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Kurs auf Bourdieu und Spitzensport

Ein Kommentar zu zweieinhalb Jahren "Chefsache" Kunst.

Von Martin Wassermair. Erschienen in: KUPF. Zeitung der Kulturplattform O├ľ, Nr.83, Oktober 1999

"Wir m├╝ssen vom Staat die Mittel fordern, die die Freiheit gegen├╝ber wirtschaftlichen, aber auch politischen M├Ąchten, das hei├čt gegen├╝ber dem Staat selbst, garantieren." Niemand wei├č, woher er es pl├Âtzlich wei├č, aber mit diesem Zitat hatte Bundeskanzler Viktor Klima der Sache ├╝berraschend auf den Zahn gef├╝hlt.

Ausgerechnet der Bundespr├Ąsident stahl dem Kunstkanzler bei der Er├Âffnung der Festspiele die Show. Mit der diesj├Ąhrigen Anrufung des Hugo von Hoffmannsthal blies Klestil der Intendanz in Salzburg geh├Ârig den Marsch in die Vergangenheit zur├╝ck.

Viktor Klima hielt seinerseits mit Pierre Bourdieu dagegen. Doch die Chefsache verhallte ungeh├Ârt. Kein Wunder, denn deren Eignung l├Ąsst ohnehin bis heute auf sich warten.

"Wir m├╝ssen vom Staat die Mittel fordern, die die Freiheit gegen├╝ber wirtschaftlichen, aber auch politischen M├Ąchten, das hei├čt gegen├╝ber dem Staat selbst, garantieren." Niemand wei├č, woher er es pl├Âtzlich wei├č, aber mit diesem Zitat hatte der Herr Bundeskanzler der Sache ├╝berraschend auf den Zahn gef├╝hlt. Vielleicht dachte sein Urheber, der franz├Âsische Kultursoziologe Pierre Bourdieu, im Augenblick der Festschreibung ebenfalls an ├ľsterreich. Vielleicht dachte er sogar an die Kulturinitiativen hier im Lande, die bereits seit langem die gleiche Einsicht an die Politik heranzutragen suchen. Viktor Klima wird ihm allerdings nicht als vorbildhaft durch den Kopf gegangen sein, denn dieser interessiert sich f├╝r eine emanzipatorische Kulturentwicklung noch immer herzlich wenig.

Vor nunmehr zweieinhalb Jahren hatte der rote Strahlemann das Kunstressort als oberste Staatsaufgabe zu sich ins Kanzleramt geholt und durch die Einrichtung eines Staatssekretariats die pers├Ânliche Verantwortung daf├╝r sogleich auch wieder abgestreift. Der symbolische Umgang mit diesem Politikfeld entsprach ungef├Ąhr jener Wertsch├Ątzung, die als sogenannte "Chefsache" schlie├člich auch zum Tragen kam. Stets kehrte der Kanzler Kunst und Kultur den R├╝cken zu und ├╝berlie├č Peter Wittmann, den L├╝ckenb├╝├čer ohne ein Stimmrecht im Ministerrat, dem Missmut und auch dem Spott. Mit der Neubildung der Regierung nach dem 3. Oktober scheint diese Zeit f├╝r den Staatssekret├Ąr nun vorbei zu sein. Er selbst aber zeigt sich vom Unbill der zur├╝ckliegenden Jahre unbeirrt und m├Âchte - ganz im Gegenteil - in Hinkunft "die Fr├╝chte seiner Arbeit ernten". Aus der Perspektive der Kulturinitiativen stellt sich da nat├╝rlich sofort die Frage: Worin hat denn die Saat gelegen? Worin der fruchtbringende Impetus?

Die Lage der ├Âsterreichischen Kulturinitiativen stellt sich in der F├Ârderpolitik des Bundes vor allem durch enorme M├Ąngel dar. Seit vier Jahren stagniert das Budget der Abteilungen, und das angesichts eines unentwegt steigenden Bedarfs. Hier hat mit Peter Wittmann zuallererst sein Chef versagt. Und damit auch eine Partei, die im Grunde nichts mehr zu einem Umdenken und zur gerechten Verteilung des Wohlstands beizutragen wei├č. Geld ist jedenfalls vorhanden. Das zeigt sich an der Finanzierung von Projekten, deren Glanz in erster Linie durch Spektakel und Repr├Ąsentation erstrahlen soll: Subventionen in Millionenh├Âhe f├╝r eine Diashow aus dem Hause Habsburg-Thyssen (Salzburg 1997); eine Er├Âffnungsfeier zur ├ťbernahme der EU-Pr├Ąsidentschaft, die an Banalit├Ąt nicht zu ├╝berbieten war (Wien 1998). Und auch im Herbst dieses Jahres kommt├Ľs noch einmal so richtig dick: 77 Millionen Schilling seitens des Bundes f├╝r den "World Sports Award for the Century". Als Austragungsort der Preisverleihung f├╝r den wirtschaftlich h├Âchst ertragreichen Spitzensport ist die Wiener Staatsoper vorgesehen. Hier wurde Pierre Bourdieu ganz offensichtlich missverstanden.

