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Im Brennpunkt der Konflikte

Afrikas Fußball steckt zwischen Armut, Staatsdespotismus und globalen Krisen fest

Von Martin Wassermair. Erschienen in: ballesterer fm, Nr.41, April 2009

Kaum jemand kann in Kamerun mit dem k√§rglichen Einkommen die eigene Existenz bestreiten. Viele sind, trotz zumeist guter Bildung, ohne Arbeit oder, im Falle einer Erkrankung, auf der vergeblichen Suche nach medizinischer Versorgung. Von dieser bitteren Realit√§t kann auch die wachsende Zahl der √ľberdimensionalen Werbetafeln im √∂ffentlichen Raum nicht ablenken, denn der Wirtschaftsboom, den die um sich greifende Kommerzialisierung glaubhaft machen will, kommt in Wahrheit nur sehr wenigen zugute.
Dagobert Dang im Stadion von Obala Dagobert Dang im Stadion von Obala
Werbetafel in Yaoundé Werbetafel in Yaoundé

Mit der erstmaligen Austragung einer FIFA-Weltmeisterschaft wächst in Afrika die Zuversicht auf einen Ausweg aus der nicht enden wollenden Misere. Doch noch haben Armut, Staatsdespotismus und globale Krisen den Kontinent sowie dessen Fußball fest im Griff. Ein Lokalaugenschein in Kamerun.


Am Ende hatte es zum Sieg nicht gereicht. Im Finale des afrikanischen Nationencups der Junioren mussten Kameruns "Lionceaux" (L√∂wenjungen) am 1. Februar neidlos anerkennen, dass die "Black Satellites" aus Ghana beim 2:0 in der ruandischen Hauptstadt Kigali klar √ľberlegen waren. Eigentlich k√∂nnte sich das von Fu√üballerfolgen zuletzt nicht allzu verw√∂hnte Land, das aufgrund der zentralen Lage und der unterschiedlichen Klimazonen gemeinhin als "Afrika in Miniatur" bezeichnet wird, mit dem Titel des Vizechampions zufrieden geben. Das Ergebnis erm√∂glicht immerhin die Teilnahme an der im Herbst 2009 in √Ągypten stattfindenden U20-Weltmeisterschaft und markiert somit ein psychologisch wichtiges Etappenziel auf dem Weg zur WM 2010 in S√ľdafrika.

Die sorgenvollen Blicke, die am Tag des verlorenen Endspiels vor den TV-Ger√§ten die Runde machten, galten jedoch nicht alleine der kompetitiven Zukunft der nachr√ľckenden Generationen. Mancherorts entsprang die Unruhe schon eher den aktuellen Entwicklungen au√üerhalb des gr√ľnen Rasens. Zwei Tage zuvor war der in Mbouda festlich geplante Saisonauftakt der Jugendliga durch den Gouverneur der Region verboten worden. Die lapidare Begr√ľndung: Mit den zu erwartenden Krawallen drohe eine Gef√§hrdung der √∂ffentlichen Sicherheit. F√ľr Emmanuel Gustave Samnick, den streitbaren Herausgeber der w√∂chentlich erscheinenden Fu√üballzeitschrift Ndamba, ist der Vorfall einmal mehr ein Beweis, dass Kamerun "dem Rest des afrikanischen Kontinents eine lange Nase dreht". Mit einem "Fu√üball, der Siege erringen kann", und zwar "ungeachtet der nicht vorhandenen Infrastruktur, der unsinnigen K√§mpfe zwischen dem Verband und den durch ihn Bevormundeten sowie der generellen Unordnung in der Rumpelkammer des Staates". Und dennoch w√ľrden diese Siege, so entl√§dt sich sein Unmut, gro√üteils gegen Nationen erzielt, die unter den gleichen schwierigen Voraussetzungen der F√∂rderung des Nachwuchses mehr Augenmerk schenken. In Kamerun hingegen werde der erforderliche Ehrgeiz nicht in den Stadien erweckt, so Samnick, sondern l√∂se bestenfalls "unn√∂tige Machtquerelen" aus, vor allem "zwischen der Regierung und der Welt des Sports".

