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Public Netbase: Wem geh├Ârt die Kultur der Zukunft?

Eine Wiener Netzkulturplattform dringt in die globalen Konfliktzonen der Informationsgesellschaft vor

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Elke Bippus, Andrea Sick (Hrsg.), Industrialisierung < > Technologisierung von Kunst und Wissenschaft. Schriftenreihe 01 der Hochschule f├╝r K├╝nste Bremen, transcript Verlag Bielefeld (2005)

Fr├╝her bestimmten materielle Besitzverh├Ąltnisse die Strukturen der Macht. Wer ├╝ber Land verf├╝gte, herrschte mit Hegemonialgewalt auch ├╝ber Kunst, Kultur und Bildung. Dies galt dann auch umso mehr f├╝r die Macht ├╝ber die Mittel der industriellen Massenproduktion. Heute st├╝tzen sich ├ľkonomien in zunehmendem Ma├če auf die Herstellung und den Austausch von immateriellen G├╝tern. Noch nie war es m├Âglich, Informationen sowie Kultur- und Bildungsinhalte so kosteng├╝nstig zu vervielf├Ąltigen und schnell zu verbreiten.
Titelbild "Industrialisierung Technologisierung" (2005) Titelbild "Industrialisierung Technologisierung" (2005)

Der Medien- und Netztheoretiker Geert Lovink ist der kritischen Internetkultur bereits seit Anfang der 1990er Jahre auf der Spur. Im Buch Dark Fiber, einer Sammlung in diesem Zeitraum ver├Âffentlichter Texte und Aufs├Ątze, beschreibt er "ein heterogenes Spektrum kritischer Praktiken", die darauf abzielen, "in der technologischen, politischen und ├Âkonomischen Debatte, die das Internet definiert, zu vermitteln und einzugreifen". Kunst und Kultur r├Ąumt er dabei einen besonderen Stellenwert ein. "Ein wichtiger Schritt in diesem Prozess ist es", f├╝hrt Lovink aus, "die Bedeutung der Implementierung einer kulturellen Politik neuer Medien wahrzunehmen, die aus mehr als der Installation einiger weniger Terminals in technologisch benachteiligten sozialen R├Ąumen besteht. Es geht nicht darum, Computer ins Museum zu bringen oder das kulturelle Erbe zu digitalisieren. Viel wichtiger ist es, verst├Ąndlich zu machen, dass wir in einer 'technologischen Kultur' leben."[1]

Ein gleich lautendes Motiv war an der Jahreswende 1994/1995 daf├╝r ausschlaggebend, auch in Wien selbstbestimmte Formen der Medienaneignung zu erproben, die sich einen kritischen und exploratorischen Umgang mit der Kultur der neuen Technologien zur Aufgabe macht. Unter diesen Gesichtspunkten gr├╝ndete sich mit dem Institut f├╝r Neue Kulturtechnologien/t0 (allgemein auch bekannt als Public Netbase) eine Netzplattform, die als Schnittstelle von Kunst und Kultur zu Neuen Medien bis heute einen gro├čen Stellenwert innehat.

Schon damals war nicht zu ├╝bersehen, dass eine massive Konzentration privater Kapitalinteressen in diesem Bereich der technischen Entwicklungen vor allem auch eine nachhaltige Verdr├Ąngung von Interessen der ├ľffentlichkeit nach sich zieht. Es herrschte zudem bereits Klarheit dar├╝ber, dass der Raum, in dem ├Âffentliche Kommunikation und gesellschaftspolitische Diskurse realisiert werden, ebenso wenig in einer kommerziellen Umgebung geschaffen werden kann, wie an Orten, wo auf Datenkan├Ąle und Kommunikationswege staatlicher Einfluss ausge├╝bt wird. "Medienaktivismus", so ist Geert Lovink ├╝berzeugt, "bl├╝ht an einem dritten Ort, zwischen Staat und Markt".[2] Saskia Sassen vertritt ebenfalls diese Einsch├Ątzung: "Informations- und Kommunikationstechnologien m├╝ssen auch als konstitutive Faktoren neuer Verh├Ąltnisse und institutioneller Strukturen begriffen werden", erkl├Ąrt die US-amerikanische Soziologin, "als neu entstehendes Ordnungssystem. Wer an Fragen der demokratischen Partizipation und Verantwortung interessiert ist, muss ├╝ber technische Leistungsf├Ąhigkeit und Auswirkungen auf bestehende Verh├Ąltnisse hinausgehen und sich mit den Eigenschaften dieses neu entstehenden Ordnungssystems befassen."[3]