├ťberhaupt kannte die Kulturpolitik des Kabinetts Klima I bisweilen nur sp├Ąrlich programmatische Kontur. Als das unbequeme Tanztheater "Ikarus" mit seinem k├╝nstlerischen Leiter 1998 ins Visier der K├Ąrntner FP├ľ, der "Kronen Zeitung" und zuletzt der finanziellen K├╝rzungen geriet, hielt sich der ausgleichende Arm des Bundes auffallend bedeckt. Heute existiert "Ikarus" nicht mehr, der Kopf des internationalen Ensembles hat das Land in Folge der Hetze gegen ihn verlassen. Was aber wohl insgesamt noch schwerer wiegt: Der Erfolg J├Ârg Haiders, erneut Landeshauptmann und auch Kulturreferent zu sein, wurde durch ein Zur├╝cktreten der SP├ľ auf die Linie des politischen Gegners erst recht nicht abgewendet.

"Eine radikale Wende wird es f├╝r ├ľsterreich nicht geben!" Diese entscheidende Ank├╝ndigung des Kanzlers und sozialdemokratischen Spitzenkandidaten nur wenige Wochen vor der Wahl holt auch die hohen Erwartungen an das "Weissbuch zur Reform der Kulturpolitik" sehr rasch wieder auf den Boden der Realit├Ąt zur├╝ck. Denn gerade ein fundamentaler und tiefer Einschnitt w├Ąre erforderlich, sollte sich im Soge der nunmehr schriftlich verfassten Absichtserkl├Ąrung tats├Ąchlich einiges bewegen. Immerhin ist darin von der Notwendigkeit einer deutlich sp├╝rbaren Anhebung des Kunstbudgets (um 650 Millionen Schilling) die Rede, wobei nicht zuletzt das Feld der Initiativen davon profitieren sollte. Insbesondere die Freien Radios und ihre elektronische Nachbarschaft, die nicht-kommerziellen Contentprovider an der Schnittstelle von Kunst, Kultur und Neuen Medien, haben die von Staatssekret├Ąr Wittmann im Rahmen der "Medienkonferenz Linz 1999" noch vollmundig in Aussicht gestellten 13 Millionen Schilling alleine f├╝r ihren Basisbetrieb ganz bitter n├Âtig. Nichts davon war bislang zu sehen, das Wort Pierre Bourdieus im Munde Viktor Klimas einmal mehr Makulatur.

Die Erstellung des "Weissbuchs" fand f├╝r Kulturinitiativen und ihre Dachverb├Ąnde im wesentlichen unter Ausschluss statt. Dialogbereitschaft seitens der politisch Verantwortlichen war erst dann zu sp├╝ren, als KUPF und IG Kultur ├ľsterreich mit zuMUTungen und Klimawechsel bereits in ein erweitertes System kulturpolitischer Koordinaten gewiesen hatten. Mit einem Katalog grunds├Ątzlicher Positionen und daraus abgeleiteter Forderungen, der dem Stillstand, vor allem aber der Ignoranz gegen├╝ber den Initiativen der Freien Szene, eine Ideensammlung der "kulturellen Differenz" entgegenstellt. Hier die wichtigsten Punkte, die insbesondere f├╝r diese Nationalratswahl und die darauffolgende Periode von Bedeutung sind: Die Wiedereinrichtung eines Ministeriums, das Kunst und Kultur mit Medienagenden zusammenf├╝hrt; Aufstockung des Bundeskunstbudgets auf 2 Milliarden Schilling; die Schaffung der legistischen Voraussetzung f├╝r die F├Ârderung freier und nicht-kommerzieller Medienprojekte; nachhaltige Strukturf├Ârderung f├╝r den Non-Profit-Bereich.

Nach dem 3. Oktober wird sich wenig ├Ąndern. Es sind "keine Kulturkriege zu erwarten" (eine Warnung des Bundespr├Ąsidenten bei der Er├Âffnung des Brucknerfestes 1999), weder ein Wettstreit gesellschaftlicher Ideen noch eine Abkehr von der erstarrten Administration. Einzig ein Ministerium scheint wieder in realistische N├Ąhe ger├╝ckt, doch was n├╝tzt es, wenn Ziele und Orientierungen, wie etwa jene des "Weissbuchs", auch dann wieder ungeh├Ârt verhallen. "Kurskorrekturen zur Kultur- und Medienpolitik", so auch der Titel der aktuellen Publikation der IG Kultur ├ľsterreich, m├╝nden als Leitbild dennoch unabl├Ąssig in die Herausbildung eines dritten Sektors der Initiativen abseits von Staat und Markt. Das n├Ąmlich hat Pierre Bourdieu gemeint, und darum soll er noch lange erhalten bleiben. Ansonsten ├╝berlassen wir die Kulturentwicklung dieses Landes am besten gleich dem Spitzensport.