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Bekenntnisse im rechtsextremen Wunderland?

Ein Kommentar zur Eröffnungsrede des JKU-Rektors am Burschenbundball

Von Martin Wassermair. Erschienen in: FROzine, Radio FRO 105.0, 10. Februar 2016

Schon in der von Lewis Carroll im 19. Jahrhundert geschaffenen Figur der "Alice in Wonderland" spiegelte sich auf phantastische Weise die Unzuverlässigkeit von Logik und Rationalität in der Unzuverlässigkeit von Sprache und Kommunikation wider. Ungeachtet der couragierten Konfrontation mit dem Wunderland bleiben in dieser literarischen Welt die Begegnungen stets zum Scheitern verurteilt, weil Alice nie die richtigen Worte zu finden scheint. Am Burschenbundball hat es sich Рund anders ist die Intervention des Rektors nicht einzuordnen Рganz offensichtlich ähnlich zugetragen.
Studio Radio FRO (Foto: Petra Moser) Studio Radio FRO (Foto: Petra Moser)

Zum Aschermittwoch noch ein allerletzter Faschingsscherz. Treffen sich √ĖVP-Landeshauptmann Josef P√ľhringer und sein freiheitlicher Stellvertreter Manfred Haimbuchner vor der Sitzung der ober√∂sterreichischen Landesregierung am WC. "Wissen Sie", fragt der eine, "wie es dazu kommt, dass sich hierzulande der Rektor einer angesehenen Universit√§t sorgenvoll √ľber die deutsche Identit√§t den Kopf zerbricht?" "Ganz einfach", gibt der andere zur Antwort, "weil ihn ein paar polternde '√Ėsterreich ist eine nationale Missgeburt'-Fanatiker um feierliche Worte zur Er√∂ffnung ihres Stelldicheins gebeten haben."

Der Scherz ist – zugegeben - ausgesprochen schlecht. Doch die Pointen der realen Gegebenheiten machen die Sache um keinen Deut besser. Am Abend des 6. Februar trat Meinhard Lukas, der neue Rektor der Linzer Johannes Kepler Universit√§t, im Kaufm√§nnischen Vereinshaus vor gro√üem Publikum ans Rednerpult. "Mit dem heutigen Geschichtswissen", so belehrte er die G√§ste des - aus Gr√ľnden der Demokratieunvertr√§glichkeit zu Recht umstrittenen – Burschenbundballs, "l√§sst sich die deutsche Identit√§t weder v√∂lkisch, noch national, noch staatlich definieren, sondern nur durch die Zugeh√∂rigkeit zu einer gemeinsamen Kultur und zu einer gemeinsamen geschichtlichen Tradition".

Klingt nach einer mutigen und klugen Ansage – ist es aber nicht! Dar√ľber t√§uschen auch die Ausf√ľhrungen nicht hinweg, die offenkundig mit √úberlegung und Feingef√ľhl gew√§hlt sein sollten – vermutlich vor dem Hintergrund, dass bereits im Vorfeld des fragw√ľrdigen Auftritts zum Teil heftige Kritik an das Rektorat herangetragen worden war. Und auch das Bem√ľhen um eine – in der Rede mehrmals beschworene – Pluralit√§t sowie der Appell an ein kritisches Geschichtsbewusstsein schienen darauf abzuzielen, die wochenlangen Proteste so gut wie m√∂glich zu beschwichtigen.

Daf√ľr musste dann auch Richard von Weizs√§cker den Kopf hinhalten. "Es ist die Verantwortung der nationalen Studentenverbindungen", so Meinhard Lukas in akrobatischer Interpretation des vor genau einem Jahr verstorbenen und ehemaligen Bundespr√§sidenten Deutschlands zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung, "den Begriffen Ehre, Freiheit und Vaterland im 21. Jahrhundert einen Inhalt zu geben, der zukunftsgerichtet und – bei allem Bekenntnis zu den kulturellen und historischen Wurzeln – weltoffen und europ√§isch ist. Eine solche Haltung trifft sich mit den Idealen unserer Universit√§t".

Hier offenbarten sich ganz erstaunliche Bekenntnisse Рwie in einem rechtsextremen Wunderland. Schon in der von Lewis Carroll im 19. Jahrhundert geschaffenen Figur der "Alice in Wonderland" spiegelte sich auf phantastische Weise die Unzuverlässigkeit von Logik und Rationalität in der Unzuverlässigkeit von Sprache und Kommunikation wider. Ungeachtet der couragierten Konfrontation mit dem Wunderland bleiben in dieser literarischen Welt die Begegnungen stets zum Scheitern verurteilt, weil Alice nie die richtigen Worte zu finden scheint. Am Burschenbundball hat es sich Рund anders ist die Intervention des Rektors nicht einzuordnen Рganz offensichtlich ähnlich zugetragen.

Denn wer sich vor Schmissgesichtern von einer v√∂lkischen Deutung der deutschen Identit√§t distanziert, um noch im gleichen Atemzug die Zugeh√∂rigkeit zu einer gemeinsamen deutschen Kultur ins Treffen zu f√ľhren, verstrickt sich heillos im Gewirr der Widerspr√ľche – und opfert daf√ľr die eigene Glaubw√ľrdigkeit.

Es ist zu hoffen, dass Meinhard Lukas die wohl wichtigste Erkenntnis aus der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts im Hinblick auf die Wissensvermittlung an der eigenen Universität nicht verborgen bleibt. Denn das von ihm angesprochene kritische Geschichtsbewusstsein kommt nicht durch ein Рund sei es ein noch so zeitgemäßes РWiederkäuen herrschaftlicher sowie national und kulturell codierter Erzählungen zum Ausdruck, sondern nur durch ein entschlossenes Aufbäumen gegen jede Form des historiographischen Missbrauchs zur Legitimation anti-demokratischer und anti-egalitärer Gesinnungen.

"Die Geschichte", schrieb schon Friedrich Nietzsche, "gehört vor allem dem Tätigen und Mächtigen, dem, der einen großen Kampf kämpft, der Vorbilder, Lehrer, Tröster braucht und sie unter seinen Genossen und in der Gegenwart nicht zu finden vermag." Mit der Ehrerweisung vor dem Burschenbundball wurde dem Rektor der Johannes Kepler Universität vielleicht die einflussreiche Gunst rechtsextremer Kreise zuteil. Der Geschichte hat er sich damit dennoch nicht bemächtigt Рund der Gegenwart vor allem auch keinen ruhmreichen Dienst erwiesen. Meinhard Lukas sollte seinen Trost unter Genossen in Zukunft woanders suchen Рund an solchen Samstagabenden besser zu Hause bleiben.