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Maschine des Monströsen.

Globalisierungsgehversuche im Schlachthof Wels

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Peace and Fire. 25 Jahre Alter Schl8hof Wels, Mai 2010.

Ich selbst habe nie n√§her ergr√ľndet, warum f√ľr den Schlachthof Wels keine andere Bezeichnung gefunden wurde. Vielleicht sollte eine Neudeutung des ehemals blutigen Industriezweigs, dessen Verwurzelung in religi√∂sen Riten noch immer kulturelle Assoziationen ins Bewusstsein ruft, die Menschen der Stadt einfach nur von der unnachgiebigen Konfrontationsbereitschaft √ľberzeugen.
Jubliäumsbuch "Peace and Fire. 25 Jahre Alter Schl8hof Wels" Jubliäumsbuch "Peace and Fire. 25 Jahre Alter Schl8hof Wels"

An einem fr√ľhen Morgen im Februar des Jahres 1989 bekam ich die Eisesk√§lte der gro√üen Welt in einer mir bislang nicht bekannten Intensit√§t zu sp√ľren. Globalit√§t war f√ľr mich, nur wenige Monate vor Beendigung der Mittelschule, noch keine geostrategische Dimension, die sich mit jenem Empire vergleichen lie√üe, das schon eineinhalb Jahrzehnte sp√§ter als Chiffre f√ľr die neue Weltordnung gro√üe Popularit√§t erlangen sollte. Es war mir zu diesem Zeitpunkt nicht gel√§ufig, dass eine Reorganisation der Disziplinargesellschaft vonstattenging, deren Institutionen die Machtsph√§re nun auch √ľber Bewegungen und Strukturen, Netzwerke und Unternehmen, ja sogar √ľber pers√∂nliche Beziehungen erstreckten. Das war mir alles noch sehr fern. Und dennoch versp√ľrte ich so etwas wie historische Tragweite in diesen wenigen Minuten, als der Direktor meiner Schule mich zu sich rufen lie√ü.

In diesem Februar des Jahres 1989 besuchte ich das Bundesgymnasium in Wels. Seit 1981 war ich Woche f√ľr Woche, von Montag bis Samstag, mit dem Zug aus dem zwanzig Kilometer entfernten Grieskirchen angereist, um mich auf jene Zukunft vorzubereiten, von der Jugendliche unentwegt erfahren mussten, dass sie mit der Beschaulichkeit vorangegangener Generationen nicht mehr zu vergleichen sei. Vielleicht ging mir die didaktische Unsch√§rfe dieses Fingerzeigs blitzartig durch den Kopf, als ich nun Leo Filsecker, dem damaligen Schulleiter, gegen√ľber stand. So ganz genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Sehr wohl aber habe ich bis heute ein eindr√ľckliches Bild vor Augen, wie in inegalit√§ren Systemen, zu denen Bildungseinrichtungen nun allemal zu z√§hlen sind, Verbote und Aufforderungen zur Unterlassung ausgesprochen werden. "Das Plakat muss unverz√ľglich weg!" Ich hatte, um aufrichtig zu sein, im Vorhinein so etwas wie eine leise Ahnung. √úberraschender traf mich da schon die bis in die Bundeshauptstadt ausholende Belehrung. "In unserer Schule haben vermummte Gestalten nichts verloren – auch nicht an den W√§nden. Diese linken Rabauken haben noch vergangene Woche den Ordnungskr√§ften vor der Wiener Staatsoper eine Stra√üenschlacht geliefert, eine Ungeheuerlichkeit, zu der es bei uns nicht kommen darf. Also runter mit dem Plakat!"

