In einem Interview für derStandard.at nahm ich am 18. März 2026 ausführlich zu meinem Abschied von DORFTV und dem nichtkommerziellen Rundfunk Stellung.
Dorf TV verliert Journalisten, der „Watschen kassiert, ohne umzufallen“
Politikredakteur Martin Wassermair verlässt Oberösterreichs Community-TV nach zehn Jahren. Er sorgt sich um die Resilienz nicht-kommerzieller Medien gegenüber politischem Druck
Er habe dem nicht-kommerziellen Rundfunk viel zu verdanken, sagt Martin Wassermair. Zuletzt hat es aber offenbar nicht mehr gepasst. Deshalb hört der Politikredakteur beim oberösterreichischen Communitysender Dorf TV Ende März nach zehn Jahren auf. Im STANDARD-Interview führt Wassermaier Gründe an und kritisiert die Strukturen in freien Medien. Sie würden Diskurs und Partizipation eher verhindern als fördern. Ohne politikkritische Sendungen wie das von ihm geleitete Diskussionsformat Stachel im Fleisch würden wichtige Gegenstimmen verloren gehen. Als Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen setzt er sich weiterhin für Pressefreiheit ein.
Der Sender Dorf TV dankt Wassermair in einer Stellungnahme. Er verlasse den Sender „auf eigenen Wunsch“. Mit „seinem beherzten journalistischen Engagement für Fragen der Demokratie, Medienvielfalt und Informationsfreiheit“ habe Wassermair „wesentlich zur Sichtbarkeit und Positionierung des Senders beigetragen“.
STANDARD: Sie waren langjähriger Politikredakteur bei Dorf TV, haben renommierte Preise gewonnen und den Sender maßgeblich professionalisiert. Sie schreiben auf Ihrer Homepage von fehlender notwendiger Reibung und einem überbordenden Wunsch nach Konsens. Was ist da passiert?
Wassermair: Ich möchte vorwegschicken, dass ich dem nicht-kommerziellen Rundfunk viel zu verdanken habe, auch in meiner persönlichen Entwicklung. Aber ich habe 2016 den Auftrag übernommen, eine Politikredaktion aufzubauen, mit dem Ziel, Kante zu zeigen. Das war kurz vor der Landtagswahl 2015, als sich der massive Rechtsruck bereits abzeichnete. Das Ziel war: kein vorauseilender Gehorsam, sondern Mut zum kritischen Diskurs. Es war viel Versuch und Irrtum dabei, aber es hat sich mit der Zeit als echter Erfolg erwiesen.
STANDARD: Klingt nach einem klassischen Kulturclash zwischen journalistischer Professionalität und der Spielwiesenmentalität eines freien Kanals.
Wassermair: Bei Dorf TV war ich über lange Zeit faktisch der einzige Journalist, der mit diesem Etikett versehen war. Es gibt zwar offiziell eine Chefredaktion, aber ansonsten hast du dort nur mit Leuten zu tun, die in der technischen Produktion mitarbeiten, die Kamera machen, den Ton regeln, die Workshops organisieren. Aufbauen und die Betreuung von Communitys sind ein sehr breites Feld, das natürlich auch dem Aufgabenprofil geschuldet ist. Der nicht-kommerzielle Rundfunk muss ja einlösen, was ihm gesetzlich vorgeschrieben ist. Da entstehen Spannungen, weil ich natürlich zunehmend meinen journalistischen Anspruch verfolgt habe. Partizipation gilt zudem bei nicht-kommerziellen Medien als höchstes Gut. Jetzt ist aber der Alltag so gestaltet, dass es kaum dafür Raum gibt. Alle sind sehr busy, sie müssen noch zwei, drei weitere Jobs machen, weil das Geld ja nicht reicht und es gibt kaum die Möglichkeit, tatsächlich längere Diskursphasen einzurichten
STANDARD: Gab es einen konkreten Moment, der den Bruch endgültig besiegelt hat?
Wassermair: Vor drei Wochen wollte ich eine von mir konzipierte Medienkonferenz in einer Teamsitzung besprechen. Mir wurde jedoch der Zutritt zum Raum verweigert – ohne Angabe von Gründen. Auf meine Nachfrage, ob das ein unfreundlicher Rausschmiss sei, wurde ich an die Geschäftsführung verwiesen. Wenige Tage später war ich zu einem Gespräch mit unserem Aufsichtsrat eingeladen. Alle waren zugegen und haben den Vorfall sehr bedauert. Aber das kann kein Missverständnis gewesen sein.
STANDARD: In Oberösterreich stehen 2027 Wahlen an. Die FPÖ liegt in Umfragen klar voran. Nicht-kommerzielle Medien sehen sich für gewöhnlich hier als wichtige Gegenstimme gefordert. Steht das nicht in Widerspruch mit Ihrem Abschied?
Wassermair: Das ist meine größte Sorge. Wir haben Formate wie Stachel im Fleisch etabliert, in denen Politiker zwei Stunden lang Rede und Antwort stehen mussten – das gibt es sonst nirgends, auch nicht im ORF. Viele Politiker schätzen diese Schnittstelle, auch wenn sie meine Fragen fürchten. Wenn das nun wegbricht, verlieren wir ein wichtiges Gegengewicht in einer Zeit, in der viele oberösterreichische Medien kritische Themen eher totschweigen.
STANDARD: Ist das ein spezifisches Problem von Dorf TV oder ein Symptom der gesamten freien Medienszene in Österreich?
Wassermair: Es ist beides. Viele Community-Medien mussten aus Finanzierungsgründen Redaktionen einsparen. Dorf TV war lange Zeit die Avantgarde. Aber wenn man Impact erzielen will, braucht man Strategie und Köpfe. Wir sehen etwa in Berlin-Brandenburg, wie schnell freien Radios Lizenzen entzogen werden – oft reichen Marktlogik und politische Geringschätzung aus, da braucht es gar keine Rechtsextremen an der Macht. Die Resilienzfähigkeit des Sektors gegenüber politischem Druck macht mir Sorgen. Ich sorge mich sehr um die Widerstandsfähigkeit. Für Widerstände brauchst du Erfahrung, Energie, Hoffnung, Allianzen. Und du brauchst Personen, die sich tatsächlich auch hinstellen und in der Auseinandersetzung ordentlich Watschen kassieren, ohne dass sie umfallen
STANDARD: Sie könnten alleine weiter machen. Es heißt, die digitale Welt bietet via Podcast oder Blog genug Möglichkeiten für eigene Öffentlichkeiten.
Wassermair: Das klingt in der Theorie gut, scheitert aber oft an der Realität. Ich habe Familie, ich bin 55 Jahre alt. Ein Podcast ist meist reine Liebhaberei ohne Budget. Dorf TV war für mich auch eine Existenzgrundlage. Zudem wurden mir bereits Ende 2025 von der Geschäftsführung 28 Prozent Mittel für 2026 gestrichen – ohne Begründung.
STANDARD: Was wünschen Sie Dorf TV für die Zukunft?
Wassermair: Ich wünsche Dorf TV ein langes Leben, vor allem aber dass der Sender stachelig und unangenehm bleibt. Dass alle wissen: Mit Dorf TV ist zu rechnen, wenn es demokratiepolitische, medienpolitische kulturpolitische, menschenrechtspolitische Fehlentwicklungen gibt. Aber dafür braucht es Persönlichkeiten, die das auch realisieren können. (Doris Priesching, 18.3.2026)
