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Hooliganismus und Heuchelei

Das Fehlverhalten von Rapid-Fans demaskiert Scheinmoral in Politik und Medien

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Der Standard, 27. Mai 2011

Es stellt sich die Frage, ob nicht Pyrotechnikverbote und polizeiliche Repression die FrĂŒchte einer langjĂ€hrigen Fanarbeit der Vereine zunichtemachen, die auf Partizipation setzt und mit dem Angebot selbstverwalteter RĂ€ume dazu beitrĂ€gt, soziale Konflikte zu entschĂ€rfen. Doch jetzt, im Platzsturm nach dem Platzsturm, ist das mehr als zuvor unsichtbar.
Der Standard, 27. Mai 2011 Der Standard, 27. Mai 2011

Der Platzsturm nach dem Platzsturm: Das Fehlverhalten von Rapid-Fans am vergangenen Sonntag demaskiert die Scheinmoral in Politik und Medien. Ein Kommentar gegen die pauschale Kriminalisierung der Fußballfans.


Keine Frage, fĂŒr die grĂŒn-weiße Seele war es ein bitterer Moment, als mit dem Platzsturm einiger ausgerasteter Fans das 297. Wiener Derby ein jĂ€hes Ende nahm. Denn es wĂ€re zweifelsohne in der verbleibenden Zeit möglich gewesen, den RĂŒckstand gegen die Austria umzudrehen. Vielleicht hĂ€tte ein Siegestreffer in der Rapid-Viertelstunde der Heimstatt in HĂŒtteldorf sogar neuen sakralen Glanz verliehen.

Doch nun gilt St. Hanappi als Ort der Schande - und noch viel schlimmer. Ausgerechnet jene, die ihre distinktive Teilnahmslosigkeit gegenĂŒber dem Fußball gar nicht oft genug zum Ausdruck bringen können, geifern noch Tage spĂ€ter mit dem Populismus in einem einstimmigen Chor, der nach dem Derby-Abbruch mit vollem Elan auf den Platz der öffentlichen Meinung stĂŒrmt. Dabei ist unertrĂ€glich, wie auf vielen TitelblĂ€ttern plötzlich ein MissetĂ€ter mit der Fratze des Bösen versehen wird: ein Grieche, tĂ€towiert, dickleibig und gewaltbereit. Das kommt zu einer Zeit, in der das EU-Hilfspaket fĂŒr das finanzmarode Griechenland den Rechtsparteien europaweit rasante ZuwĂ€chse beschert. Ohne großes Zutun darf sich da auch eine FPÖ die HĂ€nde reiben.

Davon offensichtlich nicht beeindruckt, betonte die Innenministerin vielmehr ihre Abscheu gegenĂŒber dem Fehlverhalten am Fußballplatz. Kurz nach ihr verlangte Norbert Darabos nach einer drakonischen Bestrafung. Warum aber teilt der Sportminister der Öffentlichkeit nicht mit, dass er selbst im Jahr 2005 auf dem RĂŒckflug aus Moskau im Kreise einer ausgelassenen Fangemeinde die unglaubliche Qualifikation Rapids fĂŒr die Champions League gefeiert hat? Er könnte damit die Vielschichtigkeit der Fußballbegeisterung aus persönlicher Anschauung zur Sprache bringen, die auch GewaltausbrĂŒche in einen differenzierten und vor allem aufklĂ€renden Kontext rĂŒckt.

Es ließe sich bei der Gelegenheit auch darĂŒber informieren, dass der Fußball gesellschaftliche RealitĂ€ten widerspiegelt und Übergriffe hier deutlich seltener stattfinden als in österreichischen Durchschnittsfamilien. Und schließlich ist auch der neu bestellte Sportsektionsleiter ein passionierter Stadiongeher und sachkundiger Kenner des Vereinsgeschehens, sicherlich aber kein Hooligan. Doch all das war aus dem Munde des Ministers nicht zu hören.

Zeit fĂŒr einen Platzverweis

Zur Klarstellung: SachbeschĂ€digung, Waffengebrauch und Körperverletzung sind im Fußball keineswegs zu tolerieren. Aber haben nicht Berichterstattung und Kommentare im aktuellen Fall dem Ereignis eine Dimension verliehen, fĂŒr die es eigentlich einen Platzverweis und Langzeitsperren geben mĂŒsste? Medien und Politik waren bisher nicht zu einer Diskussion bereit, unter welchen Rahmenbedingungen eine Fankultur im Fußball Platz finden kann, die sich nicht der Logik von Unternehmensmarketing und TV-Verwertung unterordnet.

Zugleich stellt sich die Frage, ob nicht Pyrotechnikverbote und polizeiliche Repression die FrĂŒchte einer langjĂ€hrigen Fanarbeit der Vereine zunichtemachen, die auf Partizipation setzt und mit dem Angebot selbstverwalteter RĂ€ume dazu beitrĂ€gt, soziale Konflikte zu entschĂ€rfen. Doch jetzt, im Platzsturm nach dem Platzsturm, ist das mehr als zuvor unsichtbar. Stattdessen tritt eine Heuchlerei zutage, die das Fantum pauschal kriminalisiert, nach der Knute greift, sich aber mit dem quotengierigen Fingerzeig selbst demaskiert. FĂŒr Rapids Zukunft ist zu hoffen, dass sich fĂŒr das Problem der Scheinmoral in Politik und Medien eine nachhaltige Lösung finden lĂ€sst.