„Der Stachel im Fleisch“ ist nicht mehr …

Ein nachdenklicher Abschied von DORFTV

Ich habe der Geschäftsleitung von DORFTV Mitte Februar mitgeteilt, dass ich meine mehr als zehnjährige Tätigkeit als leitender Politikredakteur des Linzer Community-Senders mit 31. März 2026 beenden werde. Dieser Abschied kommt für mich selbst unerwartet, zugleich bedeutet er mein vollständiges Ausscheiden aus dem Sektor des nichtkommerziellen Rundfunks.

Die Sendereihen „Mit Biss“, „Wassermair sucht den Notausgang“ und vor allem „Der Stachel im Fleisch“ waren in den Jahren von 2016 bis 2026 weit mehr als bloße Talkformate: Sie spiegelten gesellschaftliche Brüche, Kontroversen und Konflikte, rüttelten an Konventionen und machten sichtbar, wie notwendig kritische Stimmen in einer mit der Zivilgesellschaft eng verwobenen Medienlandschaft sind.

Der Kontext des nichtkommerziellen Rundfunks ist geprägt vom Anspruch des offenen Zugangs, von Vernetzung und der Vermittlung von Medienkompetenz sowie der Einbeziehung unterschiedlichster Communities. Zugleich ist er jedoch auch von meist prekären strukturellen und finanziellen Einschränkungen gekennzeichnet. Trotz begrenzter Ressourcen konnte mit der Politikredaktion ein medialer Debattenraum etabliert werden, der Experimente nicht scheute, den Widerspruch förderte und Perspektiven sichtbar machte, die andernorts kaum Platz finden. Für mich ging damit aber auch eine strukturelle Zweischneidigkeit einher, die mir – ungeachtet der Medienpreise (u.a. OÖ. Journalist des Jahres 2017; Fernsehpreis der Erwachsenenbildung 2019), die bislang nur mit den Politikformaten von DORFTV erzielt werden konnten –  auch Grenzen aufzeigte.

Die Rahmenbedingungen, unter denen eine kritische Politikredaktion zu etablieren war, erwiesen sich nur allzu oft als fragil, was sich wiederum nachteilig auf ihre Wirkung und Nachhaltigkeit auswirkte. Vor diesem Hintergrund war für mich die Herangehensweise an wichtige Themen- und Problemstellungen der Gegenwart stets mehr als journalistische Routine: Sie suchte die öffentliche Auseinandersetzung, manchmal aufsässig, oft herausfordernd, aber immer konsequent und getragen von der Überzeugung, dass Medien Orte der reflektierten Information, der Teilhabe, der Konfliktaustragung sein sollten – keinesfalls aber der Selbstinszenierung oder gar Selbstzufriedenheit.

Die Idee des offenen Zugangs bedeutet Vielfalt, bringt aber zugleich unterschiedliche Erwartungen an Programm, Haltung und die redaktionelle Praxis mit sich. Während kritischer Journalismus notwendigerweise Reibung erzeugt, überwiegt in gemeinschaftlich organisierten Medienprojekten häufig der Wunsch nach Ausgleich, Konsens und innerinstitutionellem Einvernehmen. Zwischen diesen Polen entstand bei DORFTV ein Spannungsfeld, das im Laufe der Zeit immer deutlicher bemerkbar wurde. Wer etwa hartnäckig Qualitätssicherung und inhaltliche Weiterentwicklung einfordert, macht sich nicht beliebt – vor allem dann nicht, wenn die Bereitschaft zum kritischen Dialog und zur Auseinandersetzung mit unbequemen Standpunkten und Perspektiven nicht gleichermaßen vorhanden ist.

Mit dem Abschied endet ein wichtiger Abschnitt meines bisherigen Werdegangs im nichtkommerziellen Rundfunk. DORFTV bot mir zahlreiche Möglichkeiten, die notwendige Erörterung von Politik und Zeitgeschehen über Vermittlungsformen abseits des Mainstreams zu verwirklichen, mit einem strategisch durchdachten Agenda Setting größere Öffentlichkeiten zu erreichen und auf diese Weise schließlich zur demokratischen Meinungs- und Wissensbildung beizutragen. Was bleibt, ist die Sorge, ob der Linzer Community-Sender und der mediale Sektor, der bislang keinen festen Platz in der gesellschaftlichen Breite gefunden hat, unter den genannten Voraussetzungen ausreichend Stabilität und Resilienz entwickeln können. Schon jetzt sehen sie sich einem massiven Anstieg autoritärer Tendenzen sowie Angriffen auf Informationsfreiheit und Medienvielfalt ausgesetzt. Entscheidend für die eigene Zukunftsfähigkeit sind daher mehr denn je Mut, ein starkes (medien-)politisches Rückgrat und wirkmächtiger Widerspruch.