Vor diesem Hintergrund pr├Ąsentiert und unterst├╝tzt Public Netbase in Wien und dar├╝ber hinaus seit fast einem Jahrzehnt Kunst- und Kulturprojekte, die auf vielf├Ąltige Art und Weise den komplexen Wandel des digitalen Informationszeitalters zum Inhalt haben. Dessen kulturelle und soziale Implikationen werden sowohl mit dem Mittel k├╝nstlerischer Interventionen im ├Âffentlichen Raum veranschaulicht wie auch in zahlreichen Ausstellungen, Events, Symposien, Workshops und Websites, die sich vor allem Themen von zentraler demokratie- und gesellschaftspolitischer Bedeutung widmen. Die Schwerpunkte liegen dabei immer auf der Erforschung von Wechselwirkungen zwischen Kunst, Technik, Wissenschaft und Politik, um schlie├člich mit daraus resultierenden Schlussfolgerungen vor allem auch als Impulsgeber f├╝r k├╝nstlerische und kulturelle Zukunftsentwicklungen zu fungieren.

"Netzaktivisten und K├╝nstler", schreibt Geert Lovink in Dark Fiber, st├╝nden vor dem Dilemma, dass sie "einerseits von einer auf technischer Ebene nahezu reibungslos funktionierenden Globalit├Ąt" ausgehen, andererseits die Erfahrung machen, "dass soziale Netzwerke, um erfolgreich zu sein, in lokalen Strukturen verankert sein m├╝ssen".[4] Public Netbase hat dieser Einsicht von Beginn an Rechnung getragen. Eine Organisation, die einer partizipativen Internetkultur als Kristallisationspunkt offen steht, muss selbst reale R├Ąume schaffen - f├╝r eine vernetzte kulturelle Praxis in der Nutzung elektronischer Medien sowie f├╝r den internationalen Transfer von Ideen, Erfahrungen und Innovationen.

Als Knotenpunkt ist Public Netbase daher auch eingebettet in ein globales Netzwerk von Kunst, Kultur, Medien und Wissenschaft, dessen diskursiver Austausch durch internationale Beteiligung vor allem auch im Veranstaltungsprogramm Ausdruck gefunden hat. Wichtige H├Âhepunkte, um an dieser Stelle nur eine Auswahl zu nennen, waren die Arbeiten und Projekte im Rahmen von infobody attack (1997), sex. net (1998), Robotronika (1998), Synworld (1999) sowie World-lnformation.Org, das seit dem Jahr 2000 weltweit dazu beitr├Ągt, ein breites Verst├Ąndnis f├╝r die von Technologie, Demokratieeinschr├Ąnkung und ├ťberwachung gepr├Ągte Informationsgesellschaft zu entwickeln.

Waren es in den 1990er Jahren vorwiegend Forderungen nach Zug├Ąngen zum Netz sowie nach Erm├Âglichung unabh├Ąngiger Kommunikationskan├Ąle (der Slogan "We want bandwidth!" war auch f├╝r Public Netbase ein konstitutives Postulat [5]), so stehen gegenw├Ąrtig Probleme an, die eine massive Bedrohung f├╝r ein offenes und freies Informations- und Mediensystem bedeuten. Digitale Kontrollsysteme legen die Verf├╝gungsgewalt ├╝ber Content und Wissensinhalte zunehmend in die Hand von Konzernen der Massenunterhaltungsindustrie. lntellectual Property steht inzwischen nicht nur als Chiffre f├╝r einen dramatischen Raubzug im Informationszeitalter, sondern zielt mittlerweile mit juristischen Repressionen auch auf all jene, die mit Hilfe von offenen technologischen Standards unabh├Ąngige Netzinfrastrukturen und Interaktionsplattformen errichten und betreiben wollen. Manche sprechen bereits von einem "Copyright-Krieg", der Freiheit und Demokratie in ihren Grundfesten ersch├╝ttert. Public Netbase kann sich den neuen Konflikten nicht verschlie├čen. Die Frage lautet aktuell mehr denn je: Wem geh├Ârt die Kultur der Zukunft?