Erinnerungen an bessere Zeiten

Ungew√∂hnliche Worte in einem Land, in dem es nicht als opportun erachtet wird, die M√§chtigen mit √∂ffentlicher Kritik zu konfrontieren. Wie aber konnte es dazu kommen, dass Kameruns Fu√üball knapp ein Jahr vor der so bedeutsamen FIFA WM 2010 in den Brennpunkt virulenter Konflikte geraten ist? Es hat wohl zuallererst damit zu tun, dass der Sport von √∂konomischen und politischen Bedingungsfaktoren nicht losgel√∂st werden kann. Eine Einsicht, die in Kamerun und vielen anderen afrikanischen Gesellschaften keineswegs auf ungeteilte Zustimmung st√∂√üt. Selbst Roger Milla, vor zwei Jahren zum besten Fu√üballer Afrikas der vergangenen 50 Jahre gew√§hlt, zeigt sich im pers√∂nlichen Gespr√§ch davon √ľberzeugt, dass "zu wenig Respekt" f√ľr die Spitzen des Staates in letzter Konsequenz "innere Konflikte wie etwa in der Elfenbeink√ľste" nach sich ziehe. Milla l√§sst dabei au√üer Acht, dass noch im Februar 2008 die Menschen in den gro√üen Zentren Kameruns auf die Stra√üen gegangen sind, um gegen Preistreiberei und f√ľr mehr Demokratie zu demonstrieren. Die Staatsgewalt reagierte damals mit aller H√§rte, verh√§ngte Ausgangssperren und griff zu den Gewehren. Tage sp√§ter waren Hunderte Tote zu beklagen – darunter eine gro√üe Anzahl Jugendlicher.

Die √∂ffentliche Ruhe ist seither wieder hergestellt, an den zentralen Problemen hat sich jedoch wenig ge√§ndert. Kaum jemand kann mit dem k√§rglichen Einkommen die eigene Existenz bestreiten. Viele sind, trotz zumeist guter Bildung, ohne Arbeit oder, im Falle einer Erkrankung, auf der vergeblichen Suche nach medizinischer Versorgung. Von dieser bitteren Realit√§t kann auch die wachsende Zahl der √ľberdimensionalen Werbetafeln im √∂ffentlichen Raum nicht ablenken, denn der Wirtschaftsboom, den die um sich greifende Kommerzialisierung glaubhaft machen will, kommt in Wahrheit nur sehr wenigen zugute. Den Alltag beherrschen mangelnde Transparenz der staatlichen Organe sowie die Machtverflechtungen der Eliten, was sich auch in den Verb√§nden widerspiegelt. In der obersten Etage ist Afrikas Fu√üball √ľberhaupt fest in den H√§nden Kameruns. Issa Hayatou, seit nunmehr 20 Jahren Pr√§sident der Conf√©d√©ration Africaine de Football (CAF), wurde Ende Februar bereits zum f√ľnften Mal wiedergew√§hlt und setzt somit seine T√§tigkeit bis 2013 fort. Er stammt aus Garoua, einer Stadt im hohen Norden des Landes. Ebenfalls hier ans√§ssig ist Mohammed Iya, Pr√§sident der F√©d√©ration Camerounaise de Football (Fecafoot) und einflussreicher Generaldirektor der heimischen Baumwollproduktion. Seine Wiederwahl im Mai gilt als so gut wie sicher. Damit w√ľrde eine au√üergew√∂hnliche Konzentration prolongiert, die selbst in Kamerun, wo regionale Herkunft, Familienbeziehungen und ethnische Zugeh√∂rigkeit von sehr sensibler Bedeutung sind, nur wenig Popularit√§t genie√üt.

