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Fußballerisch unkorrekt

Frankreichs Nationalspieler Lilian Thuram tritt mit Popularität gegen Rassismus und Rechtspopulismus an

Von Martin Wassermair. Erschienen in: ballesterer fm, Nr.25, Dezember 2006/Jänner 2007

Lilian Thuram versteht es, politische Courage mit Virtuosität auf der Klaviatur der medialen Vermittlung zu vereinen. Während vielen Sarkozys Drohungen, mit dem "Hochdruckreiniger" gegen den "Abschaum" in den Vorstädten vorzugehen, noch in schrecklicher Erinnerung sind, sucht Thuram unermüdlich geeignete Kanäle, die immer weiter an den Rand gedrängten Jugendlichen unmittelbar zu erreichen.
Lilian Thuram Lilian Thuram

Wenn Fußball und Politik aufeinander treffen, gibt es in der Regel einen Grund zu feiern. Nicht so in Frankreich, nachdem jugendliche Proteste und Polizeigewalt erneut die Vorstädte erschütterten. Wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl will Lilian Thuram dem Vormarsch des Rechtspopulisten Nicolas Sarkozy an die Spitze des Staates Einhalt gebieten.


Stade de France, 6. September 2006. Eigentlich sollte das 3:1 über Weltmeister Italien in der EM-Qualifikation als Wiedergutmachung für die Schmach des verlorenen WM-Finales bejubelt werden. Doch die mediale Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf ein ganz anderes Thema. Auf den Tribünen hatten 70 Fans Platz genommen, die Wochen zuvor gewaltsam aus einem besetzten ehemaligen Universitätsgebäude im Elendsviertel des Pariser Vororts Cachan delogiert worden waren. Auf gemeinsame Einladung der Teamspieler Patrick Vieira und Lilian Thuram durften sie dem Spiel bei freiem Eintritt beiwohnen. Die meisten von ihnen sind "sans papiers", verfügen also über keine Aufenthaltsgenehmigung. 

Frankreichs an sich zerstrittene Rechtsparteien tobten am Tag nach dem Ländermatch zur Abwechslung einmal im Einklang. Der neogaullistischen Regierungspartei UMP und ihrer Galionsfigur, Innenminister Nicolas Sarkozy, der ganz unverhohlen für einen Rückbau der liberal-bürgerlichen Fundamente des Staates eintritt, stieß die Aktion ganz besonders übel auf. Ihr Zorn rückte allen voran Lilian Thuram erneut in den Blickpunkt einer erhitzten Debatte, die von schamlosen Verunglimpfungen begleitet war. Er verhalte sich wie ein "kleiner Zorro", ließ ein Abgeordneter ausrichten, seine Botschaft sei ein unverhohlener Aufruf zur Missachtung von Recht und Gesetz. Und schließlich der disziplinierende Fingerzeig: "Wir führen keine Diskussion mit Sportlern, die in der Politik nichts verloren haben!"

Idol des multikulturellen Frankreich

Lilian Thuram blieb davon unbeeindruckt. Der Barcelona-Verteidiger, der sich über eine Ernennung in das All-Star-Team der WM 2006 freuen darf, genießt außerhalb des grünen Rasens ein vielschichtiges öffentliches Ansehen. Kameruns Popstar Junior Sengard besingt den auf den karibischen Antillen geborenen 34-Jährigen gemeinsam mit dem unvergesslichen "Löwen" Roger Milla als "Monument" einer panafrikanistischen Selbstfindung. Der mit mittlerweile 125 Einsätzen rekordverdächtige Nationalspieler nutzt seine Popularität, um sich in erster Linie den sozialen Brennpunkten der französischen Gesellschaft zu widmen. Wie kaum ein anderer versteht er es, politische Courage mit Virtuosität auf der Klaviatur der medialen Vermittlung zu vereinen. Während vielen Sarkozys Drohungen, mit dem "Hochdruckreiniger" gegen den "Abschaum" in den Vorstädten vorzugehen, noch in schrecklicher Erinnerung sind, sucht Thuram unermüdlich geeignete Kanäle, die immer weiter an den Rand gedrängten Jugendlichen unmittelbar zu erreichen.