Fr├╝her bestimmten materielle Besitzverh├Ąltnisse die Strukturen der Macht. Wer ├╝ber Land verf├╝gte, herrschte mit Hegemonialgewalt auch ├╝ber Kunst, Kultur und Bildung. Dies galt dann auch umso mehr f├╝r die Macht ├╝ber die Mittel der industriellen Massenproduktion.

Heute st├╝tzen sich ├ľkonomien in zunehmendem Ma├če auf die Herstellung und den Austausch von immateriellen G├╝tern. Noch nie war es m├Âglich, Informationen sowie Kultur- und Bildungsinhalte so kosteng├╝nstig zu vervielf├Ąltigen und schnell zu verbreiten. Umso absurder erscheint es, dass eine plurale und demokratische Nutzung dieser Errungenschaften gegenw├Ąrtig mit aller Gewalt unterbunden werden soll. Tats├Ąchlich h├Ąlt der Vormarsch der IP-Lobby in internationale Rechtssysteme ungebrochen an, werden die Grundlagen der Informationsgesellschaft daher auch immer mehr in privates Eigentum ├╝bertragen. Hier hat sich an den ├Âkonomischen Machtprinzipien auch nichts ge├Ąndert.

Denn wer ├╝ber Information und Wissen in Form von Datenmaterial verf├╝gt, sichert sich Reichtum, Symbolhoheit und politische Einflussm├Âglichkeiten. L├Ąngst schon werden diese wesentlichen Rohstoffe der ├Âffentlichen Sph├Ąre in h├Âchst beunruhigendem Ausma├č vorenthalten. "Niemals in unserer Geschichte befanden sich mehr Kontrollrechte in den H├Ąnden so weniger Menschen. Die Kriminalisierung der freien Verbreitung von Information und Kulturg├╝tern hat selbst bereits Formen von organisierter Kriminalit├Ąt angenommen", erkl├Ąrte dazu der US-amerikanische Rechtsgelehrte Eben Moglen im Rahmen der Konferenz Open Cultures, die von Public Netbase 2003 veranstaltet wurde. Die Netzkulturplattform m├Âchte daher mehr denn je Denkanst├Â├če geben, wie die Voraussetzungen einer "semiotischen Demokratie" zu verwirklichen sind. Deren Idee geht von der Pr├Ąmisse aus, dass die Quellen kulturellen Ausdrucks - hier vor allem Texte, Bilder und Musik - nicht einzelnen Segmenten der Gesellschaft oder globalen Eliten vorbehalten bleiben d├╝rfen. Dies w├╝rde eine digitale Kluft mit enormer sozialer Sprengkraft nach sich ziehen, deren Tragweite noch gar nicht abzusch├Ątzen ist. Wenn der Zugang zur Ikonographie des Alltagslebens, zu Elementen der Popul├Ąrkultur sowie zu Kultur- und Wissensinhalten ganz allgemein durch neue IP- und Copyright-Restriktionen in Frage gestellt wird, nimmt insbesondere die kulturelle Praxis abseits der Content-Industrie gro├čen Schaden. Von einem freien kulturellen Austausch k├Ânnte angesichts einer von Konzerninteressen dominierten Informationsindustrie gar nicht mehr die Rede sein. In diesem Sinne muss der Zugang zu den Ressourcen des Informationszeitalters ge├Âffnet werden, um die Grundlagen einer Wissensallmende zu sichern. Offene Copyright-Standards und die Entwicklung von Open Source-Content gelten l├Ąngst als zentrale Anliegen der Wissensgesellschaft. Ein Beispiel f├╝r eine freiere und bessere Handhabung des Urheberrechts ist Creative Commons. Diese internationale Organisation engagiert sich f├╝r einen gemeinschaftlichen Umgang mit dem so genannten geistigen Eigentum. Zu diesem Zwecke stellt sie Kreativen verschiedene von der Open Source-Bewegung beeinflusste Urheberrechtslizenzen zur Verf├╝gung. Die ├ťberlegung dahinter: Nicht mehr in jedem Falle alle Rechte vorzubehalten, sondern gezielt einzelne Nutzungsrechte einzur├Ąumen.[6]

