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Noch bleibt Linz verwechselbar

Kulturpolitischer Kommentar zur Kulturhauptstadt Linz 2009

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 2, Juni 2008

Ein Jahrzehnt nach dem Linzer Kulturentwicklungsplan zeigt die Stahlstadt eine lange Nase und stellt damit vor allem klar, dass von den Weichenstellungen bestenfalls das Spektakel √ľbrig geblieben ist. Nach Monaten und Jahren des fruchtlosen Dialogs ist die √ľber die paralysierende Zahl 2009 hinausreichende Konfrontation mit der Stadt unausweichlich.

Hand aufs Herz! Wer erinnert sich eigentlich noch an den Linzer Kulturentwicklungsplan? Dabei wurde der KEP, so das trendbewusste Akronym der auf Modernisierung bedachten Stadtverwaltung, noch Ende der neunziger Jahre wie ein flotter Muntermacher gehandelt, der dazu angetan sei, auch anderswo rege Nachahmung zu finden. Und tatsächlich folgten weitere Kommunen dem Musterbeispiel eines partizipativen Verfahrens, das es zum gemeinschaftlichen Ziel erklärte, urbane Zukunftsszenarien zu entwerfen und der Kulturpolitik als Navigations- und Steuerungssystem zu neuer Geltung zu verhelfen. Ohne spektakuläre Weichenstellungen kann daraus nichts werden. Das wussten damals alle, die irgendwie daran beteiligt waren Рund dazu zählte auch die Freie Szene.

Ein gerechter Anteil des Kuchens wurde den in ihrer Vielfalt schillernden Initiativen und Projekten in Aussicht gestellt, eine finanzielle Gleichstellung mit den Häusern und Institutionen der Traditions- und Repräsentationskultur. Plötzlich war Nachhaltigkeit in aller Munde, nicht zuletzt im Hinblick auf die Bedeutung offener und soziokultureller Räume. Das letztlich aufwändig bedruckte Papier versprach aber auch die Symmetrie der Geschlechter sowie die gesellschaftliche Relevanz neuer Medien. Linz war im Wettbewerb der Städte den anderen fortan mehr als nur eine Nasenlänge voraus.

Ein knappes Jahrzehnt sp√§ter zeigt die Stahlstadt eine lange Nase und stellt damit vor allem klar, dass von den Weichenstellungen bestenfalls das Spektakel √ľbrig geblieben ist. Wenige Monate vor Auftakt der europ√§ischen Kulturhauptstadt Linz 2009 blickt die Freie Szene in ein Jammertal. Und ja: Die Maschine brennt! Die Dramatik, die mit einem unter diesem Titel bezeichneten Manifest der Freien Kulturszene zum Ausdruck kommt, hat ihre guten Gr√ľnde. Die Verhei√üungen einer gerechten Teilhabe an den Ressourcen der Stadt haben sich in ihr Gegenteil gekehrt, nun werde den einstmals "kritischen, kritikf√§higen, innovativen, experimentell erprobten und bew√§hrten Potentialen" ein Mangel an Internationalit√§t und k√ľnstlerischer Qualit√§t attestiert. Die Millionen-Show des f√ľrstlich dotierten Intendanten Martin Heller wirft jedenfalls nicht einmal kleinste Kr√ľmel f√ľr die Freie Szene ab. So weit so verwunderlich?

Die Stadtverantwortlichen f√ľhren der √Ėffentlichkeit nunmehr Realit√§ten vor Augen, an die im Netzwerk von Stadtwerk, KAPU, Radio FRO und Time's Up manche offensichtlich nicht glauben wollten. F√ľr sie liegen allf√§llige Auswegm√∂glichkeiten nicht in der Agonie oder gar Depression. Nach Monaten und Jahren des fruchtlosen Dialogs ist die √ľber die paralysierende Zahl 2009 hinausreichende Konfrontation mit der Stadt unausweichlich. Den Resolutionen und mahnenden Briefen m√ľssen nun intelligente Interventionen und Man√∂ver folgen. Bis dahin bleibt Linz verwechselbar.