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Pastorale Digitale IV

Polit-Seelsorge f√ľr das Unbehagen im Netz

Von Martin Wassermair. Erschienen in: die KUPFzeitung, Nr.156, Dezember 2015 - Februar 2016

Das sich nun endg√ľltig abzeichnende Zweiklassen-Internet sieht vor, dass das Ausscheren auf die √úberholspur der Daten-Highways mit sp√ľrbaren Mehrkosten verbunden ist. Wer sich diese aber nicht leisten kann, wird wohl ohnm√§chtig erdulden m√ľssen, dass vor allem die inhaltliche Pluralit√§t im kriechenden Trott den Staub der vorbeirasenden Content-Pr√§torianergarde zu schlucken hat.
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Das Land ist √ľberfordert, Europa ist √ľberfordert – und zu allem √úberdruss droht nun auch noch dem Internet, vor √úberlastung in die Knie zu gehen. Die Welt ist im Fluss, st√∂hnt all√ľberall unter unkontrollierten Str√∂men und ruft nach Grenzen, Transitzonen und Umz√§unung. Ende Oktober wurde dann geklotzt, nicht gekleckert – und zumindest das digitale Chaos in erste Schranken verwiesen. Doch wer atmet auf?

Das World Wide Web, so sein Erfinder Tim Berners-Lee, war urspr√ľnglich daf√ľr gedacht, als offene Plattform einen unermesslichen Raum f√ľr Innovation und Kollaboration zu schaffen. Gleichbehandlung galt dabei als oberstes Gebot, kein Datenpaket durfte gegen√ľber einem anderen bevorzugt werden. Damit ist bald Schluss. Mit der Entscheidung des Europ√§ischen Parlaments, sich von der Netzneutralit√§t zu verabschieden, hat die radikale Kommerzialisierung den egalit√§ren Netz-Utopien eine mehr als deutliche Absage erteilt. Und in der Tat geht es um weitaus mehr als nur um Technik. Das sich nun endg√ľltig abzeichnende Zweiklassen-Internet sieht vor, dass das Ausscheren auf die √úberholspur der Daten-Highways mit sp√ľrbaren Mehrkosten verbunden ist. Wer sich diese aber nicht leisten kann, wird wohl ohnm√§chtig erdulden m√ľssen, dass vor allem die inhaltliche Pluralit√§t im kriechenden Trott den Staub der vorbeirasenden Content-Pr√§torianergarde zu schlucken hat.

Als einzige √∂sterreichische Fraktion hat die √ĖVP im EU-Parlament gegen die dringend gebotenen Ab√§nderungsantr√§ge gestimmt – mit dem Argument, das Internet sei allm√§hlich an seiner Belastungsgrenze angelangt. Autsch – das tut so richtig weh! Denn im selben Zeitraum hat die UNESCO das zehnj√§hrige Jubil√§um ihrer Konvention zur kulturellen Vielfalt gefeiert, zu deren Wahrung und Gew√§hrleistung auch hierzulande die staatlichen Institutionen verpflichtet sind. Aber was wiegt das alles letzten Endes, wenn die Telekom-Industrie ebenso festlich die Champagnerkorken knallen l√§sst?


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