Leidenschaft in Geiselhaft

Die Fußball-WM 2026 und die Krise der Grund- und Menschenrechte

Wer zu Beginn der 1970er-Jahre geboren wurde, dürfte die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien bereits bewusst erlebt haben. Nach zwei Jahrzehnten Abwesenheit nahm die österreichische Nationalmannschaft erstmals wieder an der größten Sportveranstaltung der Welt teil. Die Begeisterung für die rot-weiß-roten Helden war entsprechend groß – insbesondere nach dem legendären Sieg über Deutschland in der Zwischenrunde, der zu einem prägenden Moment des österreichischen Selbstverständnisses wurde und die nationale Identität nachhaltig gestärkt hat.

Was angesichts der Erfolge von Hans Krankl, Herbert Prohaska und Bruno Pezzey schon damals weitgehend unbeachtet blieb, war die Tatsache, dass die WM 1978 in Argentinien vor dem Hintergrund einer Militärdiktatur stattfand. Während das Turnier global große Begeisterung auslöste, wurden im Land politische Gegnerinnen und Gegner verfolgt, gefoltert und ermordet. Die Militärregierung versuchte, die Weltmeisterschaft gezielt zur Legitimation ihres Regimes und zur Ablenkung von den massiven Menschenrechtsverletzungen zu nutzen. Dennoch wussten viele Bescheid, dass zum Alltag des Terrors auch die Situation in Buenos Aires gehörte: In unmittelbarer Nähe des Stadions befand sich eines der gefürchtetsten Folterzentren. Die ehemalige Marine-Schule ESMA ist heute eine Gedenkstätte und wurde 2023 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Die Mahnung richtet sich an die Gegenwart. Bereits im Zusammenhang mit der Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland 2018 und Katar 2022 wurde die problematische Situation unter autoritären und repressiven Bedingungen verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Auch Fans äußerten wiederholt Kritik und machten deutlich, dass ihre Leidenschaft für den Fußball nicht in „Geiselhaft“ der umstrittenen Geschäftspolitik des Weltverbands FIFA geraten dürfe, insbesondere im Umgang mit Staaten, die wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik stehen. Vier Jahre später warnt Human Rights Watch in einem umfangreichen Bericht zur Fußball-WM 2026 ebenfalls davor, dass das Turnier unter Bedingungen stattfinden könnte, die von einer schwerwiegenden Krise der Grund- und Menschenrechte geprägt sind. Ausschlaggebend für die Kritik ist die Einschätzung, dass die WM nicht nur ein sportliches und vor allem auch mediales Großereignis darstellt, sondern auch in ein politisches Umfeld eingebettet ist, in dem Freiheitsrechte, Sicherheit und Gleichbehandlung für viele Menschen eingeschränkt oder gefährdet sein könnten.

Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt auf der Situation in den Vereinigten Staaten als einem der Gastgeberländer. Zahlreiche kritische Stimmen verweisen hier insbesondere auf die restriktive Einwanderungspolitik und die damit verbundenen Auswirkungen auf Migrantinnen und Migranten. Dazu zählen verstärkte Kontrollen, mögliche Abschiebungen und ein generell hartes Vorgehen gegenüber Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus. Diese Politik könne dazu führen, dass sich vor allem migrantische Communities während der WM noch stärker verunsichert oder gar bedroht fühlen – mal abgesehen von der Gefahr einer Einschränkung der Versammlungs- und Meinungsfreiheit im Kontext der insgesamt 104 Spiele, die eigentlich von Offenheit und internationaler Begegnung geprägt sein sollten.

Die Rolle der Sicherheitsbehörden gibt Anlass zur Sorge, dass im Umfeld der WM verstärkte Polizeimaßnahmen, Überwachung und ein hartes Vorgehen gegen Proteste zu erwarten ist. Die internationale Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) betont in einer Informationskampagne, dass solche Maßnahmen potenziell auch Journalistinnen und Journalisten betreffen könnten. „Neben der Berichterstattung über die Spiele“, heißt es, „müssten sie sich auf Herausforderungen wie Grenzkontrollen, Überwachung, Einschränkungen der Pressefreiheit und Sicherheitsrisiken einstellen“. Medienschaffende müssen sich während des Turniers mit verstärkter Überwachung durch Kameras, Drohnen und Gesichtserkennung herumschlagen, was die freie und unabhängige Berichterstattung – auch abseits der Stadien – erheblich beeinträchtigen könnte. In Mexiko bestehen darüber hinaus erhöhte Risiken durch organisierte Kriminalität, Korruption und Gewalt, was wiederum sicherheitspolitische Herausforderungen mit sich bringt.

Abschließend ist noch einmal festzuhalten, dass auch die Fußball-WM 2026 als gewinnbringende und medienwirksame Bühne der Selbstdarstellung dient. Die internationale Großveranstaltung hat, wie Human Rights Watch betont, bereits im Vorfeld ein „Klima der Angst geschaffen“, das sich vor allem in den USA durch Unsicherheit, mögliche Repressionen und strukturelle Ungleichheiten äußert. Wer sich also für Fußball begeistert, tut dies angesichts der zu erwartenden Begegnungen der vielen Superstars auf dem grünen Rasen zurecht. Allerdings sind die vielen Spieltage bis zum Finale am 19. Juli nicht isoliert als Sportereignis zu betrachten. Vielmehr müssen sie im Kontext aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen gesehen werden, insbesondere im Hinblick auf Migration, staatliche Sicherheitspraktiken und den Schutz grundlegender Freiheits- und Menschenrechte. Wer sich dazu klar bekennt, trägt dazu bei, die fußballerische Leidenschaft aus ihrer „Geiselhaft“ zu befreien.

Martin Wassermair ist Historiker, Politikwissenschaftler und Publizist; leidenschaftlicher Fußballfan und aktuell Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich.