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Necking, Petting, Fegefeuer

Jugenderinnerungen an die Offenbarung eines Koffers voller Sex

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Sigrid Rosenberger, Martin Wassermair (Hrsg.), Generation Sexkoffer. Jugend in den 80er Jahren zwischen politischem Klimawandel, Freizeitindustrie und Popkultur, Löcker Verlag (2007)

Der Idylle des Landlebens, von der Tourismus-Werbung zumeist mit drallen Dirndln und kernigen Burschen vor Mähdreschern, Bierkutschen oder voluminösen Erntedank-Ensembles ins Bild gesetzt, wehten in den 80er Jahren die unaufhaltsamen Trends einer globalisierten Wirklichkeit immer stärker um die Ohren. Noch hatten wir die unbedarfte Kindheit nicht lange hinter uns gelassen, war die Logik der kapitalistischen Warenwelt bereits allgegenwärtig. Sex sells!
Lesung Roter Salon Salzburg, 21. März 2008 Lesung Roter Salon Salzburg, 21. März 2008
profil, 29. Mai 1989 profil, 29. Mai 1989

"Alles in deutscher Hand!" Keine Ahnung, wie oft diese Gru√üformel als Antwort auf das simple "Wie geht's?" zu h√∂ren war. Der Wortlaut ist mir noch in genauer Erinnerung. Wie auch der Eingangsbereich eines jener Gasth√∂fe im Zentrum der ober√∂sterreichischen Gemeinde, die meinen Jugendjahren auf sehr anschauliche Weise das Gebot dem√ľtiger Unauff√§lligkeit vermittelte. Vielleicht ist dadurch zu erkl√§ren, dass sich auch beim Zweim√ľller, so die schlichte Bezeichnung f√ľr die in Grieskirchen durchaus beliebte Einkehrm√∂glichkeit, niemand an der √ľberdimensionalen Glasvitrine mit den vielen Insignien des Kameradschaftsbundes sto√üen wollte. Schon beim Betreten des Lokals hing das Auge fast zwangsl√§ufig an der wuchtigen Anh√§ufung von Treueschw√ľren fest, geschm√ľckt mit aufdringlichen Tatzenkreuzen auf Trauerflor, der den Bezug auf das gro√üe Schlachten der beiden Weltkriege zu einem nur allzu gew√∂hnlichen Wahrnehmungserlebnis verniedlichte. Wenige Meter davon entfernt blubberten ein paar Forellen im hauseigenen Aquarium. Soweit so unauff√§llig.

Die toten Soldaten beanspruchten ­– auch im Hinblick darauf, dass sich das Gedenken nicht auf die topographische Einschreibung von Kriegerdenkm√§lern ins Landschaftsbild beschr√§nkte – vor allem eines: √Ėffentlichen und privaten Raum! Dieser Raum hielt "Kameraden" gesellschaftliche Wertsch√§tzung bereit, nicht aber dem "Vaterlandsverrat". Dazwischen landete man in einer unbekannten Zone – und beim Zweim√ľller in einem Sperrgebiet f√ľr skeptisches Murren und kritische Verweigerung. Als auff√§llig galt hier, wer die Landsermythen der Sch√ľtzengr√§ben vor Moskau und Stalingrad nicht mit Kopfnicken quittierte, wer an Marias unbefleckter Empf√§ngnis zweifelte und wer sich mit dem bis in Kopfh√∂he umz√§unten Einfamilienhaus als alleiniger Quelle des Gl√ľcks nicht zufrieden geben mochte.

Der Katechismus der Wirtsstuben schuf so etwas wie allgemeine Verbindlichkeit. Dabei war die Gesinnungslage in Grieskirchen seit jeher auch an der sozialpartnerschaftlichen Anordnung der Gasth√∂fe im Stadtgef√ľge ablesbar. Die √ĖVP versammelte ihre Getreuen am Kirchenplatz beim Schatzl, wo sich die Trinkfestigkeit der Allianz von Gewerbetreibenden und Bauernbund mit der gebotenen Gottesfurcht vorz√ľglich verbinden lie√ü. Ihre Gegnerschaft zur st√§dtischen Sozialdemokratie √§u√üerte sich – und das war schon das signifikanteste Unterscheidungsmerkmal – in der Distanz zum Wirtshaus Brandst√§tter, das seiner Klientel im entlegenen Bahnhofsviertel ein geselliges Stammtischdasein bot. Wor√ľber geschwiegen wurde, war der allgemein bekannte Umstand, dass auch die Kreisky-Nostalgiegemeinde an diesem Ort gegen Fremde und Zugewanderte mit rassistischen Parolen Stimmung machte, w√§hrend der konzessionierte Gastgeber und Spitzenkandidat der roten Gemeinderatsfraktion in einer nochmaligen Nebenrolle als Zimmervermieter ein ausgesprochen lukratives Zusatzgesch√§ft mit vor allem ausl√§ndischen Arbeitskr√§ften des Umlands betrieb.