"Kommunikation muss frei sein - wer sich nur einen Schritt von diesem Grundsatz entfernt, macht schon einen Schritt in Richtung Zensur!" Diese warnenden Worte des irischen Wissenschafters und Freenet-Gr├╝nders Ian Clarke standen zu Beginn des internationalen Symposiums Free Bitflows von Public Netbase, das im Juni 2004 Strategien f├╝r einen uneingeschr├Ąnkten Informationsaustausch im Kontext einer unabh├Ąngigen Kulturproduktion diskutierte. An dessen Ende stand einmal mehr die Schlussfolgerung, dass sich mit der Frage des freien Flusses der Information eine entscheidende politische Dimension verbindet. Nicht-kommerzielle, non-konforme und ansonsten unterrepr├Ąsentierte Inhalte lassen sich demnach gegen├╝ber einer Maschinerie des Mainstreams und der Massenunterhaltung nur etablieren, wenn alle Menschen Kultur frei schaffen k├Ânnen und der freie Austausch keine Beeintr├Ąchtigung erf├Ąhrt.

"Eine lebendige ├Âffentliche Netzkultur ist immer im Prozess", f├╝hrt Geert Lovink in Dark Fiber konkreter aus. "Kein Code oder Netzwerk kann ausschlie├člich der guten Sache dienen. Es kann nur Entw├╝rfe, Konzepte, Essays, Versionen geben - und Requests For Comment."[7] Unter dieser Perspektive kann auch das k├╝nstlerische Projekt nike ground. rethinking space gesehen werden, mit dem Public Netbase im Herbst 2003 weltweit f├╝r gro├čes Aufsehen sorgte. Das Konzept wurde f├╝r den Karlsplatz im Wiener Stadtzentrum entwickelt, der als Austragungsort eines dramatisierten Gedankenexperiments zu einer breiten Diskussion anregen sollte. Im Mittelpunkt dabei die Frage: Inwieweit fallen der ├Âffentliche Raum und seine kulturelle Ausgestaltung einer aggressiven Aneignung durch Kapitalinteressen zum Opfer?

Vier Wochen lang suggerierte ein gl├Ąserner Hightech-Pavillon die unmittelbar bevorstehende Umbenennung des Karlsplatzes in Nike-Platz. Parallel zu einer Website k├╝ndigte ein vor Ort weithin sichtbares Zeichen die Errichtung eines 36 Meter hohen Monuments in Gestalt des Firmenlogos an und l├Âste in der Bev├Âlkerung erwartungsgem├Ą├č heftige Reaktionen aus. Zahlreiche B├╝rger und B├╝rgerinnen wandten sich mit ihren Beschwerden an Politik und Medien, die auch umgehend ├╝ber einen "Riesen-Wirbel" um den Verkauf des Karlsplatzes berichteten. Wien hatte jedenfalls einen, der Anlass f├╝r Kontroversen gab, ├╝ber den ├Âffentlichen Raum und dessen Nutzung nachzudenken. Dahinter verbarg sich die Absicht von Public Netbase, die k├╝nstlerische Tradition der Mythopoesis auf Themen und Prozesse der globalen Informationsgesellschaft zu ├╝bertragen. Die Zusammenarbeit mit dem internationalen K├╝nstlerkollektiv 0100101110101101.ORG in der Konzepterstellung und Umsetzung des Projekts machte die Stadt schlie├člich zur B├╝hne eines Theaterst├╝cks, um durch diese hyper-reale Inszenierung deren Wahrnehmung zu ver├Ąndern.

Die so unmittelbar einsetzende Entr├╝stung stand trotz alledem in einem erstaunlichen Gegensatz zu den Alltagserfahrungen einer an Privatisierung zunehmend gew├Âhnten Gesellschaft. Der US-amerikanische Kulturtheoretiker Timothy Druckrey merkte in der Kunstzeitschrift springerin kurze Zeit sp├Ąter dazu an, dass im Falle des Projekts von Public Netbase die "Kreuzung von Werbung und Zweckentfremdung" als "Parodie" zu interpretieren sei, "wie sie subversiver nicht sein k├Ânnte". Tats├Ąchlich verwies die Nike-Intervention auf reale internationale Trends. Ein Blick ├╝ber Wien hinaus gen├╝gt: Berlin hat l├Ąngst zu einer Niketown auch einen Nike-Park er├Âffnet. Und New Yorks B├╝rgermeister Bloomberg ├Ąu├čerte seinen Wunsch, ├Âffentliche Pl├Ątze und Br├╝cken unter die Patronanz

