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Cultural Backbone. Kultur braucht auch im Netz ein Rückgrat

Eine neue digitale Praxis bringt neue Herausforderungen für die Politik

Von Martin Wassermair, Konrad Becker und Marie Ringler. Erschienen in: Computerwelt Special. Das Österreichische Magazin für Internet-Einsteiger Nr.1, März 2000.

Künstlerische Praxis hat mit ihrer besonderen Sensibilität nicht nur sehr schnell auf den Vormarsch der neuen Technologien reagiert, der ihr mit virtuellen Räumen ein neues Terrain für ihre Ausdrucksformen eröffnete. Kultur an sich erfuhr mit den Veränderungen eine Erweiterung ihres allgemeinen Stellenwerts.

Aufgrund des rasanten Vordringens neuer Technologien in alle Bereiche des alltäglichen Lebens ist die Gesellschaft als Ganzes einem tiefgreifenden Wandel unterzogen. Digitale Medien sind nicht nur der ausschlaggebende Motor der Transformation in eine Informationsgesellschaft, sie bringen auch neue, noch nicht zur Gänze vorhersehbare Rahmenbedingungen mit sich hervor. Angesichts dieser Entwicklung werden Chancen und Risiken ineinander verwoben, ebenso wie Hoffnungen (Aufhebung der Grenzen) und Ängste (Globalisierung und Arbeitsplatzverlust), Skepsis (Isolation und Verlust menschlicher Bindungen) und Vertrauen (Werkzeug zum Erfolg). Hier kommen Eindrücke und Empfindungen zur Geltung, die als zentrale Motive in allen Epochen unserer Menschheitsgeschichte der Entfaltung von Kunst und Kultur entscheidende Impulse geboten haben.

Künstlerische Praxis hat mit ihrer besonderen Sensibilität also nicht nur sehr schnell auf den Vormarsch der neuen Technologien reagiert, der ihr mit virtuellen Räumen ein neues Terrain für ihre Ausdrucksformen eröffnete. Kultur an sich erfuhr mit den Veränderungen eine Erweiterung ihres allgemeinen Stellenwerts. Konkreter durch die Funktion, jetzt umso mehr gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Und zwar im Sinne einer bewußten Teilnahme an der Gestaltung der vielfältigen Lebensräume, in einer Art und Weise, die sich nicht bloß auf die künstlerische Behübschung der Landschaft und das reichhaltige Angebot einer kulturellen Massenindustrie beschränkt.

Nicht nur für Militärs, Unis und die Wirtschaft

Immer mehr Menschen nützen heute das Internet und seine Dienste zur persönlichen Mitteilung und zur Informationsbeschaffung. Von militärischen Einrichtungen entwickelt, anfänglich aber vorrangig von Universitäten zur Anwendung gebracht, wurde das Netz der Netze zunehmend interessanter für die Gewinnabsichten der Privatwirtschaft. Aus der Kommerzialisierung des elektronischen Raums erwächst aber immer mehr die demokratiepolitische Notwendigkeit, genau jenen Ideen und Nutzungsformen einen gleichwertigen Zugang zu den Netzwerken zu ermöglichen, die nicht alleine der Logik des marktwirtschaftlichen Mehrwerts folgen.

Herausforderung für die Politik

Die Überlegung, daß Politik hier die Aufgabe eines direkten Eingriffs in diese Entwicklungen zu übernehmen hat, kommt dem Selbstverständnis der Einrichtung von Schulen und von Bibliotheken nahe. Denn nur die Aneignung der Kulturtechnik des Lesens ermächtigt die Menschen, sich mit Hilfe eines Buches jenes Wissen zu erwerben, das wiederum für die Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen nötig ist. Und noch mehr: Das demokratische Gemeinwesen stützt sich neben der Existenz von politischen Parteien, Gewerkschaften, Interessensgruppen, vor allem auch auf die Befähigung der Menschen, sich selbst zu artikulieren und die eigene Meinung gegenüber anderen kundzutun. Die Aneignung von Medienkompetenz, das vorbehaltslose und angstfreie Lernen im Umgang mit der Signatur des neuen Mediums, ist demnach von ganz entscheidender Bedeutung.

