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Begierde nach Fremden

Mit "Afrika! Afrika!" erweckt Heller Kolonialphantasmen zu neuem Leben und macht Andersartigkeit zum Geschäft.

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Falter, 29. November 2006

Die Wiederbelebung kolonialer Phantasmen ist ein v√∂llig ungeeignetes Mittel, Afrika in das Blickfeld √∂ffentlicher Aufmerksamkeit zu r√ľcken. Es ist diese Inszenierung des Staunens, die letztlich Andersartigkeit zementiert - mit oftmals fatalen Folgen.
Falter, 29. November 2006 Falter, 29. November 2006

Seit 16. November ist der Wiener Prater wieder ein Ort, an dem der Blick auf "das Fremde" gerichtet ist. Dieser Blick kann Massen in Bewegung setzen, wenn die Begierde als leitendes Motiv entsprechend wach gerufen wird. Andr√© Heller versteht es seit Jahren, diese Anziehungskraft mit multimedialen Illusionswelten zu erzeugen, mit emotional aufgeladenen Erlebnisr√§umen, die immer auch den tristen Alltag ein wenig vergessen lassen. Jetzt gastiert er mit seiner Produktion "Afrika! Afrika!" in Wien, wo er nach dem Erfolg in Deutschland zahlreichen K√ľnstlerinnen und K√ľnstlern eine Zirkus-Manege errichten lie√ü. Ungeachtet ihrer genauen Herkunft, Lebensgeschichte und individuellen Sozialisation sind sie alle mit dem Etikett "Afrika" versehen. Denn "Afrika", so trommelt die dahinter stehende PR-Maschinerie bereits seit Wochen, sei ein "Paradies der Lebensfreude", ein "K√∂nigreich der Gaukler" - und genau das gelte es zu vermitteln.

Dass sich mit Events und Spektakelkultur viel Geld verdienen l√§sst, ist eine Zeiterscheinung, zu der Andr√© Heller nicht unwesentlich beigetragen hat. Noch gilt er manchen als moralische Instanz, gegen seinen Willen wird er immer wieder f√ľr ein politisches Amt ins Spiel gebracht. Ein bizarrer Mosaikstein mehr im gegenw√§rtigen Sittenbild der Republik, denn hinter dem Afrika-Entertainment des "Magiers der Fantasie" tun sich historische und politische Zusammenh√§nge auf, die mit den Erfordernissen einer zeitgem√§√üen, demokratischen und weltoffenen Gesellschaft nicht vereinbar sind.

Bereits in den V√∂lkerschauen des 19. Jahrhunderts wurden Menschen in massenwirksamen Unterhaltungsprogrammen regelrecht vorgef√ľhrt. Eine besondere Leidenschaft galt dem fernen Afrika. Die Darbietungen enthielten Performances, T√§nze vor dem Hintergrund k√ľnstlich erzeugter Urwaldkl√§nge sowie die Inszenierung besonderer k√∂rperlicher Fertigkeiten. Schon damals staunte das Publikum √ľber Schlangenmenschen, Jongleure und rituelle Handlungen, deren breite Faszination sogar in literarische Werke Eingang finden sollte. 1897 hielt der √∂sterreichische Schriftsteller Peter Altenberg in Ashantee, einer heute pittoresk anmutenden Stimmungsprosa, seinen Voyeurismus bei der Ann√§herung an die "Neger der Goldk√ľste im Wiener Thiergarten" fest: "Man h√∂rte schon die Musik. Wie das Ger√§usch unter einem rollenden Eisenbahn-Waggon, wenn er √ľber eine Eisen-Br√ľcke f√§hrt. Die Priesterin befindet sich bereits in Extase, macht horrende Bewegungen."

Die Ashanti wurden hinter Gitter gehalten und lie√üen die zu dieser Zeit sehr stark sexualisierten Sehns√ľchte nach Tuchf√ľhlung mit den K√∂rpern und Gebr√§uchen der von der britischen Krone kolonialisierten und deportierten Stammesangeh√∂rigen quasi beim Spaziergang wahr werden. Doch nicht nur die Zoos erfreuten sich gro√üer Beliebtheit. Auch zirzensische Schaupl√§tze dienten als Attraktionen vorrangig dem Zweck, einen sicheren Raum anzubieten, der die Begegnung mit der Andersartigkeit v√∂llig ungef√§hrlich machte. Das zumeist gro√üst√§dtische Publikum wusste sich bei dem dargebotenen Nervenkitzel jedenfalls in Sicherheit, die angesichts der Konjunktur kulturdarwinistischer √úberzeugungen in Politik und Medien nicht selten mit √úberlegenheit gleich gesetzt wurde.

Andr√© Heller wird jedoch nicht m√ľde, in den vielen Interviews zu "Afrika! Afrika!" seine guten Absichten hervorzukehren. Er verweist darauf, dass ein Euro jeder verkauften Eintrittskarte k√ľnstlerischen Hilfsprojekten zu Gute kommen soll - bei Preisen zwischen 29 und 125 Euro. Offensichtlich leitet den Kreativunternehmer auch hier die Gewissensnot. Er kann jedenfalls nicht dar√ľber hinweg t√§uschen, dass seine Produktion in erster Linie ihm selbst zu ansehnlichen Ertr√§gen verhilft, nicht aber jenen Menschen, die nun auch in √Ėsterreich dem Marketingslogan "Kontinent des Staunens" eigentlich zugeordnet werden.

Die Wiederbelebung kolonialer Phantasmen ist ein v√∂llig ungeeignetes Mittel, Afrika in das Blickfeld √∂ffentlicher Aufmerksamkeit zu r√ľcken. Es ist diese Inszenierung des Staunens, die letztlich Andersartigkeit zementiert - mit oftmals fatalen Folgen. Die glanzvoll dekorierten Zeltpal√§ste schaffen das Refugium, f√ľr wenige Stunden mit leuchtenden Augen einem kulturellen Ausnahmezustand beizuwohnen. Diese Umkehrung der Wahrnehmungen darf allerdings nicht ohne Widerspruch hingenommen werden. Denn au√üerhalb herrscht eine Normalit√§t, die f√ľr jene Menschen, die auch aus Afrika zu uns kommen, um vor Elend, Umweltzerst√∂rung und Perspektivenmangel Zuflucht zu finden, keine sichere Distanz bereith√§lt, sondern eine immer gr√∂√üere Gefahr bedeutet. Das Staunen geb√ľhrt eigentlich einem Europa, das zur Abwehr der Migration aus Afrika Festungen hoch zieht und beim Vollzug immer neuer Fremdengesetze eine Dimension erreicht, die das Fundament der Grundrechte zunehmend ersch√ľttert.

Vor diesem Hintergrund ben√∂tigen K√ľnstlerinnen und K√ľnstler, deren kreative Leistung dem Publikum zur Vorstellung gebracht wird, nicht die Kulturimport-Almosen der Massenunterhaltungsindustrie, sondern R√§ume und strukturelle M√∂glichkeiten, um sich selbst zu vertreten und in einer Vielzahl von emanzipatorischen Projekten am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Beispiele wie jenes der "Recherchegruppe zur schwarzen √∂sterreichischen Geschichte" oder der Schwarzen Frauen Community zeigen Wege des kritischen Umgangs mit kultureller Differenz auf. Aber daran war Andr√© Heller bei "Afrika! Afrika!" offenkundig nicht gelegen.