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Wien ins 21. Jahrhundert!

Wien muss sich entscheiden: Soll der Karlsplatz musealisiert werden oder an das 21. Jahrhundert andocken? Ein Kommentar.

Von Konrad Becker und Martin Wassermair. Erschienen in: Falter, 16. Oktober 2002

In Wien muss eine institutionelle Struktur geschaffen werden, die auf der Grundlage neuer sozialer Organisationsformen einen transparenten und offenen Knotenpunkt internationaler Netzwerke, von Kunst, Kultur und Wissenschaft verkörpert.
Falter, 16. Oktober 2002 Falter, 16. Oktober 2002

Der Karlsplatz inmitten Wiens ist ein Niemandsland. Deshalb forderte zuletzt an dieser Stelle Gerald Matt (Falter Nr.37/02), dass aus dieser "Verkehrsh√∂lle" ein Zentrum der k√ľnstlerischen und urbanen Bewusstseinsbildung entstehen soll - ein Platz als "Relais zwischen Kunst und Leben". Wie recht er hat!

Wien will anders sein. In kulturpolitischer Hinsicht kann dies nur gelingen, wenn die Stadtverantwortlichen sich entschlie√üen, neue Wege zu beschreiten. Urbanes Denken – und das ist das scheinbar Irref√ľhrende an diesem Terminus – hat seine Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Welt au√üerhalb der Stadtmauern zu lenken. Hier herrschen aktuell Dotcom-Depression, allgegenw√§rtige Terrorfurcht, √úberwachungsneurosen und Demokratie-Pessimismus vor. Die Frage, wo sich die Ergebnisse der vielf√§ltigen theoretischen Diskurse im Alltag festmachen l√§sst, m√ľndet in den einen zentralen Appell: "Es braucht R√§ume, in denen die vielzitierte Multitude neue demokratische Formen erproben kann".

Dass der Anspruch auf Urbanit√§t in der Bundeshauptstadt bisher keinen nennenswerten Kristallisationspunkt gefunden hat, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel des Museumsquartiers. Kritisches wird in den Fischer von Erlach-Gem√§uern solange in ein b√ľrokratisches Korsett geschn√ľrt, bis ihm die Luft wegbleibt. F√ľr non-konforme kulturelle Institutionen ist mittlerweile √ľberhaupt kein Platz.

Wie sollen k√ľnftige R√§ume beschaffen sein? Theoretiker, Wissenschafter, K√ľnstler konnten sich darauf verst√§ndigen, dass der Widerspruch gegen Wirtschaftsdominanz sich auch in realen Strukturen artikulieren muss. Die Kritik an der Einengung der Handlungsfelder des Einzelnen muss √ľber entsprechende Medien √Ėffentlichkeiten finden. Einigkeit besteht auch darin, dass jede neu geschaffene Einrichtung in einer engen Anbindung an weltweit vernetzte Aktivit√§ten zu verstehen ist. Der Karlsplatz h√§tte die Chance, zu einem Gravitationszentrum einer neuen kulturellen Praxis zu werden, die sich im interdisziplin√§ren Austausch mit Wissenschaft und Theoriebildung befindet und sich als Teil der neuen sozialen Bewegungen versteht. Was nur allzu oft sehr nebulos als urban und vision√§r umschrieben wird, besteht im wesentlichen aus der praktischen Erprobung dessen, was heute schon Zukunft ist.

Die Stadt sollte sich bei der Verwirklichung auf Partner st√ľtzen, die – und hier stochert neben Gerald Matt auch Jan Tabor (Falter Nr.31/02) in der klaren Suppe herum – bei dieser Suche jene Inhaltsstoffe beizusteuern in der Lage sind, die auch wirklich einl√∂sen, wovon der Kunsthallendirektor spricht: √Ėffnung des Karlsplatzes. Es ist fraglich, ob allein die territoriale Expansion von Historischem Museum und K√ľnstlerhaus als schl√ľssiges urbanes Konzept gen√ľgt.

Der Karlsplatz ist nur zu √∂ffnen, wenn die Stadt selbst sich √∂ffnet. Sie ben√∂tigt vor allem das Selbstbewusstsein, der schwarz-blauen kulturpolitischen Gestaltung ein anderes Modell entgegen zu setzen – gegen die besorgniserregende Ausbreitung und Hegemonie provinziellen Stumpfsinns. Der 4. Februar 2000 hat auf vielf√§ltige Weise dazu beigetragen, kulturelle Positionen zu identifizieren und die Notwendigkeit von kritischen √Ėffentlichkeiten zu unterstreichen. Die Stadt sollte die Gelegenheit ergreifen, gegen√ľber Europa und der Welt aufzuzeigen, dass man im 21. Jahrhundert angekommen ist. Der Kunstplatz Karlsplatz bietet sich an, als Denkmal der Selbstbestimmung dieses Verst√§ndnis zu manifestieren und das vorhandene Potential damit weiter zu entwickeln.

Nicht ein weiteres Denkmal aus Granit ist hier gemeint, sondern die Institutionalisierung lebendiger Prozesse. Es muss eine institutionelle Struktur geschaffen werden, die auf der Grundlage neuer sozialer Organisationsformen einen transparenten und offenen Knotenpunkt internationaler Netzwerke, von Kunst, Kultur und Wissenschaft verk√∂rpert. Das erfordert nicht nur eine hochwertige technische Ausstattung f√ľr eine digitale Medienkultur, sondern vor allem auch Rahmenbedingungen f√ľr tempor√§re Partnerschaften und ein dynamisches Wechselspiel von eigenst√§ndigen Projekttr√§gern.

Die Vermittlung eines emanzipatorischen Demokratieverst√§ndnisses muss von jenen wahrgenommen werden, die Kultur als Impulsgeber f√ľr kulturelle Zukunftsentwicklungen und aktiven Tr√§ger von Ver√§nderungen erkennen.

"Der Krieg", so erkl√§rte der italienische Medientheoretiker und Politkaktivist Franco "Bifo" Berardi (siehe auch das Portr√§t von Berardi in Falter 02/41, S. 20, Anm. d. Red.)  im Rahmen der Konferenz "Dark Markets", "ist das Amphetamin der Eliten, das sie in ihre Venen injizieren, um nicht in ihren inneren Abgrund blicken zu m√ľssen." Daher sollte sehr genau darauf geachtet werden, dass sich die Debatte um eine sinnvolle Entwicklung des Karlsplatzes zu einem Kunstplatz nicht in ein Muskelspiel zwischen den Feldherrn-H√ľgeln vermeintlicher Kunst-Eliten verirrt. Genau darauf aber l√§uft die Diskussion im Augenblick hinaus.

Es bedarf in dieser Stadt jedenfalls keines weiteren musealen Markplatzes b√ľrgerlicher Eitelkeiten, wo das "Gold der Pharaonen" h√§ppchenweise f√ľr einen leicht bek√∂mmlichen Kunstgenuss der Gegenwart umgeschmolzen wird. An dessen Stelle muss endlich ein dynamisches Experimentierfeld treten, auf dem Kommunikation als Motor gesellschaftlicher Entwicklung zum Einsatz kommt. Wenn Wien noch ein Denkmal n√∂tig hat, dann nur eines, das den Zugang zum Denken der Zukunft er√∂ffnet. Auf diesem k√∂nnte zu lesen sein: Upload Future Culture!