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Collateral Damage

Franz Moraks Kulturpolitik setzt auf die Vorbildwirkung von Schwarzenegger-Filmen

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse 0302, Juni 2002

Vor zwei Jahren hatte KunststaatssekretĂ€r Franz Morak zu seinem Amtsantritt erklĂ€rt, dass Neue Medien einen der Arbeitsschwerpunkte bilden werden. Heute kann der in der Kolumne destillierte Nonsens endgĂŒltig als Indikator fĂŒr den Nonsens einer ganzen Politik betrachtet werden.

KunststaatssekretĂ€r Franz Morak hat großes GlĂŒck, dass manche Quatschkolumne dieses Landes trotz der anhaltenden SchmĂ€hungen ungebrochen fĂŒr ihn offen steht. Am 17. Mai erfuhr er im KURIER eine sonderbare WĂŒrdigung. Der Inhalt des ansonsten mit Society-Belanglosigkeiten aufgefĂŒllten Kastens: Die mobile Nutzung neuester Informationstechnologien im Zutrittsbereich zum Bundeskanzleramt und die unabsehbaren Gefahren, die diesem mitunter innewohnen. Karl Hohenlohe, der Urheber der Anekdote, kam bei der Handhabung seines WAP-Handys unversehrt davon - in allerletzter Sekunde. Franz Morak eilte der niederschmetternden Wucht des stĂ€hlernen Eingangstores zuvor und dem Bedrohten rechtzeitig zur Hilfe. Das war's auch schon.

Adabeis sind nicht von kulturpolitischem Interesse. Dennoch darf man Karl Hohenlohe dankbar sein. Vor zwei Jahren hatte KunststaatssekretĂ€r Franz Morak zu seinem Amtsantritt erklĂ€rt, dass Neue Medien einen der Arbeitsschwerpunkte bilden werden. Heute kann der in der Kolumne destillierte Nonsens endgĂŒltig als Indikator fĂŒr den Nonsens einer ganzen Politik betrachtet werden.

Das Bild des Lebensretters Franz Morak wird der Nachwelt jedenfalls nicht erhalten bleiben. Im Gegenteil: Alleine in diesem FrĂŒhjahr wird das reale Schadensausmaß der bisherigen medienpolitischen Maßnahmen im Kulturbereich immer deutlicher. Die Struktur der Freien Radios wurde in den vergangenen zwei Jahren durch die Finanzierungsweigerung des Bundes so sehr beeintrĂ€chtigt, dass die weitere Existenz und damit die jahrelange Aufbauarbeit einzelner Stationen ernsthaft in Frage gestellt ist. Und zuletzt musste auch die Wiener Netzkultur-Institution Public Netbase Mitte Juni zur Kenntnis nehmen, dass angesichts der weiter fortgesetzten KĂŒrzungen seitens der Kunstsektion (bereits mehr als 70% im Vergleich zu 1999) der bisherige Basisbetrieb einer partizipativen Internet-Kulturplattform nicht ohne EinschrĂ€nkungen aufrecht erhalten werden kann. Jetzt werden aus betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit technische Services abgebaut, Supportleistungen auf eine minimales Ausmaß reduziert, vom Verlust der ArbeitsplĂ€tze ganz zu schweigen.

Bereits kurzfristig sind mehr als eintausend Kunst- und Kulturschaffende von diesem Schritt betroffen. Auf lĂ€ngere Sicht erlebt die gesamte Netzkultur einen schweren RĂŒckschlag. Zur Erinnerung: Ende des Jahres 1998 schien auch in Österreich der erste Durchbruch gelungen zu sein, das Thema einer partizipativen und kulturellen Mediennutzung in ersten AnsĂ€tzen zu etablieren. Es war ein mĂŒhevoller Weg, aber es hat sich allmĂ€hlich herumgesprochen, dass Kunst und Kultur bei der Erforschung und Umsetzung von neuen Formen der sozialen Interaktion und der Beteiligung an digitalen Systemen einen unverzichtbaren Beitrag leisten mĂŒssen. Und selbst die ersten Forderungen fanden rudimentĂ€r politisches Gehör: RĂ€umliche und finanzielle Rahmenbedingungen, die eine vielfĂ€ltige kulturelle Praxis mit Neuen Medien ermöglichen; Aufbau von Strukturen, der eine freie MeinungsĂ€ußerung im öffentlichen Raum stĂ€rkt und fördert; Bandbreite und Technologie-Investitionen in kĂŒnstlerische Produktionsumgebungen.

