Keine Angst vor niemandem

Der Senegal hat bei der WM 2026 auch eine innerafrikanische Rechnung zu begleichen

Der Senegal reist als sportlicher Kontinentalmeister zur WM. Die Erwartungen sind hoch, und wie immer bei den letzten Turnieren geht es um das Renommee des Kontinents, auch wenn eine innerafrikanische Rechnung offen ist.

Der afrikanische Fußball ist so vielfältig wie der Kontinent selbst, der noch immer auf den ersten heiß ersehnten WM-Titel wartet. Für die Austragung in den USA, Kanada und Mexiko haben sich erstmals zehn Teams nördlich und südlich der Sahara qualifiziert, doch ein Teilnehmer verspricht einen besonders spektakulären Auftritt: der Senegal.

Die Mannschaft um Rekordtorschütze Sadio Mané, Verteidiger Kalidou Koulibaly und Tormann Édouard Mendy gewann am 18. Jänner den Titel im Afrika-Cup – um ihn zwei Monate darauf wieder zu verlieren. Die Strafverifizierung durch den afrikanischen Fußballverband zugunsten Marokkos wurde vor allem in Subsahara-Afrika scharf kritisiert. Der senegalesische Verband sprach von einer inakzeptablen Entscheidung, die den afrikanischen Fußball in Verruf bringe – und legte Berufung beim Internationalen Sportsgerichtshof CAS ein. Bis zum 7. Mai hatte Marokko Zeit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Ein Urteil des CAS stand bei Drucklegung noch aus.

Doppelte Zielsetzung

Im Frühjahr rückte die WM-Teilnahme wieder stärker in den Fokus. Das ganze Land erwarte, dass die Mannschaft eine sehr gute Weltmeisterschaft spiele, sagt Papa Mahmoud Gueye, Redaktionsleiter der Sportnachrichten-Website „Tággat“, im ballesterer-Gespräch. „Und dass sie besser abschneiden als 2002 und mindestens das Semifinale erreichen.“ Beim WM-Debüt vor 24 Jahren schockte das Team Frankreich, ehemalige Kolonialmacht und damaliger Titelverteidiger, mit einem 1:0-Sieg.

Seit dem Afrika-Cup-Finale hat der Senegal im Frühjahr zwei Testspiele gegen Peru und Gambia gewonnen. Gueye verweist auf länger zurückliegende Spiele gegen größere Gegner, ein 4:2 gegen Brasilien im Juni 2023 und ein 3:1 gegen England vor einem Jahr. „Der Senegal muss sich auch nicht vor der sogenannten Todesgruppe mit Frankreich und Norwegen fürchten“, sagt er. Der Journalist vertraut auf die Fähigkeiten des Teamchefs, der 2002 am WM-Erfolg beteiligt war: „Ich denke, Pape Thiaw wird das Turnier gut vorbereiten. Seit Beginn setzt er auf ein 4-3-3-System, und kürzlich hat er ein System mit drei Verteidigern getestet. Dank seines vielseitig besetzten Kaders ist er in der Lage, auch während eines Turniers die Taktik flexibel anzupassen.“

Die WM 2026 wird jedenfalls auch zum Gradmesser für den afrikanischen Fußball im Allgemeinen werden. Dessen internationale Wettbewerbsfähigkeit wird seit Jahren angezweifelt – und das, obwohl viele afrikanische Spieler in den Topligen der Welt erfolgreich sind. Der Senegal gehört zu den Teams, die Afrika Hoffnung auf größere internationale Konstanz verkörpern. Doch innerhalb des Kontinents ist im Sommer noch eine Rechnung zu begleichen. Viele senegalesische Fans formulieren ihren zentralen Maßstab für die Mannschaft seit Monaten unmissverständlich: „Hauptsache besser als Marokko!“