Beim Blick zur√ľck ist nicht mehr von Bedeutung, welches der Gasth√§user in Grieskirchen am ehesten meine jugendlich-rebellische Missachtung verdiente. Und doch machte auch ich um den Zweim√ľller einen besonders gro√üen Bogen. Aus gutem Grund: J√∂rg Haider, so hatte sich bis zu meinen Ohren durchgesprochen, war vor allem in den Jahren nach seinem putschartigen Aufstieg an die Spitze der FP√Ė ein hier immer wieder gern gesehener Gast. Das Gebiet entlang der innerober√∂sterreichischen Grenze z√§hlt zu den starken Mobilisierungszonen des Dritten Lagers. Dort, wo das Innviertel auf das Hausruckviertel trifft, zeigt das Alpenvorland gerne seine Muskeln. Ehrhaften Charakters ist, wer sich der Scholle verbunden f√ľhlt. Wehrhaft ist, wer daf√ľr auch das Nasenbein riskiert. Vielerorts genie√üen gebrochene Kiefer den Rang einer kulturellen Begleiterscheinung. Pr√ľgeleien dienen oft als rituelle Ersatzhandlung zur wechselseitigen Ermittlung der Manneskraft. Stark ist aber auch, wer in der Lage ist, sich mit Unmengen des in der Region sortenreich gebrauten Biers abzuf√ľllen. Nach dem 13. September 1986 durfte sich der Zweim√ľller folgerichtig √ľber klingelnde Kassen freuen. Der rechtsnationale Gipfelsturm am Innsbrucker Parteitag hatte nicht nur Norbert Steger und den liberalen Fl√ľgel der Freiheitlichen kurzerhand aus dem Weg geschafft, sondern zugleich auch deren Umklammerung durch den gewichtigeren Regierungspartner SP√Ė. Bundeskanzler Vranitzky wollte keine Rabauken mit rechtsextremen Verhaltensauff√§lligkeiten an seiner Seite dulden und suchte nach den Neuwahlen im November die gro√ükoalition√§re Eintracht mit der √ĖVP. Da wurde eben auch im Kreise der Grieskirchner Haider-Gefolgschaft gel√§rmt und gepoltert und – angesichts einer anhaltenden Serie von Wahlerfolgen – immer wieder triumphiert. "Wie geht's?" F√ľr die Handvoll Jugendlicher, die wir uns als legitime Nachkommenschaft des antifaschistischen Widerstandskampfes w√§hnten, dem politischen Aufstieg der blauen Horden allerdings mit "Nazis raus!"-Ann√§hern und einer angewiderten Ohnmacht gegen√ľber standen, war der Zweim√ľller damit endg√ľltig in deutscher Hand.

An einem Sp√§tnovember-Abend des Jahres 1988 hie√ü es daher f√ľr mich umso mehr, jene Portion Mut aufzubringen, die einem 17-J√§hrigen neben inszenierter Unverfrorenheit vor allem auch einen k√§mpferischen Gestus verleiht. Die Elternvereinigung der Pflichtschulen Grieskirchens hatte zu ihrer Jahreshauptversammlung geladen – und das ausgerechnet beim Zweim√ľller. Nicht dass ich in den hinter der Gaststube gelegenen und mit Sch√ľtzenscheiben ausstaffierten Festr√§umen meine Linie verlassen und in der antagonistischen Frontstellung meiner allm√§hlich ausklingenden Pubert√§t eine Allianz mit der anderen Seite suchen wollte. Nein, mitnichten! Das in gro√üer Zahl erschienene Publikum erwartete eine hitzige Kontroverse, ein "hei√ües Eisen", wie auch die lokalen Medien vorab verk√ľndeten. Nach Abwicklung der formellen Vereinserfordernisse stand der Sexkoffer zur Diskussion, der quotentr√§chtige Aufreger schlechthin, der die st√§dtische Harmonie √ľber viele Monate auf eine schwere Probe stellte.

