Home » Texte » Telegraphenamt Avenue Kakatare IX

Telegraphenamt Avenue Kakatare IX

Globalisierungserkundungen aus der S√ľdperspektive

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 1, April 2013

Extremistische Gruppen verzeichnen einen immer größeren Zulauf von Jugendlichen, die ihre Zukunft längst verloren glauben. Während nur wenige Arbeit und Zugang zu Bildung finden, werden mit saudi-arabischem Geld immer mehr islamische Zentren aus dem Boden gestampft, die als sozio-kulturelle Anziehungspunkte die Frustrationen auf unheilvolle Weise politisch kanalisieren.
TV-Bericht zur Entf√ľhrung in Nordkamerun TV-Bericht zur Entf√ľhrung in Nordkamerun
Koranschule Koranschule
Frauen im Grenzgebiet zu Nigeria Frauen im Grenzgebiet zu Nigeria

__ Terror

Der 19. Februar 2013 wird der Avenue Kakatare noch lange in Erinnerung bleiben. An diesem Tag erreichte auch das Telegraphenamt aus dem n√∂rdlichen Grenzgebiet die Nachricht, dass unweit des Nationalparks Waza eine franz√∂sische Familie mit ihren vier Kindern von bewaffneten Unbekannten √ľberfallen und entf√ľhrt worden sei. Ratlosigkeit und Entsetzen bestimmen seither das Stadtgespr√§ch. Wie konnte es dazu kommen, obwohl sich Kamerun der Allianz mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich beim Kriegseintritt in Mali so hartn√§ckig verweigerte?

Internationale Medien berichteten kurz darauf, ein Kommando der ansonsten im Norden Nigerias operierenden Boko Haram h√§tte sich zur Geiselnahme auf dem Territorium des Nachbarstaats bekannt. In diesen Stunden machte ein Mann vor der T√ľr des Telegraphenamts Halt, der sich im Kreise der "Nassara", wie die "Wei√üen" in der Region Extreme-Nord gerne und keineswegs ver√§chtlich genannt werden, als intellektueller Gespr√§chspartner gro√üer Bekanntheit erfreut. Diesmal aber war ihm der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Der wortgewandte Koranlehrer unterrichtet an muslimischen Schulen, lehrt die Kinder von klein auf in der Deutung der heiligen Schrift, gemahnt sie zum friedvollen Miteinander und verdient sich mit Kursen in seiner Muttersprache Fulfulde bei den Fremden ein kleines Zubrot. Seine Glaubensgemeinschaft, so klagte er in merklicher Verzweiflung, sei mit dem ungl√ľcklichen Vorfall nun endg√ľltig zwischen die M√ľhlsteine der globalen Missverh√§ltnisse geraten.

Dabei solle der asymmetrische Kreuzzug der gro√üen Weltm√§chte gegen den Islam sehr wohl einem strengen Urteil seines Gottes entgegen sehen. Aber wenn unschuldige Kinder der Vergeltung zum Opfer fallen, werde Allahs Gnade ebenso wenig wirksam werden. Noch im gleichen Atemzug erz√§hlte er, dass der Staat die n√∂rdlichsten Provinzen Kameruns √ľber Jahrzehnte gef√§hrlich vernachl√§ssigt habe. Das r√§che sich nun, indem extremistische Gruppen einen immer gr√∂√üeren Zulauf von Jugendlichen verzeichnen, die ihre Zukunft l√§ngst verloren glauben. W√§hrend nur wenige Arbeit und Zugang zu Bildung finden, werden mit saudi-arabischem Geld immer mehr islamische Zentren aus dem Boden gestampft, die als sozio-kulturelle Anziehungspunkte die Frustrationen auf unheilvolle Weise politisch kanalisieren. Abgesehen von Razzien und zum Teil willk√ľrlichen Verhaftungen in den St√§dten verhalten sich Polizei und Milit√§r seit einigen Monaten weitgehend teilnahmslos – vor allem entlang der Grenze zu Nigeria. Vom Terror der Boko Haram wisse man hier nicht erst seit der gewaltsamen Entf√ľhrung der franz√∂sischen Familie. Frauen f√ľrchten immer √∂fter den Weg zur Wasserstelle, aber auch Kinder verschwinden auf ihrem Weg zur Feldarbeit mitunter spurlos. Dementsprechend mache sich in den D√∂rfern neben den schwierigen Lebensbedingungen auch noch eine Angst vor radikal-islamisch motivierten √úbergriffen breit, mit der die Menschen sich selbst √ľberlassen bleiben. Die Sicherheitskr√§fte haben unterdessen Besseres zu tun. Sie ziehen es vor, auf den befahrbaren Pisten durch Schikanen an den Vorbeireisenden das sp√§rliche Gehalt ein bisschen aufzufetten.

Die Ratlosigkeit hat sich damit auch im Telegraphenamt auf unbestimmte Dauer eingerichtet. Vor wem soll man sich in dieser verzwickten Lage sch√ľtzen? Wer tr√§gt die Verantwortung f√ľr den allt√§glichen Terror, dem es Einhalt zu gebieten gilt? Vorerst bleibt nur der Vermerk in den Akten, dass eine der ohnehin √§rmsten Regionen der Welt noch einmal weiter zur√ľckgefallen ist.

 

Fr√ľhere Depeschen

Telegraphenamt Avenue Kakatare I - Mobilität

Telegraphenamt Avenue Kakatare II - Strafanstalt

Telegraphenamt Avenue Kakatare III - Arbeit

Telegraphenamt Avenue Kakatare IV - Wasser

Telegraphenamt Avenue Kakatare VI - Geschlechterkampf

Telegraphenamt Avenue Kakatare VII - Uniform

Telegraphenamt Avenue Kakatare VIII - Biometrie