchen im MQ-Seitenhof dauerhaft besetzt gehalten.

W├Ąhrend dessen erhielt Public Netbase von MQ-Direktor Wolfgang Waldner bereits einen R├Ąumungsbescheid ...

Martin Wassermair: Ja, zu dem Zeitpunkt haben wir bereits die R├Ąumungsklage erhalten, und es wurde versucht, uns mit allen m├Âglichen Drohgeb├Ąrden aus dem MQ rauszuekeln. F├╝r mich war Wolfgang Waldner, der sich ja nicht mehr wie sein Vorg├Ąnger als Gesch├Ąftsf├╝hrer, sondern als Direktor des MQ bezeichnet hat, immer ein sehr konsequenter Vollstrecker der schwarz-blauen Politik. Er hat eigentlich auch nie auf einen Marschbefehl der Bundesregierung gewartet, sondern das gleich in einem vorauseilenden politischen Gehorsam umgesetzt. Als er 1999 ins MQ gekommen ist, hat er eigentlich recht wenig vorgefunden, wo er seine eigene Handschrift h├Ątte auftragen k├Ânnen. Die gro├čen H├Ąuser wie etwa das Leopold Museum oder das Museum Moderner Kunst (MUMOK) waren schon da, und so blieb ihm nur mehr der sogenannte "Fischer-von-Erlach-Trakt", wo er sich ein Denkmal setzen wollte. Da waren die dort ans├Ąssigen Institutionen wie die basis wien, das depot oder eben auch Public Netbase st├Ârende Fremdk├Ârper, und die wollte er raus haben. Wir haben dann nicht zuletzt aufgrund juristischer Beratung das Feld ger├Ąumt, und heute steht dort mit dem "Quartier 21" ein wirtschaftliches Erprobungsfeld f├╝r die heimische Kreativindustrie.

Das MQ argumentiert bis heute, Public Netbase h├Ątte ein Raumangebot im "Quartier 21" abgelehnt.

Martin Wassermair: Leider hat sich mit der Propaganda dieser Eindruck zunehmend verfestigt. Wir haben dem immer sachlich entgegen gehalten, dass wir unseren Vereinszweck nur unter gewissen r├Ąumlichen Rahmenbedingungen erf├╝llen k├Ânnen. Diese Anspr├╝che waren keinesfalls ├╝bertrieben, im Gegenteil, wir haben auch die internationalen Projekte immer unter sehr beengten Umst├Ąnden abgewickelt. Das konnten wir sogar dem MQ-Aufsichtsrat plausibel machen. Immerhin hat die Auslandspresse nach der R├Ąumungsklage von der "Wiener Schande" geschrieben (Neue Z├╝rcher Zeitung, 26. Juli 2001; Anm). Umso unvergesslicher bleibt also der 30. Juli 2001, als wir auf dem neutralen Boden des Historischen Museums der Stadt Wien nach stundenlangen Debatten zu einer F├╝nf-Punkte-Einigung gekommen sind.

Konrad Becker: Es gab mehrere Problembereiche, die dringend kl├Ąrungsbed├╝rftig waren, vor allem im Hinblick auf die zu erwartenden Kosten, die Laufzeit der Mietvertr├Ąge und die Veranstaltungsfl├Ąchen. Die in den Jahren der Vorbereitung und Projektentwicklung gemachten Zusagen wurden ja von Waldner alle aufgek├╝ndigt. Wir haben uns dann in langwierigen Verhandlungen in allem sehr zur├╝ckgenommen und einen Kompromiss geschlossen, weil wir der Ansicht waren, dass es noch immer lohnender ist, einen Br├╝ckenkopf f├╝r kritische Medienkulturpraxis in diesem Haus zu etablieren. In seiner Funktion als Bevollm├Ąchtigter der Stadt Wien hat Hofrat D├╝riegl die sinngem├Ą├če zuk├╝nftige Umsetzung pers├Ânlich garantiert. Im Sinne einer Deeskalation wurde dann auch die Abmachung getroffen, dass die MQ-Gesch├Ąftsf├╝hrung die R├Ąumungsklage zur├╝ckzieht, w├Ąhrend Public Netbase die R├Ąume vor├╝bergehend ├╝bergibt. Nach unserem Auszug mussten wir allerdings schnell merken, dass die MQ-Leitung auch nicht einen Augenblick daran dachte, uns wirklich zur├╝ckkehren zu lassen. Alle Abmachungen wurden fortan dreist ignoriert. Das war nat├╝rlich nur m├Âglich, weil die Stadt Wien den Bruch dieser Abmachung nicht nur v├Âllig widerspruchslos hingenommen hat, sondern das ganze MQ einem kurzsichtigen politischen Opportunismus opferte, wo eine kritische Haltung nicht mehr erw├╝nscht war.