Schon im Vorfeld der Veranstaltung hatte das legendenumwobene Phantom an √Ėsterreichs Schulen auch die beschauliche Trattnachtal-Gemeinschaft erfasst und aufgew√ľhlt. Als drohte Grieskirchen die Gefahr, in die verwerfliche Ahnenreihe von Sodom und Gomorrha hinabsteigen zu m√ľssen, richteten sich die Zeigefinger der Emp√∂rung in die H√∂he, wurden Direktionen verschiedenster p√§dagogischer Einrichtungen dem Volkszorn ausgesetzt  und – in den schlimmsten F√§llen – Lehrkr√§fte √∂ffentlich stigmatisiert und bis in die Privatsph√§re verfolgt. Beschimpfungen, Flegeleien und gar nicht so selten Handgreiflichkeiten begleiteten die nahezu missionarisch beseelte Jagd. Die Zerw√ľrfnisse setzten sich bis tief in die Familien fort. Gar nicht wenige wussten davon zu berichten, dass die heimelige Stube bis in den letzten Herrgottswinkel unter dem Gebr√ľll der tobenden V√§ter erzitterte, wenn der schulpflichtige Nachwuchs mit einer im Aufgabenheft vermerkten Nachdenk√ľbung zur Masturbation und der Entdeckung des eigenen K√∂rpers nach Hause kam.

Unsere Adoleszenz war damit endg√ľltig in den Sog geschichtstr√§chtiger Entwicklungen geraten. Ein Politschauspiel, das √Ėsterreich schon seit vielen Jahren und mit unz√§hligen Akten in Atem gehalten hatte, stand jetzt auch im "Landl" am Programm. Mit einem Erregungsfaktor, der den Boulevardmedien bereits in den 80er Jahren hohe Verkaufszahlen bescherte – und der Provinz einen Paukenschlag der Entr√ľstung. Dabei st√ľtzte sich das Wissen, das mit dem anwachsenden Variationenreichtum schnelle Verbreitung finden konnte, in erster Linie auf das H√∂rensagen. In meinem Umkreis – und das war f√ľr mich das Erstaunlichste – hatte niemand bislang den Sexkoffer zu Gesicht bekommen. Die Ansichten, die in der Vielzahl der erhitzten Wortgefechte aufeinander prallten, betonten daf√ľr umso leidenschaftlicher das Kindeswohl. So auch beim Zweim√ľller, als die erste der beiden Podiumsdiskutantinnen gegen das drohende Ungemach zu Felde zog. Der Sexkoffer ermuntere zur Homosexualit√§t und mache die Eltern l√§cherlich. Kurzum: Die reinste Pornographie! Karin Praxmarer, Leibeserzieherin am heimischen Gymnasium und eine stramme Athletin des f√ľr seine rechtsextremen Grenzg√§nge bekannten √Ėsterreichischen Turnerbunds, war nach dem Stimmengewinn der FP√Ė 1986 als enge Vertraute J√∂rg Haiders in den Nationalrat eingezogen. In Wien √ľbernahm sie f√ľr die Partei die Aufgabe der parlamentarischen Schul- und Erziehungssprecherin. Ilona Graenitz, an diesem Abend die Verfechterin der Regierungslinie, konnte dem Heimspiel ihres freiheitlichen Gegen√ľbers kaum nennenswerte Argumentationserfolge entgegen setzen. "Jeder Mensch", so gab die SP-Abgeordnete dem in Unruhe versetzten Auditorium zu verstehen, "ist √ľber sein eigentliches Menschsein hinaus auch Mann und Frau – die Geschlechtlichkeit der Menschen sollte also nicht geleugnet werden!" Ach, du meine G√ľte! In dieser Sekunde erhellte sich erneut die √úberzeugung eines Heranwachsenden, dass dem miefigen Gebr√§u aus Altnazi-Spuk, klerikal-autorit√§rer Besserwisserei und angepasster R√ľckgratlosigkeit nicht mit den Mitteln der guten Kinderstube beizukommen war. Der Moment glich jedenfalls einem reinigenden Gewitter. Ungeachtet der Tatsache, dass die in den zwei Stunden angestaute Wut angesichts der nerv√∂s geballten F√§uste nicht mehr zu verbergen war, er√∂ffnete sich mir beim Zweim√ľller eine tiefgr√ľndige Erkenntnis: Im Sexkoffer steckte vor allem eines – die Offenbarung einer Welt, in der ich unumst√∂√ülich lebte!

