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Ein Stoff sagt mehr als 1000 Worte

Afrikanische Textilien als Interfaces zur Welt

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Missy Magazine 03/11, August 2011

Die Kleider beschrĂ€nken sich nicht bloß auf die Funktion der Bekleidung, sondern schöpfen ihre Bedeutung aus der Komposition von Farben, Mustern und Schnitten mit oft raffinierten Variationen im Spannungsfeld von Moderne und Tradition. Sie bilden Interfaces zur Welt, in der die Frauen leben, textile Schnittstellen, die Zusammengehörigkeit und SolidargefĂŒhl ebenso zu verstehen geben können wie distinktive Eigenwilligkeit.
Stoff zum Internationalen Frauentag 2011 Stoff zum Internationalen Frauentag 2011
Landfrauen im Gemeinschaftslook Landfrauen im Gemeinschaftslook

Bunte Stoffe mit eingewebten Logos oder politischen Botschaften: Was in Europa wie eine irrwitzige Fashion-Utopie erscheint, ist in Afrika lange RealitÀt. Doch was bedeuten die textilen Zeichen?


Noch vor Tagesanbruch wiegt die Aufgeregtheit mehr als jede MĂŒdigkeit. Der allererste Bus sollte es sein, fĂŒr den Fall, dass wĂ€hrend der Fahrt etwas Unvorhergesehenes passiert. Als Treffpunkt dient den FrĂŒhaufsteherinnen die vom Zentrum etwas abgelegene Weggabelung, die die kleine Gemeinde Nkometou ĂŒber eine Schnellstraße mit Kameruns Hauptstadt verbindet. Schon wenige Minuten spĂ€ter macht hier ein klappriger Kleintransporter halt, um die fröhliche Reisegruppe aufzulesen.

Den Entschluss, gemeinsam den Weg nach YaoundĂ© anzutreten, haben sie am Tag zuvor ganz spontan gefasst. Seit einem Jahr treffen sich die zwölf Frauen aus Nkometou am letzten Sonntag eines Monats zur sogenannten "Cotisation", einem Mikrofinanzsystem, das die AbhĂ€ngigkeit von den EhemĂ€nnern als Alleinunterhalter der Familie spĂŒrbar ertrĂ€glicher gestaltet. Bei jedem Treffen legen die Teilnehmerinnen je 15.000 Fcfa (ca. 20 Euro) in den Topf. Am Ende des ausgelassenen Nachmittags und nach jeder Menge Bier wird der Gesamtbetrag im Rotationsverfahren an eine bereits zu Jahresbeginn festgelegte Frau ausgeschĂŒttet. Diese etwas andere Form des Sparvereins – mittlerweile in gesamt Subsahara-Afrika sehr beliebt – bietet die Möglichkeit, persönliche Anschaffungen zu tĂ€tigen, fĂŒr die niemand Rede und Antwort stehen muss. Und nun sahen die Frauen den Zeitpunkt gekommen, dem neuen Selbstbewusstsein durch ein unverkennbares Branding kollektiven Ausdruck zu verleihen: durch einen gemeinsamen Stoff, der zu kunstvollen Kleidern im Gemeinschaftslook gefertigt wird.

In der großen Verkaufshalle von LĂ€king, der Topadresse fĂŒr Textilien in YaoundĂ©, haben die Frauen endlich ihr Ziel erreicht. Nach eineinhalb Stunden intensiver Suche und einer ĂŒberaus emotionalen Diskussion ist dann auch der Stoff gefunden, der die eine unabersehbare Botschaft im alltĂ€glichen Miteinander aussenden soll: Ab sofort nehmen die zwölf Frauen einen gesellschaftlichen Platz in Anspruch, der nicht zu ĂŒbersehen ist. Sie bringen zum Ausdruck: Wir organisieren uns, wir artikulieren unsere Probleme, wir wollen nicht von den MĂ€nnern abhĂ€ngig sein und schaffen uns Freiheiten.

Der Stellenwert der Stoffe fĂŒr die Positionierung von Frauen in Kamerun darf nicht alleine am finanziellen Aufwand abgelesen werden. FĂŒnf Laufmeter sind fĂŒr durchschnittlich 10.000 Fcfa (ca. 15 Euro) zu haben, weshalb ein Einkauf nur fĂŒr jene machbar ist, die – der gesetzliche Mindestlohn liegt in Kamerun bei 28.000 Fcfa – ĂŒber ein gutes Einkommen verfĂŒgen. Die Kleider beschrĂ€nken sich nicht bloß auf die Funktion der Bekleidung, sondern schöpfen ihre Bedeutung aus der Komposition von Farben, Mustern und Schnitten mit oft raffinierten Variationen im Spannungsfeld von Moderne und Tradition. Sie bilden Interfaces zur Welt, in der die Frauen leben, textile Schnittstellen, die Zusammengehörigkeit und SolidargefĂŒhl ebenso zu verstehen geben können wie distinktive Eigenwilligkeit.

