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Kampfzonen in Kunst und Medien IV

Elche und andere Kritiker

Die Presse Spectrum, 23. August 2008 Die Presse Spectrum, 23. August 2008

Im Spectrum der Tageszeitung Die Presse erschien am 3. Juli 2010 eine ausf√ľhrliche Besprechung des Sammelbands Kampfzonen in Kunst und Medien.


Elche und andere Kritiker


Von Thomas Rothschild

Die diskussionswillige √Ėffentlichkeit bleibt auf der Strecke, wenn Kulturpolitik gemacht wird, so die Hauptthese in der Essaysammlung "Kampfzonen in Kunst und Medien". Eine Bestandsaufnahme aus Kakanien.


Dient Kunst als Segment nur noch dem urbanen Entertainment sowie dem st√§dtetouristischen Wettbewerb Europas?", fragen mit einer etwas irritierenden Wortstellung die Herausgeber dieses Aufsatzbandes, dessen militaristischer Titel im Editorial mit dem Stichwort "Schlachtfelder" noch √ľbertroffen wird. Kampfzonen und Schlachtfelder im Land der parit√§tischen Kommissionen und Gro√üen Koalitionen? Man ist gespannt. Man wei√ü ja nie genau, was im Keller versteckt wurde.

Es sind Wahrheiten, aber leider nur halbe Wahrheiten. Die Herausgeber stellen fest: "Forschung und Lehre wurde das Humboldtsche Ganzheitsprinzip mit dem neoliberalen Rohrstab ausgetrieben, stattdessen werden die Studierenden durch das im Bologna-Prozess vereinheitlichte Hochschulwesen gejagt." Das ist wahr. Wahr ist aber auch, dass die meisten Hochschullehrer mit jenen Politikern kollaborierten, die diese Entwicklung seit gut einem Jahrzehnt zu verantworten haben.

Gerhard Ruiss, der langj√§hrige Gesch√§ftsf√ľhrer der IG Autorinnen Autoren, weist darauf hin, dass "Publikumsdiskussionen mit Kulturverantwortlichen, die √ľber Selbstdarstellungsauftritte hinausgehen", kaum mehr stattfinden, sich daf√ľr aber "die Empf√§nge zu Repr√§sentationszwecken" mehren, was jedoch "der noch vorhandenen diskussionswilligen Rest√∂ffentlichkeit auch nicht auff√§llt, weil sie dort nicht hingeht". Wie wahr. Wer aber geht hin und spielt dort seinen Part? Falls Zweifel bestehen, empfehle ich den √Ėsterreichempfang bei der Frankfurter Buchmesse. Die Selbstdarstellung, darauf ist Verlass, beschr√§nkt sich nicht auf die Kulturverantwortlichen. Sie wissen, wen man mit einem Glas Prosecco locken kann. Die essen mit angeregtem Appetit bei Morak oder Schmied Br√∂tchen wie die Universit√§tsprofessoren bei Einem, Gehrer oder Hahn – und alle miteinander auf des Kanzlers Gartenfest. W√ľrdige Vertreter, wissenschaftliche Elite. Und wo bleibt derweilen die diskussionswillige Rest√∂ffentlichkeit?

Felix Stalder befasst sich mit dem leidigen Thema Urheberrecht. In der Beschreibung des antidemokratischen Rituals einer Wiener Ausstellungser√∂ffnung durch Marlene Streeruwitz erkannte ich die Veranstaltungen der √Ėsterreichischen Gesellschaft f√ľr Literatur im Palais Palffy vor nunmehr 45 Jahren wieder. Die Kampfzonen haben sich nicht ver√§ndert. Offenbar hat der Kampf nicht stattgefunden. Auf den Goldst√ľhlchen sitzen immer noch die gleichen – nun ja, wie sage ich das vornehm?