gro├čer Konzerne zu stellen, von denen auch im Schwarzbuch Markenfirmen [8] nachzulesen ist. Nikeground. rethinking space verortet Timothy Druckrey daher als signifikantes Beispiel einer unerl├Ąsslichen Erprobung von Gegenstrategien im k├╝nstlerischen Feld. Es gehe darum, "in technische und soziale Sph├Ąren zu intervenieren, in Informations- und Kommunikationsr├Ąume verschiedenster Auspr├Ągungen", wobei immer auch "die Entmystifizierung von Systemen" im Mittelpunkt stehen muss. Das Kollektiv von 0100101110101101.ORG hat in den vergangenen Jahren Themen aufgegriffen, die sich f├╝r eine enge Kooperation mit der Wiener Medienplattform mehr als eignen: "Die Arbeiten zeigen Schwachstellen auf", schreibt Timothy Druckrey, "schaffen ├ľffentlichkeiten, ├╝berdenken Pr├Ąsenz, hinterfragen die Problematik des Eigentums und testen das Recht auf frei zug├Ąngliche Informationen aus. Ihre Arbeit regt Debatten an ├╝ber die 'andere' Seite der Macht, ├╝ber die Pr├Ąmissen, anhand derer Kultur vermarktet und zusehends reguliert wird, sowie dar├╝ber, dass Corporate Identity sich nicht einfach als Stellvertreter der ├ľffentlichkeit begreifen kann - oder als gegen die Auswirkungen ihrer Aktionen immun."[9]

Keineswegs immun war hingegen Public Netbase. Pl├Âtzlich von Nike International mit einer existenzgef├Ąhrdenden Klage bedroht, musste sich die Wiener Medienkultur-Institution nun Kriminalisierungsversuchen und Strafsanktionen widersetzen. Der Vorwurf der Verletzung von Namens- und Markenrechten erwies sich letztlich aber als absurd, weil bei diesem Kunstprojekt keinerlei gesch├Ąftliche Konkurrenz zu Waren- und Dienstleistungen des Sportartikelherstellers nachgewiesen werden konnte. Eine Ironie wurde daf├╝r umso deutlicher: Ausgerechnet die auf Guerilla-Marketing spezialisierte Firma Nike, die geradezu begierig auf die neuesten Trends der Jugendkultur setzt, entpuppte sich als ein Unternehmen, das jetzt auch gegen├╝ber Kunstschaffenden mit aller Gewalt seinen Hoheitszeichen Respekt verschaffen muss.

Die Debatten haben sich in weiterer Folge entsprechend fortgesetzt. Nachhaltigkeit konnte nicht blo├č dadurch erzielt werden, dass nikeground. rethinking space noch Monate sp├Ąter im Stadtparlament und in zahlreichen Diskussionsrunden Gegenstand politischer Auseinandersetzungen war. Die im Projekt enthaltenen Fragestellungen zur Macht der Konzerne ├╝ber die Informationsgesellschaft wurde auch in zahlreichen Medien vor einem breiten Publikum er├Ârtert. "Mit der virtuellen Umtauf-Aktion von Karlsplatz zu Nike-Platz lie├č Public Netbase auch die Blase der Info-Gesellschaft platzen", schrieb etwa die Wiener Stadtzeitung City in einem Leitartikel.

"Wer es heute noch schafft, die Flut an zuf├Ąlligen oder gezielten Informationen in voller Quantit├Ąt zu verdauen, dem geb├╝hrt eigentlich der schwarze Info-G├╝rtel, wer dies inklusive qualitativer Selektion meistert, geh├Ârt in den Tempel. Also wird f├╝r gew├Âhnlich genommen, was ungew├Âhnlich daherkommt, im Sensations- bzw. Skandalfilter h├Ąngenbleibt." Und: .Man denke nur dar├╝ber nach, warum der Karlsplatz Karlsplatz hei├čt. Bingo: Kaiser Karl. Und wenn man sich nun auf die Suche nach den gro├čen Herrschern unserer Zeit macht, dann hei├čen die nicht etwa Sch├╝ssel, Schr├Âder oder Bush. Nein, die hei├čen McDonald's, Microsoft oder eben Nike."[10]

Bereits ein halbes Jahr sp├Ąter bildete erneut eine Containerkonstruktion am Karlsplatz den Rahmen einer k├╝nstlerischen Intervention, mit der Public Netbase den Fokus auf ein zentrales Thema urbaner Konflikte lenkte: ├ťberwachung. Unter dem Namen System-77 Civil Counter Reconnaissance gab sich im Mai 2004 ein vermeintlich weltweit agierendes Konsortium erstmals in Wien zu erkennen und stellte im Rahmen der Aufsehen erregenden Hightech-Skulptur seine Anliegen vor. Ziel von S-77 CCR sei es, so gab eine breit angelegte Informationskampagne Auskunft, "der intransparenten und demokratiefeindlichen Anwendung durch staatliche und private Sicherheitsinstanzen das Gegenmodell einer zivilgesellschaftlichen Nutzung von ├ťberwachungstechnologien entgegenzustellen".

