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Telegraphenamt Avenue Kakatare IV

Globalisierungserkundungen aus der S√ľdperspektive

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 3, Oktober 2011

Im Alltag unterscheidet sich die Wahrnehmung der Menschen sehr deutlich von jener der Weltbank. Wer oft wochenlang auch nicht nur einen Tropfen Wasser aus den Rohren flie√üen sieht, muss das Marketingget√∂se vom steten Netzausbau in Stadt und Land als blanken Hohn empfinden. Das Wasser, so es √ľber das Leitungssystem kurzzeitig zur Verf√ľgung steht, ist vielfach ungenie√übar.
Allzweckwasser: Mayo-Fluss in Maroua Allzweckwasser: Mayo-Fluss in Maroua
Avenue Kakatare im Regen Avenue Kakatare im Regen
Wasserhahn in Obala Wasserhahn in Obala

__ Wasser

Zur Regenzeit √ľberrascht die Avenue Kakatare auf eine paradoxe Weise: Obwohl die neuralgische Verkehrsachse nach den fast t√§glichen Wolkenbr√ľchen in Fluten versinkt, bleibt der Wasserhahn innerhalb des Telegraphenamts auch in dieser Periode auffallend oft trocken. Das kann einen halben Tag andauern, manchmal sogar noch l√§nger. Es l√§sst sich ein Umgang damit erlernen, eine gewisse Routine, die sich vor allem im Anlegen reichhaltiger Trinkvorr√§te widerspiegelt. Doch deren Anblick n√§hrt auch die Diskussionen, warum Wasser √ľberhaupt in Kanistern und leeren Cola-Flaschen abzuf√ľllen ist. Die Suche nach einer Erkl√§rung f√ľhrt an das andere Ende des Wasserhahns.

Der Weltbank zufolge z√§hlt die Privatisierung des Wassers zu den erfolgreichsten Strukturma√ünahmen in Kamerun. Sie war es auch, die schon Mitte der 1990er Jahre die Gew√§hrung dringend ben√∂tigter Kredite mit der Auflage verkn√ľpfte, weite Bereiche der √∂ffentlichen Leistungen an Private zu √ľbertragen. Seit 2007 ist nun die Versorgung von fast 20 Millionen Menschen mit Wasser ein wenn auch sp√§tes, so doch konsequent praktiziertes Gesch√§ftsmodell im freien Kr√§ftespiel der Marktwirtschaft. Aus den ehemals Nationalen Wasserbetrieben Kameruns (SNEC) ging eine Zweiteilung hervor: Die Infrastruktur unterliegt mit der neu gegr√ľndeten CAMWATER weiterhin einer staatlichen Kontrolle, w√§hrend die marokkanische ONEP, eine auf dieses Business spezialisierte Unternehmensgruppe, im Rahmen der CDE (Camerounaises des Eaux) das Produkt Wasser gewinnbringend vertreibt.

Im Alltag unterscheidet sich die Wahrnehmung der Menschen allerdings sehr deutlich von jener der Weltbank. Wer oft wochenlang auch nicht nur einen Tropfen Wasser aus den Rohren flie√üen sieht, muss das Marketingget√∂se vom steten Netzausbau in Stadt und Land als blanken Hohn empfinden. Das Wasser, so es √ľber das Leitungssystem kurzzeitig zur Verf√ľgung steht, ist zudem vielfach ungenie√übar. Eine braune Br√ľhe, die bis in h√∂chste Bildungsschichten b√∂se Ger√ľchte sch√ľrt, fremde M√§chte h√§tten sich des kostbaren Guts bem√§chtigt, um einer stolzen Nation das Ende zu bereiten. Abseits d√ľsterer Verschw√∂rungsszenarien ist das Wasser tats√§chlich ein entscheidender Faktor in der Frage des Wohlergehens. Lediglich 30 Prozent der Bev√∂lkerung haben Zugang zu trinkbarem Wasser. Mehr als zwei Drittel sind somit unentwegt dem Risiko einer schweren Erkrankung ausgesetzt. Das Pasteur-Institut hat in einer aktuellen Studie die Untersuchungsergebnisse zur Qualit√§t des Wassers in Brunnen und in den Plastiks√§ckchen des Stra√üenverkaufs ver√∂ffentlicht. In 100 Prozent der Proben wurden F√§kalkeime gefunden. Wassermangel und mangelnde Wasserqualit√§t – untr√ľgliche Indizien einer Misere, deren oft t√∂dliche Folgeerscheinungen vermeidbar w√§ren, wenn Armutsbek√§mpfung als eines der zentralen Milleniumsziele entsprechenden Nachdruck finden w√ľrde. Doch offensichtlich hat dies noch niemand in den Auftragsb√ľchern der neu aufgestellten Wasserwirtschaft als vordringliches Gebot vermerkt.

Das Telegraphenamt hat sich aus ganz anderen Gr√ľnden an die aufgeputzte Gesch√§ftsstelle der CDE gewandt.  Der in einer Parallelstra√üe zur Avenue Kakatare montierte Wasserz√§hler ist seit geraumer Zeit defekt, weshalb die monatliche Verrechnung des Verbrauchs kuriose Bl√ľten treibt. Die nach Privatisierung und Reorganisation auf Kundenfreundlichkeit getrimmte Service-Abteilung wei√ü allerdings seit Wochen immer nur die eine Antwort: Wir haben leider keine Ger√§te mehr!


Fr√ľhere Depeschen

Telegraphenamt Avenue Kakatare I - Mobilität

Telegraphenamt Avenue Kakatare II - Strafanstalt

Telegraphenamt Avenue Kakatare III - Arbeit