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Zwei Jahrzehnte später …

Warum dieses Buch geschrieben werden musste

Von Martin Wassermair und Sigrid Rosenberger. Erschienen in: Sigrid Rosenberger, Martin Wassermair (Hrsg.), Generation Sexkoffer. Jugend in den 80er Jahren zwischen politischem Klimawandel, Freizeitindustrie und Popkultur, Löcker Verlag (2007)

'Generation Sexkoffer' möchte Einblicke gewähren, wie die zwischen 1965 und 1975 Geborenen das Ende der Kreisky-Ära erlebten, welche Beobachtungen sie zum Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit machen mussten und wie sie nicht zuletzt im Vormarsch von MTV und einer erstmals globalisierten Musik Antworten suchten auf Fragen der Sexualität und den allmählichen Abbau der sozialstaatlichen Gefüge.
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In Unterhaltungsindustrie und Mainstream-Medien genießen die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts gemeinhin den Ruf einer Dekade des schlechten Geschmacks. Näheres ist dazu allerdings nur ganz selten zu erfahren. Im Gegenteil: Schon seit geraumer Zeit nerven schrille TV-Shows privater Sendeanstalten das Publikum, indem sie Musik, Mode und Lifestyle der Zeitspanne vor dem Fall des Eisernen Vorhangs dem belanglosen Gequatsche zweifelhafter Persönlichkeiten regelrecht zum Fraß vorwerfen. Von einer profunden Analyse oder gar differenzierten Auseinandersetzung kann da keine Rede sein.

Dabei haben die 1980er deutlich Besseres verdient – das gilt auch für Österreich. Abgesehen von der großen internationalen Aufmerksamkeit für die Präsidentschaftswahl Kurt Waldheims sowie für den rechtspopulistischen Aufstieg Jörg Haiders hat die "Scharnierzeit" bislang sehr wenig Beachtung gefunden, die, wie der deutsche Geschichtswissenschafter Andreas Wirsching schreibt, als eine "historisch distinkte Epoche" zu begreifen ist, in der maßgebliche, vor allem aber in der Vergangenheit begründete Prozesse kulminieren. Das deckt sich mit den Einschätzungen Klaus Nüchterns, der als junger Autor der Zeitschrift FORVM bereits im Herbst 1988 einen "konservativen roll-back" konstatierte, eine "Wende", die nicht "als ein Datum oder ein Ereignis" zu charakterisieren sei. "Die politische Landschaft", so zeigte er sich überzeugt, "ist tektonischen Beben ausgesetzt, die zu einer Verschiebung und Verwerfung von Grenzen geführt haben". Anschaulich werde dies durch den "Siegeszug eines reaktionären und fundamentalistischen Katholizismus", der nun auch den Konservativen  zu einem "verstärkten Engagement" verhelfe, "die Wende bis in die heimischen Betten voranzutreiben". Kaum ein Thema belege dies so eindrucksvoll wie die erbitterte und in den Jahren 1987 und 1988 an ihrem Höhepunkt angelangte Auseinandersetzung um einen zeitgemäßen Unterrichtsbehelf zur Sexualerziehung an Österreichs Schulen – kurz Sexkoffer genannt!

Hier knüpft der vorliegende Sammelband an. Unter der Prämisse, dass das Profil der 80er Jahre in erster Linie durch das wechselseitige Ringen von globalen Veränderungen in Politik, Umwelt und Gesellschaft sowie einem technologischem Fortschrittsoptimismus mit konservativen und anti-modernen Abwehrmustern gekennzeichnet ist, gilt das Interesse umso mehr der Vielzahl der Schattierungen, die durch unmittelbare Bezüge zu alltäglichen Erfahrungen ihre Bedeutung finden müssen. Generation Sexkoffer hat sich diese Schlussfolgerung zur Aufgabe gemacht.

Das Getöse um den so genannten "Sexkoffer" ist ein besonders augenfälliges Beispiel für die gesellschaftlichen Realitäten der 80er, das sich um zahlreiche Spotlights ergänzen lässt. Klingende Namen wie jene von Nena, Peymann, Waldheim, Gorbatschow oder auch des "Bayernkönigs" Franz-Josef Strauß stehen bis heute für bedeutsame politische und kulturelle Prozesse und – so einer der wichtigsten Impulse für das Entstehen dieses Buches – sind immer auch mit einer ganz persönlichen Geschichte verknüpft. Schon die historische Kulisse weckt die Neugierde, der Jugend dieser Ära nachzuspüren. Hainburg und Wackersdorf, Live-Aid und Hungerkatastrophen in Afrika, Tschernobyl und Aids, Ronald Reagan und Margaret Thatcher, Ostermärsche und Friedensbewegung, Glasnost und Perestroika, aber auch der Vormarsch der ersten PCs von Atari und Commodore sowie des Walkman und der Nintendo Games schaffen eine Rahmenerzählung, der die Frage folgen muss, wie die Komplexität globaler Ereignisse von jenen erlebt und wahrgenommen wurde, die ihren Kinderzimmern allmählich den Rücken kehrten.

Wer dem Zeitgeschehen in seiner Wechselwirkung mit dem Aufwachsen – und oft auch Erwachen – von Jugendlichen Beachtung schenkt, stößt mitunter auf Leerstellen, die insbesondere in der akademisch-wissenschaftlichen Erforschung der jüngeren Geschichte immer wieder zu Tage treten. Dazu nur ein Beispiel: Das Erstarken der Umwelt- und Friedensbewegung trug auch in Österreich in den 80er Jahren maßgeblich dazu bei, dass die Jugend, die in ihren Wertevorstellungen nicht mehr jenen der Eltern und Großeltern entsprechen wollte, als eine eigenwillige Bevölkerungsgruppe öffentliches Kopfschütteln und Rätselraten verursachte. Wenig Interesse findet hingegen bis heute der Umstand, dass die nachrückende Generation zur gleichen Zeit als Gewinn bringender Konsumfaktor immer stärker in den Fokus des Freizeitmarktes und der Werbewirtschaft geriet, während sie in einer politischen Rolle vom gesellschaftlichen Leben noch lange ausgeschlossen bleiben sollte.