BestĂ€tigung dafĂŒr, dass diese Erfordernisse auch in politische Planvorhaben der Vorwenderegierung Eingang gefunden haben, gab es zu einem Zeitpunkt, als es fĂŒr deren Umsetzung lĂ€ngst zu spĂ€t gewesen war. In seinem allerletzten Interview gestand der damalige KunststaatssekretĂ€r Peter Wittmann im JĂ€nner 2000 gegenĂŒber dem FORMAT zwei große VersĂ€umnisse ein. Zum einen beklagte er, zu wenig fĂŒr das Andenken an Thomas Bernhard getan zu haben. Das zweite Bedauern galt den unerledigten Aufgaben bei der kulturpolitischen Weichenstellung im Bereich der Neuen Medien. Diese Aufrichtigkeit verdient Beachtung. Ein Mysterium bleibt dessen ungeachtet weiterhin bestehen: Was hat das Regierungsmitglied tatsĂ€chlich daran gehindert, einfach dort weiterzumachen, wo er mit der öffentlichen Ausschreibung jeweils eines Kunstkurators fĂŒr Tanz und Neue Medien noch gegen Ende 1999 begonnen hatte? Es lagen Bewerbungen vor, mit den Interessierten wurden GesprĂ€che gefĂŒhrt. Alleine auf die Entscheidung musste man vergeblich warten.

Der rote StaatssekretĂ€r hielt plötzlich inne und reichte – ohne es so beabsichtigt zu haben – seinem schwarzen Nachfolger den Stab. Österreichs Kultur- und Medieninitiativen waren fĂŒrderhin der vielleicht einzigen Option beraubt, ihre bisher geleistete Pionierarbeit zwei Jahre lang bei schwerem blau-schwarzen Seegang auf Kurs zu halten. An eine konzeptive Verwirklichung eines Cultural Backbone war von da an nicht mehr zu denken.

Heute stellt sich selbstverstĂ€ndlich die Frage, wie es in Zukunft weiter gehen soll. Niemand weiß darauf eine hoffnungstrĂ€chtige Antwort. Soviel ist fix: Besserung ist von dieser Regierung nicht zu erwarten. Sie kann sich auf europĂ€ische Trends berufen und erfĂ€hrt RĂŒckendeckung durch die Allgegenwart einer gefĂ€hrlich kulturfeindlichen Geisteshaltung. Eine weitere Radikalisierung ist da auch in der kulturpolitischen Ideenwelt eines Franz Morak nicht auszuschließen. Der Kunst- und MedienstaatssekretĂ€r will die kritischen Öffentlichkeiten im Kulturbereich ganz einfach nicht. Da kommt man nicht umhin, in diesem Zusammenhang das neoliberale Getue um Kreativwirtschaft und Cultural Industries immer wieder als ein malignes Scheingefecht zu entlarven. Wer immer deren BefĂŒrwortung bisher bereitwillig Beistand geleistet hat, ist die Einsicht schuldig geblieben, dass fĂŒr Kunst und Kultur weder stabilere Rahmenbedingungen noch freiere Produktionsvoraussetzungen geschaffen werden.

Vielleicht weiß Franz Morak um die DĂŒrre seiner Politik Bescheid. Vielleicht legt er auch deshalb immer wieder ein SchĂ€uferl nach. Einen besonderen Höhepunkt bildete Anfang Juni ein Auftritt im Rahmen der LinzFestTage, bei der es – festgemacht am Beispiel des schwierigen Musiktheaterneubaus – um die Frage ging, wie fĂŒr die Schaffung von Kunst- und KulturrĂ€umen an sich öffentliches VerstĂ€ndnis zu erzielen ist. Der Vorschlag des KunststaatssekretĂ€rs: Man möge sich fĂŒr die Vermittlung dieser Notwendigkeit beim neuen Schwarzenegger-Film (Collateral Damage; Anm.) Anleihen nehmen. Da wurde schließlich fĂŒr Marketingmaßnahmen beinahe ebenso viel Geld ausgegeben wie fĂŒr die Produktion selbst.

Österreichs Medieninitiativen haben da offensichtlich bisher etwas falsch gemacht. Ob in ihrer weiteren Geschichte von einem Überleben zu berichten ist, wird vermutlich nicht in den Quatschkolumnen dieses Landes nachzulesen sein.


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