Die staatliche Einsicht, dass √∂sterreichische Schulen eine zeitgem√§√üe Sexualerziehung bitter n√∂tig haben, l√§sst sich bis zu einem Grundsatzerlass der Bundesregierung im Februar 1970 zur√ľck verfolgen. Insbesondere war aber nach dem Ende der √ĖVP-Alleinregierung die mit zahlreichen Studien untermauerte Feststellung, dass man im europ√§ischen Vergleich deutlich hinterher hinke und mehr als 40 Prozent der Eltern nicht in der Lage seien, ihre Kinder aufzukl√§ren, nicht l√§nger unter Verschluss zu halten. Die H√§ufigkeit von Schwangerschaften bei Teenagern und ein deutliches Anwachsen der Abtreibungszahlen zeigten die Realit√§ten unnachgiebig auf und durften nicht weiter tatenlos zur Kenntnis genommen werden. Mitte der 80er Jahre regten sich konservativ-kirchliche Widerst√§nde, als erstmals bekannt wurde, dass neue Unterrichtsbehelfe dem seit eineinhalb Jahrzehnten erforschten Wunsch der Jugendlichen Rechnung tragen sollten, "√ľber Sexualit√§t sprechen zu k√∂nnen". Der "Medienkoffer Sexualerziehung" – im Volksmund schon sehr bald zum geradezu ber√ľchtigten "Sexkoffer" mutiert – war damit geboren. Er entschl√ľpfte ministerialr√§tlichen Konzeptschmieden, die es fast ohne Ausnahme verabs√§umten, der √∂ffentlichen Aufregung durch entsprechende PR-Ma√ünahmen und sachliche Information den  Wind aus den Segeln zu nehmen.

Und auch Friktionen innerhalb der Regierung stellten das Vorhaben im Laufe der Zeit unter einen zunehmend schlechten Stern. Hatte 1984 zwischen Unterrichtsminister Herbert Moritz und Familienministerin Gertrude Fr√∂hlich-Sandner noch sozialdemokratische Einigkeit geherrscht, so fand diese schon im J√§nner 1987 ein j√§hes Ende, nachdem das Familienressort nunmehr dem Koalitionspartner √ĖVP zugesprochen worden war. Die neuen politischen Verh√§ltnisse spiegelten sich schon sehr bald in der konkreten Realisierung der Materialien zur Sexualerziehung wider, die zwei Teile umfassen sollten. Einen wissenschaftlichen sowie einen didaktischen. F√ľr den ersten Part, der sich den "biologischen Aspekten der Sexualerziehung" widmete, zeichnete fortan Marilies Flemming verantwortlich. Sie hatte bereits kurz nach √úbernahme des Familienressorts den um Sitte und Moral besorgten Protesten nachgegeben und ihren Beitrag entsprechend aufgeweicht. "Wir m√ľssen", so zitierte das Nachrichtenmagazin profil das christkonservative Regierungsmitglied im Mai 1989 in einer R√ľckschau auf die schier endlose Konfliktgeschichte, "zuerst von der W√ľrde der Person erz√§hlen und dabei eingestehen, da√ü Z√§rtlichkeit aus dem Herzen kommt und nicht aus der Trickkiste irgendwelcher Praxisanleitungen". Die Neo-Ministerin hatte sich √ľber die Forderungen, die Aufkl√§rung der Kinder nicht der Zensur durch √ĖVP und Klerus zu opfern, letztlich unerschrocken hinweg gesetzt. Doch damit noch kein Ende. Eine nochmalige Steigerung erfuhr die kollektive Erregung, als SP-Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek ebenfalls dazu √ľberging, die Ergebnisse der vielen Beratungen mit Eltern und Lehrkr√§ften sowie der wissenschaftlichen Expertisen zu einem abschlie√üenden Paket zu schn√ľren, um Flemmings Materialiensammlung mit einem zweiten Teil unter dem Titel "Partnerschaft: Liebe mit Verantwortung" zu erg√§nzen.