Generation Sexkoffer möchte Einblicke gewähren, wie die zwischen 1965 und 1975 Geborenen das Ende der Kreisky-Ära erlebten, welche Beobachtungen sie zum Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit machen mussten und wie sie nicht zuletzt im Vormarsch von MTV und einer erstmals globalisierten Musik Antworten suchten auf Fragen der Sexualität und den allmählichen Abbau der sozialstaatlichen Gefüge. Das Buch verfolgt das Ziel – auch im Hinblick auf eine Unterscheidung zur marktschreierischen Präsentation zeitgeschichtlicher Kuriositäten –, persönliche Erinnerungen mit politischer Analyse zu verbinden. Der Facettenreichtum der Beiträge trägt der Tatsache Rechnung, dass die 80er Jahre nicht als monolithischer Block zu fassen sind. Bereits die vielen Gespräche zum Gedankenaustausch im Vorfeld haben aufgezeigt, dass sich die erste Hälfte des besagten Jahrzehnts von der zweiten ebenso unterscheidet wie die Adoleszenz in soziokulturellen Rückzugsgebieten der städtischen Ballungszentren von jener in der dünnen Luft des zumeist klerikal-konservativ gefärbten ländlichen Raums. Diese Differenzierung weist bereits auf die Vielheit der Wahrnehmungsebenen hin, die auch in der Heterogenität der Stilmittel zum Ausdruck kommen soll. Mit der Collage persönlicher Erinnerungen, Eindrücke und Einschätzungen entsteht jedenfalls eine aufschlussreiche Ergänzung zur Auseinandersetzung mit einem für Österreich wichtigen Jahrzehnt, das zwar bereits aus unterschiedlichen - in erster Linie historiographischen, soziologischen und politikwissenschaftlichen – Gesichtspunkten beleuchtet wurde, aber noch nicht in einer Schnittmenge der Rückblicke auf eine Jugend in den 80er Jahren zwischen politischem Klimawandel, Freizeit-Industrie und Popkultur.

Klaus Nüchtern, der zwanzig Jahre später als stellvertretender Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung Falter selbst ins mediale Establishment aufgestiegen ist, wollte sich im FORVM einen gewissen Sarkasmus nicht verkneifen: "Taferlklassler", so schreibt er in dem mit "Kulturkampf & Entmündigung" betitelten Beitrag, "stehen nicht mehr mit den Insignien okzidentaler Kultur und christlicher Tradition, den Schultüten, vor den Toren heimischer Erziehungsstätten, nein, in Zukunft haben sie einen Koffer in der Hand. Der ist nun wiederum nicht mit Süßigkeiten gefüllt, sondern mit dem Schmutzigsten und Obszönsten, was sich die Phantasie bigotter Kleinbürger auszumalen vermag: Masturbationsanleitungen statt ABC-Fibeln, pseudo-aufklärerische Pornofilme statt der spannenden Lehrfilme über die Herstellung von Holzkohle. Man kann sich ausmalen, was aus dem harmlosen Tempelhüpfen im Pausenhof wird." Soviel zur Bestandsaufnahme eines publizistischen Beobachters, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Aufsatzes wohl gar nicht daran dachte, dass er damit eine der wenigen Quellen jugendlicher Kritik der 80er Jahre und ihrer, in mehrfacher Hinsicht widersprüchlichen Eigenheiten hinterlassen hat, die nicht mit quotenträchtigen Attributen liebäugelt. Zwei Jahrzehnte später widersetzt sich Generation Sexkoffer dem Verkaufsschlager der Geschmacklosigkeiten und baut dabei nicht zuletzt auf die Zuversicht, dass sich die längst überfällige Reputation der "historisch distinkten Epoche" ein Stück weit wieder herstellen lässt.


Inhaltsverzeichnis

Sigrid Rosenberger, Martin Wassermair
Zwei Jahrzehnte später …
Warum dieses Buch geschrieben werden musste

Robert Misik
Mitten im Ersten. Wir ’81er

Doris Rögner
Alles, alles geht vorbei, durch die Pershing II
Eine Jugend in den achtziger Jahren

Alf Altendorf
No Future

Marty Huber

Silentia – Eine queere Autofiktion

Georg Spitaler/Lukas Wieselberg
Objects in the Mirror may be closer than they appear
Sport. Die Generation, die nicht erwachsen wird

Sylvia Riedmann
Mit Ente und Haifisch nach Italien

Sigrid Rosenberger
Zwischen Weißbier und Wackersdorf
Eine politische Sozialisation im Freistaat Bayern

Klaus Stimeder
Wie die EU meinen Vater umbrachte…
…und wie die alte BRD mein Leben rettete.

Gschichtln aus einer Kindheit an der oberösterreichischen Peripherie

Gerhard Stöger

Morrissey muss warten

Robert Stachel

MEGAPOLIS 2000 Plus – a Game

Martin Wassermair
Necking, Petting, Fegefeuer
Jugenderinnerungen an die Offenbarung eines Koffers voller Sex



Das Buch

Sigrid Rosenberger, Martin Wassermair (Hg.)
Generation Sexkoffer. Jugend in den 80er Jahren zwischen politischem Klimawandel, Freizeitindustrie und Popkultur, Löcker Verlag (2007)

12,5 x 20,5 cm, Broschur, 167 Seiten
€ 19,80
ISBN 978-3-85409-474-6