Im Innenraum der f├╝r die neugierige ├ľffentlichkeit zug├Ąnglichen Anlage befanden sich modernste Analyse- und Fernaufkl├Ąrungsinstrumente, deren Funktionsweise aufzahlreichen Monitoren und Displays in einem Spektrum von digitalen Blickwinkeln veranschaulicht wurden. Das Modell einer mobilen ├ťberwachungseinheit, die unbemannte Flugobjekte (UAV) zu Aufkl├Ąrungszwecken zum Einsatz bringt, vermittelte mit dokumentarischen Materialien zu verschiedensten Demonstrationen in der Innenstadt, dass neueste Kontrolltechnologien auch bereits in ├ľsterreich Anwendung gefunden haben, um Polizeibeh├Ârden bei der Aus├╝bung ihres Dienstes auf Schritt und Tritt zu beobachten. ├ťber all dem prangte das Motto: "Eyes in the Skies, Democracy in the Streets!"

Der weltweite Trend zur ├ťberwachungs- und Kontrollgesellschaft hat zu nachhaltigen Friktionen in der demokratischen Kultur gef├╝hrt, die vor allem im Gegensatz von privatem und ├Âffentlichem Interesse in Fragen der Sicherheitspolitik zum Ausdruck kommen. Das Augenmerk von Public Netbase gilt daher insbesondere einer gemeinn├╝tzigen Aneignung von Technologiewissen als Schwerpunkt der eigenen politischen Kulturarbeit und k├╝nstlerischen Praxis. Der slowenische K├╝nstler Marko Peljhan, der das Konsortium gemeinsam mit der Netzkulturplattform am Karlsplatz pr├Ąsentierte, hat sich mit der Konversion milit├Ąrischer Informationstechnologie f├╝r zivile Zwecke international einen Ruf erworben und wurde daf├╝r auch mehrfach ausgezeichnet. In Wien sorgte das Projekt f├╝r gro├če Konfusion, die auch eine regelm├Ą├čige Anwesenheit der Staatssicherheitsorgane bei der k├╝nstlerischen Installation mit sich brachte. Der Kunsttheoretiker Gerald Raunig zog im Hinblick auf dieses Projekt schlie├člich eine Parallele zu antiken Vorbildern in der Konfrontation mit Herrschaft und Macht:

"Bei System-77 kann man etwas sehen, was man in der Antike Parrhesia genannt hat, die Kunst der riskanten Widerrede. Dass Menschen, auch wenn sie ├╝berm├Ąchtigen Gegnern gegen├╝berstehen, sich trauen, dem etwas entgegenzusetzen. Hier handelt es nicht um den gro├čen Unterschied zum Big Brother oder zur Pr├Ąsenz der Polizei, sondern um die kleinen Vorspr├╝nge." [11]

"Was die Techno-Kultur dieser Tage besch├Ąftigt", - Konrad Becker, der Leiter von Public Netbase, zieht gemeinsam mit dem Medienwissenschafter Felix Stalder nach mehr als einem Jahrzehnt in der kritischen Internet-Szene in der Zeitschrift Kulturrisse mit einer Standortbestimmung Bilanz – ist "ein neu gewonnenes Verst├Ąndnis, dass Technologie alleine noch keine Kultur ausmacht. Ebenso wichtig wie die Technologien selbst ist der kulturelle und institutionelle Kontext, in den sie eingebettet werden. Die alte Debatte ├╝ber technischen versus sozialen Determinismus ist erloschen. Es ist heute Konsens, dass wir das Soziale gar nicht ohne das Technische verstehen k├Ânnen und dass das Technische erst innerhalb des Sozialen relevant wird. Konkret bedeutet das, dass die digitalen Kulturschaffenden heute mehr denn je mit Fragen konfrontiert sind, wie denn die technischen M├Âglichkeiten real umzusetzen w├Ąren."[12]