Es ist bereits mehrfach nachgewiesen, daß Kunst und Kultur einen wertvollen Beitrag bei der Erforschung und Umsetzung von neuen Formen sozialer Interaktion und der Beteiligung in digitalen Systemen leisten. Kunst und Kultur sind imstande, im Zuge dieses gesellschaftlichen Umbruchs neuen Inhalten und einer sozial verträglichen Instrumentierung der neuen Technologien den Weg zu bereiten. Damit haben Medienkunst und Netzkultur zugleich als fixe Kategorien in die Historiographie der Kulturgeschichte Einzug gehalten.

Schnittstelle zwischen Kunst, Kultur und neuen Technologien

Public Netbase t0 hat von Beginn an als risikobereite und zukunftsgewandte Organisation an der Schnittstelle von Kunst, Kultur und neuen Technologien eine wegbereitende Vorreiterrolle übernommen. Als Katalysator, der vielfältige Ausdrucksformen in der Zusammenführung mit digitalen Medien initiiert und freie Meinungsäußerung im öffentlichen Raum stärkt und fördert. Die Bilanz seit 1995 kann sich dementsprechend sehen lassen. Mit 40.000 Besuchern seit 1997 und 56 Millionen Zugriffen auf die diversen Websites spricht das Interesse an der Arbeit von Public Netbase t0 schon für sich. Höhepunkte bildeten bisher sicherlich die stark frequentierten Ausstellungen Robotronika hypermatic:automagic (1998) und Synworld playwork:hyperspace (1999). Und auch in diesem Jahr erfährt die künstlerische Produktion eine beachtliche Wertschätzung durch die Einladung aus Belgien, mit dem Medienleitprojekt World-Information.Org zur europäischen Kulturhauptstadt Brüssel 2000 beizutragen.

Für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen

Um den vielseitigen Ansprüchen auch tatsächlich gerecht zu werden, kommt man nicht umhin, unablässig für eine spürbare Verbesserung der Rahmenbedingungen einzutreten. Denn noch herrschen auf der Ebene der politischen Verantwortung das Unverständnis und der Mangel an Bereitschaft vor, den unablässig vorgetragenen Forderungen aus dem kulturellen Feld Rechnung zu tragen. An ganz zentraler Stelle stehen dabei die zwingend nötige Bandbreite zur Datenübertragung und der uneingeschränkte Zugang zu den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Das kostet natürlich Geld, aber Gleichgültigkeit und Tatenlosigkeit kämen noch viel teurer. Im Hinblick auf die Ausbildung der heranwachsenden Generationen hat man diese Investition in die Zukunft längst erkannt. Analog zu bereits bestehenden Universitäts-, Schul- und Bildungsnetzen bedarf es daher auch eines Cultural Backbone im Internet. Eines elektronischen Rückgrats mit multipler Funktion, das niedrigschwellige, sozial durchlässige und dezentrale Einheiten schafft.

Was lange Zeit als avantgardistischer Alleingang exotischer Internet-Freaks betrachtet wurde, findet nunmehr zunehmende Zustimmung aus weiten Teile des österreichischen Kultur- und Geisteslebens. Schließlich besitzt Österreich ein reichhaltiges Potential an künstlerischer und kultureller Qualifikation und verfügt damit über eine geeignete Ausgangslage, mit gutem Beispiel voranzugehen und das Modell eines synergetischen Ausgleichs von Kunst, Kultur und Technologie mit nachhaltiger Wirkung zu realisieren. Jetzt ist es Aufgabe der Politik, und zwar disziplinenübergreifend, die vermehrte Einsicht in die Tat umzusetzen und endlich die Grundsteine zu legen. Für eine Informationsgesellschaft, die eine Partizipation der Menschen nicht behindert, sondern zu einem unverzichtbaren Kulturgut und damit zu ihrer wichtigsten Voraussetzung erklärt.