Etwa eintausend Kilometer s√ľdlich von Garoua liegt Obala, im bereits tropischen Einzugsgebiet der Hauptstadt Yaound√©. Die Randlage hat √ľber Jahrzehnte dazu gef√ľhrt, dass die sich tief in den Dschungel erstreckende Gemeinde zunehmend ins Abseits geraten ist. Das Zentrum bezieht seinen Charme in erster Linie vom regen Treiben auf dem st√§dtischen Markt, der aufgrund der nicht asphaltierten Durchzugsstra√üe mehrmals t√§glich in einer Staubwolke verschwindet. Hier schw√§rmen die Menschen gerne von vergangenen Zeiten, nicht zuletzt deshalb, um sich von den Vers√§umnissen der Modernisierung etwas abzulenken. Umso gr√∂√üer ist die Freude, wenn sich ein seltener Anlass bietet, der die wichtigsten Fernsehanstalten des Landes nach Obala lockt, um ein bedeutsames Ereignis in das Blickfeld der medialen Aufmerksamkeit zu r√ľcken.

Physiognomie des afrikanischen Fußballs

Am 14. Februar 2009 war es wieder einmal soweit. Dagobert Dang, ein ehemaliger "Lion indomptable" (unbezwingbarer Löwe), feierte seinen offiziellen Abschied vom aktiven Sport. Einen Tag lang galt ihm, der seit langem in Obala lebt, die ganze Aufmerksamkeit. In der Stadt wimmelte es daher nur so von weißen T-Shirts, auf denen Рneben einer Vielzahl von Sponsoren Рder Name des Jubilars zu lesen war. Zahlreiche Persönlichkeiten des Kameruner Fußballs waren angereist, um dem verdienten Weggefährten in einem freundschaftlichen Match die Aufwartung zu machen. Kurze Zeit später war der Rummel wieder vorbei.

Zur√ľckgeblieben ist neben den Sorgen der Perspektivlosigkeit auch eine gewisse Melancholie, die sich in den Gesichtsausdruck des nunmehr 42-J√§hrigen eingeschrieben hat. Dang wei√ü wie kein anderer von den glorreichen Erfolgen des lokalen Klubs Tarzan d'Obala zu berichten, aus einer Zeit vor dem Abstieg in die Niederungen der zweiten Division. Beim Besuch der st√§dtischen Spielst√§tte klingt dann auch Wehmut durch: "Wer sich von der Physiognomie des afrikanischen Fu√üballs ein Bild machen will", so die ged√§mpfte Stimme, "muss sich die Stadien n√§her ansehen. Hier offenbart sich der Mangel unseres Systems!" In den 1990er Jahren habe sich das fu√üballerische Engagement in Kamerun noch einigerma√üen bezahlt gemacht, dann kam der erste gro√üe Abschwung. Heute gebe es wenig Veranlassung, auf die Zukunftsf√§higkeit der nationalen Karriereleiter zu vertrauen. An die "Ehemaligen" denkt ohnehin niemand mehr. Jeder von ihnen muss schauen, dass er es bis zum Ende des Tages schafft.

Doch Dagobert Dang l√§sst sich nicht unterkriegen und hat die Formation von damals neu aufgestellt. Mit der Gr√ľndung einer Schule f√ľr junge Fu√üballtalente unternehmen die Veteranen von Tarzan d'Obala seit Beginn des Jahres den Versuch, dem Lauf der Zeit zu trotzen und ihr Erbe nicht einfach nur tatenlos der R√ľcksichtslosigkeit einer globalen Verelendung zu √ľberlassen. Geradezu ehrf√ľrchtig haben sie f√ľr die Schule den Namen "Les enfants de Roger" (Rogers Kinder) gew√§hlt. Auf einen Nachwuchsstar darf die Gemeinde bereits verweisen. Arnaud Nsemen, der Sohn Dagobert Dangs und St√ľrmer von Fovu Club de Bahan, f√ľhrt die Torsch√ľtzenliste der ersten Liga an.

 
 
Unterst√ľtzungsm√∂glichkeit f√ľr ein Bildungsprojekt in Obala

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