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Faces of the Evil. Faces of the Good.

9/11 als geschichtspolitische Herausforderung

Von Martin Wassermair. Erschienen in: MALMOE, Nr.48, Dezember 2009.

Die Debatte, welche historische Erz√§hlung anl√§sslich des zehnten Jahrestags der Anschl√§ge auf das World Trade Center in New York die Tageszeitungen und die zahlreichen News-Channel durchfluten wird, ist er√∂ffnet und wirft ein interessantes Licht auf die Administration Barack Obamas sowie vor allem auf deren Anstrengungen, auch auf dem Terrain der Erinnerungspolitik die √Ąra George W. Bushs mit einem tiefgreifenden Paradigmenwechsel abzul√∂sen.
New York, 11. September 2009, pt.1 New York, 11. September 2009, pt.1
New York, 11. September 2009, pt.2 New York, 11. September 2009, pt.2
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Wer schon heute dar√ľber r√§tselt, was vom 11. September 2011 zu erwarten ist, hat vorerst nur eine Gewissheit. Oprah Winfrey k√ľndigte vor kurzem an, ihre seit mehr als zwei Jahrzehnten erfolgreiche TV-Show an genau diesem Tag f√ľr immer zu beenden. Die Talkmasterin verspricht einen spektakul√§ren Schlussstrich f√ľr ein beachtliches Kapitel Mediengeschichte. √úberhaupt wird Geschichte an diesem denkw√ľrdigen Tag einen gro√üen medialen Raum einnehmen. Die Debatte, welche historische Erz√§hlung anl√§sslich des zehnten Jahrestags der Anschl√§ge auf das World Trade Center in New York die Tageszeitungen und die zahlreichen News-Channel durchfluten wird, ist allerdings jetzt so richtig er√∂ffnet und wirft ein interessantes Licht auf die Administration Barack Obamas sowie vor allem auf deren Anstrengungen, auch auf dem Terrain der Erinnerungspolitik die √Ąra George W. Bushs mit einem tiefgreifenden Paradigmenwechsel abzul√∂sen.

Tats√§chlich machen die regelm√§√üig wiederkehrenden Feierlichkeiten am 11. September deutlich, dass nationale Mythen keineswegs in ewiges Gestein gemei√üelt sind. Noch am fr√ľhen Morgen des Gedenktages 2009 versuchte New Yorks populistischer B√ľrgermeister Bloomberg, in den FOX News mit patriotischen Evergreens die Richtung vorzugeben: "9/11 war mit seinen 3.000 Toten der Weckruf der Nation. Wir leben nicht isoliert vom Rest der Welt, sondern m√ľssen immer aufs Neue f√ľr unsere Freiheit k√§mpfen." Der Lokalaugenschein am Ground Zero relativiert die Stimmungsmache allerdings. F√ľr einen geradezu sinnbildlichen Eindruck sorgte hier einmal mehr Paul Isaac. Der Feuerwehrmann stand, wie auch schon in den Jahren zuvor, mit seiner wuchtigen "Flag of Heroes" am Rande der Sperrzone und trotzte damit nicht nur sehr einsam der schlechten Witterung, sondern auch einer aktivistischen Gruppe, die sich mit dem Slogan "9/11 was an inside job!" unbeirrt gegen die √∂ffentliche Meinung stellt. Doch die Doktrin, mit dem Angriff auf die beiden Zwillingst√ľrme sei die US-amerikanische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit einem hochkomplexen Terrornetzwerk zum Opfer gefallen, dem nur mit Krieg beizukommen ist, zeigt erste Br√ľche.

Zun√§chst f√§llt auf, dass sich seit der Pr√§sidentschaft Barack Obamas eine signifikante Verschiebung in der Deutung und symbolischen Nachnutzung der Ereignisse von 9/11 bemerkbar macht. War noch unter der republikanischen Dominanz jede innen- sowie auch au√üenpolitische Interpretation mit dem Etikett "Security" versehen, so zeichnet sich bereits seit Jahresbeginn 2009 eine Neuorientierung in Richtung "Service" ab. Mit der Folgewirkung, dass die heroische Ikonographie der US-Marines an den vielen Fronten der Welt dem Bild des Rechtsanwalts, der sein Leben als couragierter "Firefighter" geopfert hat, sukzessive weichen muss. Damit machen die politischen Gegens√§tze, deren Konturen mit dem Machtwechsel an der Spitze des Staats sch√§rfer geworden sind, auch vor der historischen Auseinandersetzung nicht mehr Halt. F√ľr eine nationale Mastererz√§hlung brechen schwere Zeiten an. Das wird schon alleine daran sichtbar, dass es am Ort des Erinnerns, dem Ground Zero, noch immer nichts zu sehen gibt. Parteipolitische Differenzen und Unstimmigkeiten zwischen den Gebietsk√∂rperschaften haben es in den Jahren seit 2001 verunm√∂glicht, eine gemeinsam initiierte Gedenkst√§tte zu errichten. Jetzt dr√§ngt die Zeit und sp√§testens 2011 soll diese L√ľcke behoben sein. Joseph C. Daniels, Pr√§sident des "National September 11 Memorial and Museum at the World Trade Center", verr√§t schon vorab, dass vor allem die 19 Flugzeugentf√ľhrer im Zentrum der Planungen stehen. Nach Fertigstellung werden die Konterfeis jedenfalls in 10 cm Breite und 15 cm H√∂he im Hauptausstellungsbereich auf  einer Mauer zu sehen sein. Niemand, so seine immer wiedererkehrende Mahnung in den vielen Interviews, solle von der Wahrheit keine Notiz nehmen k√∂nnen.

Die Reformpolitik Obamas ist gut beraten, sehr genau darauf zu achten, dass der "National Day of Service and Remembrance", wie der 11. September fortan per gesetzlicher Verf√ľgung hei√üt, nicht zu einer weiteren Vernebelung der historischen Zusammenh√§nge von 9/11 f√ľhrt. Wenn sich jedenfalls die von FOX News am Gedenktag mehrfach wiederholte Betonung, 9/11 unterscheide vor der Welt die "Gesichter des B√∂sen" von den "Gesichtern des Guten", unabl√§ssig in die K√∂pfe der Menschen fortschreibt, zeichnet sich schon jetzt ein herber R√ľckschlag f√ľr die ideelle Erneuerung der US-amerikanischen Gesellschaft ab. Und dann sind intelligente Formen der geschichtspolitischen Konfrontation noch mehr als zuvor gefordert.

 

MALMOE