Was schon zu diesem Zeitpunkt niemand so richtig zur Kenntnis nehmen wollte, war das Faktum, dass der Sexkoffer nie dazu ausersehen war, zwischen Jausenbrot und Rechenstift in die Schultasche der Kinder gepackt zu werden. Gem√§√ü der Regierungs√ľbereinkunft wurde eine Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten angestrebt, mit dem prim√§ren Ziel, "den Lehrern eine Handreichung zur Erf√ľllung der Lehrplanforderungen mit dem Schwerpunkt f√ľr Dreizehn- bis F√ľnfzehnj√§hrige zu bieten". Die Botschaft war demzufolge auch klar und deutlich: "Wir wollen ermutigen", beteuerte Frank Chist√© als ministerieller Projektkoordinator unerm√ľdlich, "Gef√ľhle zu akzeptieren und k√∂rperlichen Kontakt normal werden zu lassen". Doch die Verunsicherung wuchs rapide an, als – ohne n√§heres Detailwissen – erste Inhalte die medial beschleunigte √Ėsterreichrunde machten. Der Sexkoffer verlange, so sprach sich herum, von den Kindern Ber√ľhrungsspiele und √§hnlich verwerfliche Gruppenaktivit√§ten, schnell folgte die Angst der Elternvereinigungen vor ausufernden Eklats. Besonderen Zorn zogen Informationen √ľber eine Passage nach sich, die "Necking und Petting" mit einer altersgerechten Definition zu erkl√§ren versuchte: Als "Liebkosungen wie das K√ľssen von Mund, Augen, Ohrl√§ppchen, das Streicheln des Kopfes und der Br√ľste, das z√§rtliche Fl√ľstern von Koseworten sowie das F√ľhlen und Sp√ľren des ganzen K√∂rpers des Partners, mit Ausnahme der Genitalien". Ein K√§rntner Elternverein verteufelte nicht zuletzt deshalb den neuen Unterrichtsbehelf als "Mist- und Schmutzkoffer", die Plattform √Ąrzte f√ľr Leben sah darin den "Versuch zur Verf√ľhrung Abh√§ngiger zur Unzucht" und die katholische Organisation Pro Vita bef√ľrchtete gar eine "schleichende Christenverfolgung". F√ľr besonders lautstarkes Trommelfeuer sorgte immer wieder der ultraorthodoxe Moraltheologe Andreas Laun, der den Sexkoffer mit einer "Aufkl√§rung wie im Hinterhof" verglich. "Was kommt heraus?", schrieb er Mitte September 1988 in der katholischen Wochenschrift Pr√§sent. "Rund heraus gesagt: wiederum die Dirnenaufkl√§rung – allerdings wie ein Edelmafioso, dem die Polizei nichts nachweisen kann. Grinsend wie 'das Geld' im 'Salzburger Jedermann' aus der Truhe, steigt aus dem Koffer nicht die erl√∂sende Liebe, sondern eine Dirne, die verlangt, ernstgenommen zu werden, weil sie das Gewand der Wissenschaft angelegt hat und sich auf die Autorit√§t des Ministeriums berufen kann." Die konservativ-kirchliche Allianz, die sich mit den Empork√∂mmlingen der Haider-FP√Ė √ľber zus√§tzliche Schubkraft f√ľr den Abwehrkampf freuen durfte, sch√ľrte die Animosit√§ten unaufh√∂rlich weiter und nahm das Land mit l√§ngst vergangen geglaubten Methoden geistig-moralischer Selbstjustiz in eine bis 1989 andauernde Geiselhaft.

Auch Grieskirchen blieb davon nicht verschont. Warum allerdings die Fegefeuer-Phantasien hier auf besonders fruchtbaren Boden fielen, l√§sst sich gar nicht so leicht ergr√ľnden. Vielleicht er√∂ffnet ein historischer Blick in die Zeit der Stadterhebung n√§here Aufschl√ľsse, wiewohl das heute f√ľr kaum jemanden noch von Interesse ist. Dabei war – diese Feststellung dr√§ngt sich nahezu auf – der Ehrgeiz des Gundacker von Pollheim im Februar 1613 so etwas wie eine fr√ľhe Grundsteinlegung eines Jahrhunderte √ľberdauernden kulturell-hegemonialen √úberbaus. Ihm kam zugute, dass die herrschaftstreue Region durch ihre besonders blutige Niederschlagung des aufst√§ndischen Protestantismus auf sich aufmerksam machen konnte. Lutherische Glaubensspaltung, soziale Unruhen, vor allem aber die verzweifelten Versuche der b√§uerlichen Leibeigenen, sich von ihren unerbittlichen Herren zu emanzipieren, wurden in und um Grieskirchen mit aller Gewalt unterbunden. Kaiser Matthias wusste die Loyalit√§t zum katholischen Hause Habsburg zu sch√§tzen und dankte es mit dem urkundlich verbrieften Privilegium. Knapp 400 Jahre sp√§ter ist Grieskirchen eine Stadt, die sich – mal abgesehen vom Bezirksmuseum, in dem noch immer sp√§tneuzeitliche Mordinstrumente wie Hellebarden, Vorderlader und Morgensterne als Identit√§t stiftende Anschauungsobjekte zu bestaunen sind – um ein urbanes Erscheinungsbild bem√ľht. Schulstadt, Braustadt, Einkaufsstadt. Hinter der modern und erfolgreich anmutenden Fassade herrschen jedoch weitgehend eint√∂nige Stille, Demut und Zufriedenheit. Und so empfiehlt sich seit ehedem: Wer in Grieskirchen aufw√§chst, passt sich an und bleibt am besten unauff√§llig.