Mir blieb somit nichts anderes √ľbrig, als √ľber das n√§chsth√∂here Stockwerk den R√ľckzug anzutreten. Auf halber Strecke schm√ľckte es den Aufgang, das von mir affichierte Delikt, das nun nicht mehr die innere Balance p√§dagogischer Anstalten ins Wanken bringen durfte. "Eat the rich!", die Kampfparole der Opernballdemo 1989, war darauf nicht zu lesen. Es gab keinerlei Gewaltsymbole und auch nichts, was nur irgendwie als ein Aufruf zum Landfriedensbruch interpretiert werden konnte. Die Illustration beschr√§nkte sich auf das Abbild einer Person, die sich eine Wollm√ľtze √ľber das Gesicht gezogen hatte. Das Sujet selbst litt ein bisschen unter der unvollkommen angefertigten Kopie im Din-A3-Format. Es war dem aktuellen Plattencover von IEP (Immortal Erected Pop) entnommen, einer Combo aus dem Umfeld des in Schwertberg ans√§ssigen Kulturzentrums "Kanal". Als Ank√ľndigungsplakat f√ľr das erste "Anti-Frust-Fest" in Wels durchbrach es bestenfalls die totalit√§re Monotonie des Schulalltags. Was sollte also daran das System zersetzen?

Der Ort der schulmeisterlichen Ma√üregelung, das Direktorzimmer mit biederem Fensterblick auf die Welser Schauerstra√üe, entpuppte sich schnell als Nebenschauplatz des Zeitgeschehens. Der eigentliche Brennpunkt lag vielleicht 20 Gehminuten vom Gymnasium entfernt, etwa dort, wo noch im Stadtzentrum gemeinhin die Suche nach den ersten Hinweistafeln auf die Ausfahrtswege ihren Anlauf nimmt. Hier t√ľrmt sich, am Rande einer Bahntrasse, seit den 1980er Jahren ein sozio-kulturelles Zentrum auf, das sich vom stillgelegten Zweck der kommunalen Verarbeitung von Tierk√∂rpern zumindest in der Namensgebung nicht so einfach trennen wollte. Der Schlachthof Wels blieb kurzerhand der Schlachthof Wels, aus dem irgendwann – der semiotische Taschenspielertrick l√§sst sich f√ľr mich nicht genau datieren – ein Schl8hof Wels geworden ist.

Ich selbst habe nie n√§her ergr√ľndet, warum keine andere Bezeichnung daf√ľr gefunden wurde. Vielleicht sollte eine Neudeutung des ehemals blutigen Industriezweigs, dessen Verwurzelung in religi√∂sen Riten noch immer kulturelle Assoziationen ins Bewusstsein ruft, die Menschen der Stadt einfach nur von der unnachgiebigen Konfrontationsbereitschaft √ľberzeugen. Doch auch dieser Gedanke hat sich mir nie so recht erschlossen. Sp√§ter, nach langen Jahren der eingehenden Besch√§ftigung mit Herrschaft und Widerstand, durfte ich bei Michael Hardt und Antonio Negri immerhin folgendes dazu erfahren: "Der Feind", so ist in Multitude nachzulesen, "tritt nicht l√§nger konkret und lokalisierbar in Erscheinung, sondern hat heute etwas Fl√ľchtiges und Unfassbares, wie die Schlange im imperialen Paradies". Folgerichtig gibt sich das "Gesicht des Feindes" bestenfalls in den "Nebelschleiern der Zukunft" zu erkennen. Als "Symptom einer in Unordnung geratenen Wirklichkeit". Und – nicht minder bedrohlich f√ľr das Funktionieren von Disziplin und Kontrolle – es steckt in ihm "etwas Monstr√∂ses". Hier schlie√üt sich der Kreis der Erinnerungen an meine ersten Gehversuche durch die Wirrnisse der neuen Welt. Denn was dem Direktor meiner Schule monstr√∂s erscheinen musste, n√§mlich die bildhafte Konstruktion einer auratischen Gefahr, erteilte mir eine wichtige Lektion in der Begegnung mit Asymmetrien.