Thomas Trenkler schreibt √ľber die Ausgliederung der Kunstmuseen. √úber die engere Thematik des Gedenkens, wie es sich seit dem "Gedenkjahr" 2005 f√ľr sie darstellt, reflektiert Isolde Charim. Sie konstatiert eine Entpolitisierung des Gedenkens und dar√ľber hinaus der Geschichte. Damit hat sie ganz allgemein sicher Recht. Fragt sich nur, was daran spezifisch √∂sterreichisch ist. Der Ausgangspunkt war in Deutschland nicht erst 2005 ein anderer. Aber die beschriebene Tendenz trifft man dort ebenso an wie in √Ėsterreich, und es gibt daf√ľr schon eine Menge Erkl√§rungen. Man k√∂nnte sogar behaupten, dass Charims Diagnose eher f√ľr Deutschland gilt als f√ľr √Ėsterreich: hier n√§mlich, wo Sisi-Filme und Mayerling-Devotionalien das Geschichtsbild bestimmten, wo das Schlagwort vom "Habsburger V√∂lkerkerker" l√§ngst durch eine verkl√§rende Mitteleuropanostalgie ersetzt wurde, gab es, was das Gedenken betrifft, nicht sehr viel, was h√§tte entpolitisiert werden k√∂nnen. Das Erstaunen des Herrn Karl dar√ľber, dass er jetzt b√∂s ist, der Tennenbaum, hat in un√ľbertrefflicher Weise die √∂sterreichische Kondition auf den Begriff gebracht.

Dagmar Travner kann f√ľr die f√ľnf Jahre der √ĖVP/FP√Ė-Koalition keine wesentlichen Ver√§nderungen gegen√ľber der vorausgegangenen Kulturpolitik erkennen. Und sie kommt zu dem Schluss, die Kunst werde in ihrem √úberlebenskampf "notgedrungen mehr und mehr politisiert, bedient sich des Instruments der Erregung, um selbst Aufmerksamkeit zu erregen". Wiederum: Ist das tats√§chlich eine Tendenz der vergangenen Jahre? Travner nennt selbst Handke, Turrini, Nitsch und Bernhard. Die haben doch lange vor Haider und Co. erregt. Und so politisch wie Geiger, Kehlmann und Glavinic waren Aichinger und Fried, Scharang und Kerschbaumer, Henisch und Jelinek allemal.

Daniela Koweindl protokolliert die Misere um den K√ľnstlersozialversicherungsfonds. Marlene Streeruwitz meldet sich noch einmal zu Wort, mit einem poetischen Text zur √∂konomischen Lage von Schriftstellerinnen. Poetisch ist auch Helmut Ploebsts Fantasiest√ľck zur Performance von Politik und Kunst in √Ėsterreich. In die Provinz f√ľhrt Andreas Wahl. Weiter geht's mit Ansichten zur Musik und zum Film, zum Museumsquartier, zur √ĖVP, zu den Medienintellektuellen und antirassistischem Widerstand, zum Stellenwert der k√ľnstlerischen Intelligenz und der Kunst selbst, zur √Ėkonomie, zur Wissenschafts- und Hochschulpolitik und zu den Medien.

Die auch sprachlich anregendsten Beitr√§ge stammen von Joachim Riedl und von Thomas Mie√ügang, die sich beide nicht den sozusagen "nat√ľrlichen" Gegner, sondern die Sozialdemokratie vornehmen. Mie√ügang schreibt: "Umso entt√§uschender, dass der SP√Ė, die nach dem nationalkonservativ-neoliberalen Intermezzo die Chance gehabt h√§tte, das Feld v√∂llig neu zu vermessen, nicht mehr einfiel, als den Morak-Kurs mit ein paar Akzentverschiebungen im Mikrobereich einfach fortzusetzen." Fiel der SP√Ė wirklich nicht mehr ein, oder war der Morak-Kurs nach ihrem Geschmack? Sie sprechen es meist nicht offen aus. Aber dass Kunst und Kultur bei der SP√Ė vor Morak eine hohe Priorit√§t gehabt h√§tten, kann niemand ernsthaft behaupten.

Thomas Mie√ügang ist leitender Kurator der Kunsthalle Wien, einer Einrichtung der Stadt Wien, deren Kurator man – formulieren wir vorsichtig – ohne eine gewisse N√§he zur SP√Ė nicht wird. Man darf also fragen, was Mie√ügang unternommen hat, um die Fortsetzung des Morak-Kurses zu unterbinden. Wo blieb sein Ultimatum? Ein paar flapsige Scherzchen wie am Ende seines Beitrags werden da nicht reichen.

"Die schärfsten Kritiker der Elche sind nach wie vor selber welche." Das stimmt zwar metrisch nicht. Inhaltlich aber stimmt es hundertprozentig.