Eine Möglichkeit bot ihm sein Vorwort zum aktuellen Roman Banlieue noire des jungen Autors Thomté Ryam. Das kickende Idol des multikulturellen Frankreich setzt dabei seine Vorbildwirkung gezielt ein. "Man kann Fußball verehren", lässt Thuram das junge Publikum wissen, das sich wie die Protagonisten des Buches eine Profi-Karriere als soziale Auswegsmöglichkeit erträumt, "man sollte aber zugleich bedenken, dass sich die Grundwerte der Republik nur verwirklichen, wenn selbst der größte Dribbler eines Tages auch Ingenieur, Unternehmenschef oder Gewerkschafter werden kann." Umso mehr ist der Verteidiger davon überzeugt: "Mit dem Fuß einen Ball zu schießen, ist alleine noch kein Kampf gegen die Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Diskriminierung."

Mitte Juli meldete sich Lilian Thuram, ungeachtet der Strapazen der Weltmeisterschaft, gleich mehrfach zu den aktuellen Vorkommnissen rund um Cachan zu Wort. "Wir haben bisher geglaubt, Frankreich sei ein zivilisierter Staat", meinte das Mitglied des staatlichen Integrationsrats bitter. Die "Sarkozysierung" des politischen Klimas schaffe einen Zynismus, der die gewaltsamen Delogierungen schleichend akzeptiert, man könne auch schon von Deportationen sprechen. In letzter Konsequenz drücke sich darin immer  mehr der Wunsch aus, "dass  Menschen ohne Papiere eben wo anders verrecken sollen". Und an die Adresse des obersten Verantwortlichen für die innere Sicherheit: "Nicolas Sarkozy sollte nicht an seiner Lust, Präsident der Republik zu werden, erblinden, sondern mit der Autorität achtsamer umgehen, die ihm durch sein Amt gegeben ist."

Ungehorsamer Mitstreiter

Drei Monate später erhielt Lilian Thuram öffentlichkeitswirksame Unterstützung von einem seiner Mitstreiter der Équipe tricolore. Mittelfeldspieler Vikash Dhorasoo musste zu diesem Zeitpunkt seine Kündigung bei Paris Saint Germain entgegen nehmen. Das Schreiben hielt für ihn eine sehr knappe, dafür umso deutlichere Begründung bereit: "Ungehorsam und eine andauernde Neigung zur Provokation."

Das Medienecho war dem Pariser auch deshalb gewiss, weil kurz zuvor bekannt geworden war, dass er während des WM-Aufenthalts mit einer Super 8-Kamera quasi aus der Hüfte heraus einen sehr persönlichen Film gedreht hat - übrigens ohne Einwilligung von Trainer Domenech und einem Großteil seiner Teamkollegen. Der auf Anregung des befreundeten Regisseurs Fred Poulet entstandene Film Substitute wird Anfang 2007 in den französischen Kinos zu sehen sein und unterstreicht einmal mehr den aufrührerischen Charakter des verwegen anmutenden Fußballintellektuellen.

Getragen von der Welle der Publizität, nahm Dhorasoo sich auch kein Blatt vor den Mund. "Wir haben bei der Präsidentschaftswahl leider wieder keine Wahl", erklärte er noch am Tag seines Rauswurfs bei PSG gegenüber der angesehenen linksliberalen Zeitung Libération. Obwohl selbst von Ségolène Royale, der aussichtsreichsten Gegenkandidatin der Sozialistischen Partei (PS), immer wieder rechtes Gedankengut zu hören sei, verspricht er, mit allen Mitteln "auf Sarkozy einzuhämmern". Dessen "Sicherheitswahn", der immer mehr Polizei zur Folge habe, mache ihm mittlerweile große Angst. Dhorasoos Appell: "Folgt dem Beispiel Thurams, bereitet der 'Diktatur der fußballerischen Korrektheit' ein Ende und brecht mit dem Prinzip des Stillschweigens innerhalb des Sports!"

Lilian Thuram und Vikash Dhorasoo werden die Wahl von Nicolas Sarkozy zum französischen Staatspräsidenten am 22. April 2007 vielleicht nicht verhindern können. Sehr wohl tragen sie aber zu einem Problembewusstsein über die Realitäten und Hintergründe einer immer stärker in Brüche geratenen Gesellschaft bei. Mit der Beliebtheit des französischen Fußballs machen sie dagegen mobil. Da überrascht es wenig, dass auch auf der Website des französischsprachigen Barça-Fanclubs FC Barcelona Clan zu lesen ist: "Viele denken mittlerweile, dass ein Wechsel Thurams in die Politik nur mehr eine Frage der Zeit ist."


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