Aus dieser Herausforderung alleine lie├čen sich genug Gr├╝nde ableiten, weshalb Public Netbase als partizipative Netzplattform und Diskurszentrum an der Schnittstelle von Kunst, Kultur und Neuen Medien unbedingt erhalten bleiben sollte. Die Zukunft ist kurz vor dem Jubil├Ąum des zehnj├Ąhrigen Bestehens an der Jahreswende 2004/2005 allerdings so ungewiss wie nie zuvor. Seit der Regierungsbildung der national-konservativen ├ľVP mit der rechtsextremen FP├ľ im Jahr 2000 sieht sich der Wiener Knotenpunkt einer kritischen Internetkultur mit Diffamierungen und der willk├╝rlichen Streichung von F├Ârdermitteln konfrontiert. Eine ausreichende Finanzierung der institutionellen Rahmenbedingungen konnte nicht zuletzt deshalb bisher nicht ann├Ąhernd erreicht werden.

Dabei m├╝sste es eigentlich im ├Âffentlichen Interesse sein, in sozio-kulturelle Grundlagen zu investieren, die - neben der Vermittlung medialer Kompetenz und der Bef├Ąhigung zur selbstbestimmten Nutzung von Medien - auch ein Self-Empowerment im Hinblick auf die Wissensgrundlagen des Informationszeitalters m├Âglich machen. Eine Demokratisierung umfasst auch die Teilnahme an der Entwicklung von Antworten und Strategien auf grundlegende Problemstellungen: Wie ver├Ąndern sich Alltagsleben, Kunst, Kultur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien? Wie entsteht ├Âffentliche Meinung? Wie kann der Schutz der Grund- und Pers├Ânlichkeitsrechte in der Informationsgesellschaft gew├Ąhrleistet werden? Es lohnt sich somit allemal, an den grunds├Ątzlichen ├ťberlegungen einer Netzkulturpraxis festzuhalten. Vielleicht sch├Âpft sich die daf├╝r erforderliche Energie aus einer abschlie├čenden Perspektive aus Dark Fiber von Geert Lovink: "Das Ziel der Demokratisierung der Medien ist die Abschaffung aller Formen mediatisierter Repr├Ąsentation und k├╝nstlicher Verknappung von Kan├Ąlen. Die technischen M├Âglichkeiten, Menschen f├╝r sich selbst sprechen zu lassen, sind heute da, selbst wenn sie nur ├╝ber eine geringe oder keine Bandbreite verf├╝gen. ├ľffentlicher Zugang zu einer Reihe von Kommunikationswerkzeugen und die weltweite Unterst├╝tzung unabh├Ąngiger, taktischer Medien kann den politischen Intellektuellen letztlich ├╝berfl├╝ssig machen."[13]


konsortium.Netz.kultur

Public Netbase

World-Information.Org

 

[1]
Lovink, Geert: Dark Fiber. Auf den Spuren einer kritischen Internetkultur, Opladen 2004, S.15.

[2]
Lovink 2004, S.230.

[3]
Sassen, Saskia: Vorwort in: Becker, Konrad et al. (Hrsg.): Die Politik der Infosph├Ąre. World-lnformation.Org., Opladen 2002, S. 9-11, hier S.9.

[4]
Lovink 2004, S.61.

[5]
Raunig, Gerald / Wassermair, Martin (Hrsg.): sektor3medien99. Kurskorrekturen zur Kultur- und Medienpolitik IG Kultur ├ľsterreich, Wien 1999, S.157ff.

[6]
Siehe dazu den Beitrag zu Creative Commons in diesem Buch.

[7]
Lovink 2004, S.23

[8]
Werner, Klaus / Weiss, Hans: Schwarzbuch Markenfirmen. Deuticke Verlag, Wien 2001.

[9]
Druckrey, Timothy: Kontaminierte Enklaven. ├ťberlegungen zum Verh├Ąltnis von Kommerzialisierung und Dissens am Beispiel des Projekts "Nike Ground", in: springerin. Hefte f├╝r Gegenwartskunst IX/4, 2003. S.7.

[10]
H├╝bner, Jakob: Platzangst. In: City, 24. Oktober 2003, S.3

[11]
Gerald Raunig im Interview. Siehe Videodokumentation zu S-77CCR unter http://s-77ccr.org

[12]
Stalder, Felix / Becker, Konrad: Digitale Kultur v2.0, in: Kulturrisse 0304, 2004, S.30-31, hier S
.31.

[13]
Lovink 2004, S 39.