Stoffe mit einer gewieften Kombination aus Bildern, Zeichen und Farben zu einem semiotischen Gesamtkunstwerk zu verfeinern, hat in Kamerun eine Jahrhunderte lange Tradition, die sich oft nur mit einem sehr weitreichenden kulturellen VerstĂ€ndnis entschlĂŒsseln lĂ€sst. Noch vor einer Generation war die Produktion eine nachvollziehbare Verfahrenskette. Die Baumwolle stammte aus heimischer Ernte, wurde in kollektiven WerkstĂ€tten lokal verwoben und von Hand gefĂ€rbt. Die Globalisierung hat das mittlerweile komplett auf den Kopf gestellt. Die geheimnisvollen Muster und Botschaften werden von Firmenlogos und Insignien aus Politik und Entertainment abgelöst. Und kaum jemand interessiert sich dafĂŒr, dass viele der Textilien unter hochprekĂ€ren Bedingungen in Indien oder China ĂŒber das Fließband laufen – fĂŒr einen afrikanischen Markt, auf dem auch Angebote aus Holland, England und dem österreichischen Vorarlberg anzutreffen sind. Noch kann sich Cicam, der grĂ¶ĂŸte Baumwollverarbeitungsbetrieb in Kamerun, gegenĂŒber der Konkurrenz behaupten. Aber der internationale Preisdruck fĂŒhrt zu Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen in den Fabriken, wo Sozialleistungen und Lohnsicherheit den meist weiblichen Arbeiterinnen immer öfter vorenthalten werden.

Ein widersprĂŒchliches Bild vom Zusammenprall globalisierter ProduktionsverhĂ€ltnisse mit der fĂŒr afrikanische Kulturen signifikanten Farbenpracht bietet auch der Internationale Frauentag. Am 8. MĂ€rz marschieren jedes Jahr gestylte Vertreterinnen fast aller Organisationen, VerbĂ€nde und Unternehmen im Paradeschritt an den mit den Spitzen aus Politik, MilitĂ€r und Wirtschaft gefĂŒllten EhrentribĂŒnen vorbei. TatsĂ€chlich hat man an höchster Stelle die Wirkung der textilen Interfaces im öffentlichen Raum schon frĂŒh erkannt. Die Regierung lĂ€dt regelmĂ€ĂŸig zu einem Wettbewerb, in dem ein landesweit einheitliches Design ermittelt und prĂ€miert wird. Das fein gewobene Ergebnis erreicht schließlich selbst die entlegensten Regionen, wo flinke HĂ€nde die TĂŒcher an NĂ€hmaschinen zu einem kreativen MassenphĂ€nomen vollenden. Der Politik ist aber auch bewusst, dass die Stoffe fĂŒr viele noch immer Mangelware sind. Wenn also das Konterfei des lĂ€chelnden PrĂ€sidenten Paul Biya auf Hemden, Röcken und Kopfbedeckung die Blicke auf sich zieht, dann ist diese Motivwahl nicht unbedingt bereitwilliger Ausdruck der Propaganda, sondern das Resultat einer politischen Instrumentalisierung, die sich mit kostenlosen Ausgaben des Stoffes die Armut zunutze macht.

Im Norden des Landes ist die Situation noch schwieriger. In den oft schwer zugĂ€nglichen DĂŒrregebieten des Sahel ĂŒberwiegt noch immer ein traditioneller Kodex, der vor allem junge Frauen in ein rechtliches Vakuum drĂ€ngt. Die schillerndsten Farben der mit Stolz getragenen Kleider können nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass mit der Zwangsverheiratung von zwölf- bis 14-jĂ€hrigen MĂ€dchen brutale Gewalt in den Dorfgemeinschaften allgegenwĂ€rtig ist.

Wer also vom Anblick der Stoffe in den Bann gezogen ist, sollte auch dafĂŒr Interesse zeigen, was sich aus der Ikonographie und der Entstehungsgeschichte erfahren lĂ€sst. Eine VerklĂ€rung wird der Tatsache nicht gerecht, dass sich an den textilen Schnittstellen eine Vielzahl von Schicksalen widerspiegelt. Die Frauen von Nkometou haben sich damit selbst und ihren Nöten zu neuer Sichtbarkeit verholfen. Die uniforme Bekleidung war das schillernde Vehikel. Keine Frage also, dass die nĂ€chste Fahrt nach YaoundĂ© bereits in Planung ist.

 

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