Ich selbst war zu dieser Zeit in einem Grieskirchner Kulturverein aktiv. Im Vergleich zum Welser Schlachthof stellte sich der Ro√ümarkt 1, wie das historisch imposante, aber mit den Jahren zunehmend einsturzgef√§hrdete Haus aufgrund seiner Anschrift in der Innenstadt gehei√üen wurde, wie ein freibeuterische Enklave dar, die mit wenigen Quadratmetern das Auslangen finden musste. Hier stritten die Vereinsverantwortlichen in n√§chtelangen Debatten um das Kulturprogramm, r√ľhrten f√ľr das Anbringen der Plakate eigenh√§ndig hunderte K√ľbel Tapetenkleister an, erledigten bei Veranstaltungen den Schankdienst und mussten anschlie√üend auch selbst wieder Reine machen. Die immer wieder neu erstrittene Autonomie erwies sich nicht selten als Knochenarbeit, aber sie war f√ľr uns zugleich der Schl√ľssel f√ľr die so wichtige Selbstbehauptung. Und manchmal l√§sst sich auch aus der Kleinheit etwas Mut sch√∂pfen, den ich mir endlich fasste, als ich Ende 1988 mit der Idee eines alternativen "Maturaballs" den Schritt in den Welser Schlachthof wagte. Mit dem simplen Konzept eines "Anti-Frust-Fests" er√∂ffnete sich mir eine andere Galaxie. Es war nicht nur die Gr√∂√üe des Areals, die mir Respekt einfl√∂√üte. Auch die Verfahrensweisen in der Abwicklung von Events, die sich nicht mit einem Fassungsverm√∂gen von 70 Personen begn√ľgen wollten, erwiesen sich in der R√ľckbetrachtung als "interkulturelle" Bereicherung. Da war zun√§chst die Einbettung des Betriebs in die st√§dtische Verwaltung, was aber soweit nichts zur Sache tat, weil mir Wolfgang Wasserbauer, der Gesch√§ftsf√ľhrer, mit geduldiger Glaubw√ľrdigkeit versicherte, in der Aus√ľbung seines Amtes weitgehend freie Hand zu haben. F√ľr jeden Bereich war irgendjemand zust√§ndig. Ein regelrechtes System der Arbeitsteilung, das meinen anarchischen Impetus vor allem zu dem Zeitpunkt auf die Probe stellte, als ich zur Beschaffung der streng nummerierten Eintrittskarten im Welser Rathaus die richtige Magistratsabteilung zu erkunden hatte.

Doch ich durfte im und durch den Schlachthof auch bald erfahren, dass Differenzen nicht nur Konfliktlinien zum gymnasialen Despotismus sch√§rfen, sondern auch die Substanz bilden, auf der gesellschaftliche Organisation begr√ľndet werden kann. Die kulturpolitische Vernetzung, f√ľr die ich mich schon wenige Jahre sp√§ter im Rahmen der Kulturplattform O√Ė. begeistern konnte, muss sich auf Zentren und R√§ume st√ľtzen, die Misst√∂ne etablieren, Artikulation und Selbsterm√§chtigung f√∂rdern und auch – hier erweist sich der Schlachthof Wels tats√§chlich als fr√ľhe globalisierungskritische Versuchsanordnung – die St√∂rung der M√§chtigen erproben. Es steht hier nicht zur Debatte, ob und inwieweit es in zweieinhalb Jahrzehnten gelungen ist, die Stadtgemeinde mit Dissonanzen im Programm und durch streitbare Impulse zu ver√§ndern. "Wir befinden uns", schrieb Gilles Deleuze √ľber die Kontrollgesellschaft, "in einer allgemeinen Krise aller Einschlie√üungsmilieus, Gef√§ngnis, Krankenhaus, Fabrik, Schule, Familie." Der Schlachthof Wels kann sich dem zwar nicht entziehen, sich aber sehr wohl wie eine radikale Maschine gegen die neoliberale Subjektivierung erheben, gegen das Spektakel und den Raub des √∂ffentlichen Eigentums. Diese Maschine versucht sich an der Rekonstruktion eines neuen kollektiven Handelns. 25 Jahre Schlachthof Wels erz√§hlen nicht von Revolution und Umbruch, auch nicht von der Befreiung aus dem Spektakel und der kapitalistischen Versklavung. Sehr wohl aber l√§sst sich damit einer Zukunft die Stirn bieten, die sich bereits mit Armut, √úberwachung und Krieg unserer Gegenwart bem√§chtigt hat. Die globalen Eisesk√§lten zwingen den Schlachthof unentwegt zur Reflexion. Umso eindringlicher sei daher zum abschlie√üenden Geburtstagsgru√ü noch einmal Gilles Deleuze zitiert: "Die Windungen einer Schlange sind noch viel komplizierter als die G√§nge eines Maulwurfbaus."