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Randerscheinungen

Kulturgeschichte ohne Zeitenwende des Denkens

Von Martin Wassermair. Erschienen in: gfk-Magazin, 02/2015, August 2015

Was bleibt von einer durch Randerscheinungen bedingten Überlegenheit, wenn die Überlegenen nunmehr selbst zur Randerscheinung einer unnachgiebigen Kolonialherrschaft verkommen? Wie auch immer, die gesichtslosen UnterdrĂŒckten, Diskriminierten und Ausgeschlossenen mĂŒssen wohl endlich an ihren RĂ€ndern zueinander finden.
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Im 19. Jahrhundert trugen einflussreiche GeistesgrĂ¶ĂŸen wie Victor Hugo und Alexis de Tocqueville maßgeblich zur Unanfechtbarkeit der in dieser Epoche vorherrschenden Überzeugung bei, dass Menschen dunkler Hautfarbe geschichtslose Kreaturen seien, ohne jeden Verstand und damit vor allem auch nicht dazu in der Lage, irgendetwas Universelles hervorzubringen. Damit formierte auch die aufgeklĂ€rte Kritik der reinen Vernunft fĂŒr den weiteren Weltenlauf fatale RĂ€nder, in deren politischen und gesellschaftlichen InnenrĂ€umen universelle Akte wie SolidaritĂ€t und die Achtung der MenschenwĂŒrde schlicht nicht vorgesehen waren – mit dramatischen Folgewirkungen bis in die Gegenwart.

Denn zwei Jahrhunderte spĂ€ter kehren die geĂ€chteten Randerscheinungen auf jene BĂŒhne zurĂŒck, die es nicht zuletzt auch durch das intellektuelle Zutun auf Gedeih und Verderben zu verteidigen gegolten hat. Es sind bereits Tausende, Hunderttausende, Millionen. Das postkoloniale Zeitalter erstarrt seither in Angst und Schrecken. Die auf tief verinnerlichtem Rassismus gebauten Zentren verkriechen sich innerhalb ihrer Wagenburg, um sich der Geister, die sie gerufen haben, ein fĂŒr allemal zu entledigen – in Österreich, in Europa und auch darĂŒber hinaus. Und tatsĂ€chlich fĂŒhrt das große Sterben die beunruhigende Regie.

Die Anzahl jener Menschen, die vor sozialem Elend, Hunger, Krieg und Klimakatastrophen verzweifelt Zuflucht suchen, wĂ€chst unablĂ€ssig an. WĂ€hrend sich die Öffentlichkeit bereits gefĂ€hrlich an die vielen Toten im Mittelmeer zu gewöhnen scheint, tritt das politische Europa den ungezĂ€hlten Leichenbergen mit gleichgĂŒltiger Duldung und immer neuen militĂ€rischen Maßnahmen zur Sicherung der Grenzen gegenĂŒber. Das Totalversagen der EU-Staaten macht sich nicht nur der Missachtung von Menschenrechten und der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, sondern verstellt auch immer mehr den Blick auf die Ursachen und HintergrĂŒnde der Flucht.

Damit verschiebt sich die erforderliche Perspektive wieder an die RĂ€nder. Denn tatsĂ€chlich sind die wohlhabenden LĂ€nder des Nordens maßgeblich dafĂŒr in die Verantwortung zu nehmen, weshalb Menschen ihre vertraute Umgebung verlassen, um unter grĂ¶ĂŸtem Risiko in eine bessere Zukunft aufzubrechen. Eine seit langem zweifelhafte  Entwicklungspolitik, das oftmals kriegerische Durchsetzen von Wirtschaftsinteressen, die Beteiligung an den korrupten Profiten zahlreicher Diktaturen, die Steuerflucht global agierender Konzerne sowie der Raubzug an den natĂŒrlichen Ressourcen und dem kulturellen Reichtum in der sĂŒdlichen HemisphĂ€re rĂŒcken insbesondere die Frage in den Fokus, wie diesen unsĂ€glichen RealitĂ€ten Einhalt geboten werden kann.

Wichtige DenkanstĂ¶ĂŸe finden sich dazu unter anderem bei Achille Mbembe, einem in Kamerun geborenen Politikwissenschafter und aufgrund seiner radikalen Töne nicht unumstrittenen Schrittmacher der postkolonialen Diskurse. Er verdeutlicht in seinem neuen Werk "Die Kritik der schwarzen Vernunft" den dichotomen Zusammenhang des Rassismus mit einem global umspannten und phallokratischen Kapitalismus, durch den sich die Menschen – nicht nur, dafĂŒr aber umso furchtsamer – in Europa in Gefahr wĂ€hnen, in den Sog einer durch undurchschaubare FinanzmĂ€rkte gesteuerten Degradierung zur Provinz zu geraten. Denn was bleibt von einer durch Randerscheinungen bedingten Überlegenheit, wenn die Überlegenen nunmehr selbst zur Randerscheinung einer unnachgiebigen Kolonialherrschaft verkommen? Wie auch immer, die gesichtslosen UnterdrĂŒckten, Diskriminierten und Ausgeschlossenen mĂŒssen wohl endlich an ihren RĂ€ndern zueinander finden. Hier tun sich ihnen schließlich Orte auf,  an denen sie, wie Mbembe schreibt, "in SolidaritĂ€t mit der gesamten Menschheit" treten – zur Universalisierung ihres gemeinsamen Kampfes gegen jede imperiale Form der Unterwerfung der menschlichen Gemeinschaft.

 

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