„Widerborstig sein ist mein Markenzeichen“

Zehn Jahre leitete Martin Wassermair die Politikredaktion des Linzer Community-Senders DORFTV

Ende März 2026 habe ich meine Tätigkeit bei DORFTV als leitender Politikredakteur beendet und zugleich vom nichtkommerziellen Rundfunk Abschied genommen. Aus diesem Anlass hat mich MeinBezirk Linz um ein Interview gebeten.

„Widerborstig sein ist mein Markenzeichen“ (Langfassung)

Zehn Jahre leitete Martin Wassermair die Politikredaktion des Linzer Community-Senders DorfTV.

LINZ. Mit Sendeformaten wie „Der Stachel im Fleisch“ wollte Martin Wassermair kritischen Politikjournalismus im nichtkommerziellen Rundfunk etablieren. Mit Ende März hört er auf. MeinBezirk hat ihn zum Interview getroffen.

Wie hat „Der Stachel im Fleisch“ angefangen?

Martin Wassermair: DorfTV ist schon 2015 an mich herangetreten, ob ich interessiert sei, für den Linzer Community-Sender DorfTV eine Politikredaktion aufzubauen. Ich habe es mir zunächst nicht so ganz vorstellen können, dann aber darin für mich eine tolle Herausforderung erkannt. Ich bin ja Politikwissenschaftler und habe immer den Wunsch verspürt, Politik nicht nur in Büchern zu lesen oder aus Medien zu entnehmen, sondern selbst in der politischen Sphäre mitzumischen.

Wie hat es sich entwickelt?

Im nicht kommerziellen Fernsehen eine Politikredaktion aufzubauen, ist gar keine so leichte Aufgabe. Das ist mit Kosten verbunden und diejenigen, die die Programmplanung machen, müssen dafür auch ein Zeitfenster freischaufeln. Ich freue mich aber, dass ich immer noch auf der Straße in Linz von Leuten angesprochen werde, die mich aus dem Diskussionsformat kennen.

Was wollten Sie erreichen?

Der Name „Stachel im Fleisch“ sagt ja schon einiges aus – mein Anspruch war, nicht „More-of-the-Same“ zu produzieren. Es gibt viel Kritik an Talkshows, dass immer die gleichen Gesichter eingeladen werden. Das führt auch beim Publikum zu einer echten Ermüdung. Die Sender glauben allerdings, dass das Quote bringt. Dann sind andernorts TV-Gespräche immer als Duelle oder Konfrontationen angelegt. Das wollte ich vermeiden. Ich wollte Menschen zu Wort kommen lassen, die sonst nie eine Bühne finden, aber unheimlich viel zu sagen haben. Damit ist ein komplementäres Diskussionsformat entstanden, für das man sich ein bisschen Zeit nehmen muss – die Sendungen haben immer 50 bis 60 Minuten gedauert. Mir ging es auch nie um meine Person, sondern dass es in Linz ein vernünftiges Politik-Diskussionsformat braucht, bei dem sich das Publikum seine persönliche politische Meinung bilden kann.

Sie sind ja gerne „angeeckt“?

Ich habe den „Stachel im Fleisch“ nicht gemacht, um Everybody’s Darling zu sein. Ich glaube, die Politik war sehr oft stark genervt von mir. Aber gleichzeitig habe ich auch nie einen Shitstorm erlebt oder ungebührliche Angriffe gehabt. Ich denke, das liegt daran, dass ich die Spielregeln beachtet habe – zum Beispiel auf Social Media nie zu allem und jedem einen Kommentar abgegeben habe. Es gehört zu meinem Selbstverständnis, dass ich kritisch bin, widerborstig. Nicht alles kritiklos hinnehmen. Das ist quasi mein Markenzeichen.

Warum hören Sie jetzt auf?

Wenn du so ein Politikformat ins Leben rufst und damit erfolgreich bist, bist du sichtbar. Und gerade der nicht kommerzielle Rundfunk, wie Dorf TV, sind Orte, wo Menschen mit sehr viel Herzblut arbeiten. Das bedeutet, dass die meisten auch schlecht bezahlt sind. Umso mehr braucht es Idealismus. Es braucht für ein Format wie „Der Stachel im Fleisch“ aber ein gewisses Handwerk. Manche sagen, der nicht kommerzielle Rundfunk ist ja ein Versuchslaboratorium – das ist schon richtig. Wenn wir allerdings eine Politikredaktion wollen, die eine klare, starke und überzeugende Außenwirkung erzielen soll – was letztlich für unser Überleben wichtig ist – dann müssen wir auch in der Qualitätssicherung weiterkommen. Dafür braucht es mehr Leute mit einem redaktionellen Selbstverständnis.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich habe ja meinen Job als Generalsekretär bei Reporter ohne Grenzen. Das ist eine ehrenvolle Aufgabe.  Es gibt aber viele Leute, die sagen: Du musst weitermachen, einen Podcast oder so. Also vermutlich wird es irgendwie in diese Richtung weitergehen