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Medialer Wegweiser aus der postfaktischen Sackgasse

TV-Anstöße zur Überwindung der gutgläubigen Betrachtung von Politik

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Hörsturz, #9 - 2017, November 2016

Die Auseinandersetzung mit Politik und politischen Entwicklungen erfordert mediales Einmengen, das Wiederherstellen von Diskurs und zugleich partizipatives Agenda-Setting. Es darf in diesem Zusammenhang auch nicht außer Acht geraten, dass das Ausbleiben von Kontrolle und Widerrede sowie einer vom Mainstream abweichenden Meinungsbildung das ohnehin kärglich ausgeprägte Demokratiebewusstsein in eine Sackgasse geführt hat, die inzwischen gerne als postfaktisch bezeichnet wird.
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"Nie wieder", schrieb Jean Baudrillard vor bereits mehr als zwei Jahrzehnten, "wird man gutgläubig ein Bild im Fernsehen anschauen können, und das ist sicherlich die schönste kollektive Entmystifizierung im Kommunikationsbereich." Was der mittlerweile verstorbene französische Soziologe und Medientheoretiker hier so lapidar von sich gibt, ist wohl einer der erfreulichsten Einträge ins Stammbuch aller nicht-kommerziellen TV-Ambitionen, die mit dem Hinweis auf unverzichtbare öffentliche Relevanz auch in Österreich unermüdlich Platz zu greifen versuchen.

Längst hat sich auch in den Community-Medien die Erkenntnis breit gemacht, dass man gemeinhin nicht mehr so ohne weiteres von Informationsgesellschaft sprechen sollte, sondern viel eher das wirkmächtige Paradigma der Desinformation ins Blickfeld nehmen muss. Wer also vom ernsthaften Interesse getragen ist, mithilfe massenmedialer Newsaggregate seriös aufbereitete Neuigkeiten über das globale Zeitgeschehen zu erfahren, ist heutzutage gut beraten, im selben Moment vor allem auch danach zu fragen, was in Folge redaktioneller Filterung eigentlich nicht zu sehen ist. Die Skepsis hat allerdings auch noch in einer weiteren Dimension ihre Berechtigung: Indem Medien – und auch darauf hat Jean Baudrillard stets hingewiesen – den politischen Aktionen ihre Modelle aufzwingen, wirken sie entpolitisierend auf deren Intention zurück. Vor allem der selbstreferentielle Prozess der medialen Inszenierung von Ereignissen, in der Wirklichkeit vorgegaukelt wird, ist von fataler Wirkung auf das Ereignis selbst. Von den Realitäten bleibt dann meist nur noch ein Zerrbild.

Doch was hat das alles jetzt mit der Betrachtung von Politik und politischer Ermächtigung im Community-TV zu tun? Die Antwort verlangt Selbstbewusstsein und kritisches Augenmaß. Bei rechtspopulistischen Parteien zählt es bereits seit geraumer Zeit zum hetzerischen Repertoire, gegen "Lügenpresse" und "Systemmedien" zu Felde zu ziehen – zum Teil unter großem Applaus der Wählerinnen und Wähler. Vor diesem, aktuell sehr beunruhigenden Hintergrund sind die Herausforderungen tatsächlich groß. Insbesondere aber gewinnt unter den Bedingungen einer Vielzahl digitaler Kanäle und fordernder Öffentlichkeiten sowie der sich abschwächenden Differenzen in der Programmatik der Parteien die Orientierung am Meinungs- und Medienmarkt stark an Bedeutung.

Doch manchmal resultieren die notwendigen Anstöße, sich dem immer rauer werdenden Wind von Sozial- und Demokratieabbau sowie der Verunglimpfung Andersdenkender zu widersetzen, aus den politischen Gegebenheiten im allerengsten Umfeld. So hat der freie und nicht-kommerzielle Linzer Sender Dorf TV bereits Ende 2015 den Entschluss gefasst, die neuen politischen Machtverhältnisse nach der oberösterreichischen Landtagswahl im September und dem Erstarken der rechtsextremen FPÖ nicht einfach nur ratlos zur Kenntnis zu nehmen. Und um nicht auch noch zum gutgläubigen Betrachten der Bilder, wie Baudrillard meinte, leichtfertig anzuspornen, sollte vor allem die Produktion politischer Informationen einem neuen Verständnis folgen. Die Auseinandersetzung mit Politik und politischen Entwicklungen erfordert mediales Einmengen, das Wiederherstellen von Diskurs und zugleich partizipatives Agenda-Setting. Es darf in diesem Zusammenhang auch nicht außer Acht geraten, dass das Ausbleiben von Kontrolle und Widerrede sowie einer vom Mainstream abweichenden Meinungsbildung das ohnehin kärglich ausgeprägte Demokratiebewusstsein in eine Sackgasse geführt hat, die inzwischen gerne als postfaktisch bezeichnet wird.

Umso mehr muss – in komplementärer Ergänzung zu den vielen User-generierten Beiträgen im Programm – eine Politikredaktion im Community-TV für sich in Anspruch nehmen, sich selbst zuallererst in einer politischen Rolle zu definieren. Nicht im Sinne der Parteinahme für die ohnehin diffuse Interessengemengelage im sozialpartnerschaftlich geprägten Dickicht der österreichischen Walzerseligkeit. Und schon gar nicht für die rechts-totalitäre Sehnsucht nach einem Hecht im rot-weiß-roten Karpfenteich.

Im Gegenteil: Jodi Dean, eine streitbare US-amerikanische Politikwissenschaftlerin, weist mit allem Nachdruck darauf hin, dass gerade angesichts der neoliberalen Zerwürfnisse in der Gesellschaft das Ideal des Konsenses und die von oben verordnete Inklusion in den vergangenen Jahrzehnten vom erstaunlichen Werdegang eines Phänomens begleitet wurden – der Ausgrenzung und Abschottung des Politischen an sich. Bei Dorf TV hält die Politikredaktion seit nunmehr einem Jahr dagegen. Der mediale Raum, der hier geöffnet wurde, weist aus der Empörung, die für so viele zu einem zentralen Motiv der Abwendung geworden ist, neue Wege und fördert politische Handlungsfähigkeit. Das alleine ist schon ein großer Wert. Und vielleicht findet Jodi Dean schon bald noch mehr medialen Zuspruch für ihr unumstößliches Postulat, dass Politik – durchaus auch über die kollektive Entmystifizierung des Bildes – immer auch Uneinigkeit stiften muss. Nämlich als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit, Meinungsvielfalt und gelebte Demokratie.