Das Augenmerk von Public Netbase hat sich dann nicht zuletzt aufgrund des Verlusts der R├Ąumlichkeiten im MQ auf den Karlsplatz verlagert. Dieser wurde im Sommer 2003 durch ein Mediencamp, an dem sich neben Public Netbase auch Radio Orange 94.0, die IG Kultur Wien, MALMOE und das PUBLIC VOICE Lab beteiligt haben, tempor├Ąr besetzt. Was waren die Forderungen dieses Mediencamps?

Martin Wassermair: Die Besetzung zog ihre Energie aus dem ├ärger ├╝ber das Scheitern eines eigenen "Community-TV" in Wien. Public Netbase war damals involviert in die Bem├╝hungen eines solchen Fernsehkanals, der 2001 als eines der 23 rot-gr├╝nen Gemeinschaftsprojekte in Wien postuliert worden war, gleichsam als Bottom-up-Projekt verschiedener Organisationen. Da hat sich auch ein eigener Verein entwickelt, wo ich damals f├╝r Public Netbase im Vereinsvorstand sa├č. Die damalige Vize-B├╝rgermeisterin Grete Laska und mit ihr nat├╝rlich die Stadt Wien haben das aber sofort abgew├╝rgt und das ganze Fernsehprojekt auf die lange Bank geschoben. Das hat letztlich zu diesem Protestcamp gef├╝hrt, wobei Public Netbase nach dem Rauswurf aus dem MQ den Karlsplatz auch als m├Âgliches Aktionsfeld betrachtet hat. Die Bem├╝hungen, eigene R├Ąumlichkeiten am Karlsplatz zu realisieren, wurden dann aber durch weitere K├╝rzungen von Seiten der Stadt Wien zunichte gemacht.

Wie kam es dann letztlich zur Schlie├čung von Public Netbase?

Martin Wassermair: Es gab ja immer den Vorwurf von Seiten der Stadt, dass wir nicht mit dem Geld auskommen wollen, das uns zur Verf├╝gung steht. Im Grunde haben wir aber nichts anderes getan, als alle anderen Institutionen auch tun, n├Ąmlich einen Bedarf kommuniziert und gefordert, dass die Politik diesen Bedarf ausreichend deckt. Als 2004 erstmals drastisch von Seiten der Stadt Wien gek├╝rzt wurde, auch als eine Folge des Mediencamps, haben wir die Netbase soweit zur├╝ckgebaut, um trotz anderslautender Versprechungen mit sukzessiven K├╝rzungen das Auslangen zu finden. Nur war die Situation dann auch schon so zugespitzt, weil der Wiener Kulturstadtrat, Andreas Mailath-Pokorny, schon ein neues F├Ârdersystem f├╝r die Wiener Netzkulturen ausgearbeitet hatte und Public Netbase de facto beseitigen musste, um dieses implementieren zu k├Ânnen. Am 11. J├Ąnner 2006 gab es dann eine Sitzung mit dem Ergebnis, dass unter den gegebenen Umst├Ąnden ein Weiterarbeiten keinen Sinn mehr macht. Wir haben noch am selben Tag die Schlie├čung von Public Netbase bekanntgegeben.

W├╝rdest Du sagen, dass mit dem Wegfall von Schwarz-Blau das Interesse der sozialdemokratisch regierten Stadt Wien an Public Netbase gesunken ist?

Martin Wassermair: F├╝r die Sozialdemokratische Partei (SP├ľ) in Wien war die Gro├čwetterlage nach dem Februar 2000 eine gro├če Chance, sich diametral zum schwarz-blauen Bund zu positionieren. Damals hat man ja noch mit gro├čem Interesse die kulturpolitische Ausrichtung von Public Netbase mitverfolgt; also vor allem diesen kantigen Widerstand gegen Schwarz-Blau, der ja nicht aus Jux und Tollerei bestanden hat, sondern sachlich gut begr├╝ndet war und mit einer Vielzahl von Aktivit├Ąten gro├če internationale Beachtung finden konnte. Da hat man Public Netbase von Seiten der Stadt Wien sicherlich neu sch├Ątzen gelernt und ist dann auch, nach den K├╝rzungen durch die Bundesregierung, in die Bresche gesprungen. Nur war es naiv zu glauben, dass wir damit unser Kritikverm├Âgen aufgeben w├╝rden – auch nicht gegen├╝ber der Stadt. Unterdessen hat man uns auch offen nahegelegt, so etwas wie ein Aufsichtsratsgremium einzurichten, in dem dann st├Ądtische Politiker/innen sitzen w├╝rden. Ein sehr unmoralisches Angebot, das wir dankend ausgeschlagen haben. R├╝ckblickend halte ich es da mit Brian Holmes, der das Ende von Public Netbase einmal als unausweichlich bezeichnet hat, weil wir eben alles richtig gemacht haben.