Aber dennoch: Der Idylle des Landlebens, von der Tourismus-Werbung zumeist mit drallen Dirndln und kernigen Burschen vor M√§hdreschern, Bierkutschen oder volumin√∂sen Erntedank-Ensembles ins Bild gesetzt, wehten in den 80er Jahren die unaufhaltsamen Trends einer globalisierten Wirklichkeit immer st√§rker um die Ohren. Entlang der Fernstra√üe, die sich mit Schwerverkehr und rekordverd√§chtigen Emissionswerten durch unseren Mikrokosmos bohrte, raste die gro√üe, weite Welt nicht mehr nur vorbei, sondern machte immer √∂fter auch vor unser aller Augen Halt. Noch hatten wir die unbedarfte Kindheit nicht lange hinter uns gelassen, war die Logik der kapitalistischen Warenwelt bereits allgegenw√§rtig. Sex sells! Das Gewinn bringende Verkaufsprinzip suchte sich auch in Grieskirchen seine Wege auf die Titelbl√§tter des Boulevards, ins TV-Programm, auf Plakatw√§nde, in Werbekataloge des Autohandels sowie – und dem galt unsere besondere Aufmerksamkeit – in das in diskret rote Umschl√§ge gefasste Zeitschriftenangebot des Lesezirkel-Vertriebssystems, auf das wir uns vor jedem Haarschnitt beim Friseur, im √§rztlichen Wartezimmer oder w√§hrend der seltenen Kaffeehausaufenthalte im Familienkreise begierig st√ľrzten. Obwohl auch ich die Schamesr√∂te zumeist kaum verbergen konnte, hielt ich eisern daran fest, in der Praline und Neuen Revue auf sehr verstohlene Weise zu erkunden, woran auch mir bei deren Lekt√ľre am ehesten gelegen war – an der wahren Nacktheit. Hier lie√ü sich aber auch in Erfahrung bringen, was gro√übusige Blondinen von ihren Sexerfahrungen am Arbeitsplatz zu erz√§hlen wissen, wie M√§nner, die notorisch fremdgehen, zu mehr Ausdauer gelangen, und welche Stellung von Sekret√§rinnen aus Wuppertal oder √∂lverschmierten Maschinenschlossern aus Castrop-Rauxel beim Geschlechtsverkehr bevorzugt wird. Doch auch die genuin √∂sterreichischen Druckwerke, die als so genannte Zeitgeist-Magazine den gesellschaftlichen und kulturellen Eigenheiten der 80er Jahre Rechnung tragen wollten, waren dem fr√ľhen Tittytainment – ein Begriff, der erst ein Jahrzehnt sp√§ter seine eigentliche Hochkonjunktur erleben durfte – sehr schnell gefolgt. Ich erinnere mich an mein besorgtes Erstaunen, als eine Unmenge v√∂llig entbl√∂√üter Frauen im Wiener, es kann aber auch im zum Verwechseln √§hnlichen Basta gewesen sein, ein an Psychotests angelehntes Verfahren zur Ermittlung des politischen Standorts auf einer Links-Rechts-Skala bebilderte. Je gr√∂√üer das Gefallen an √ľppigen Rundungen, desto deutlicher neigte das Ergebnis in Richtung faschistischen Totalitarismus. F√ľr mich, der ich mich l√§ngst zum einsamen Dasein eines Revolution√§rs und dem Kampf gegen die Diktatur des Establishments verpflichtet hatte, erwies sich das Resultat als tiefe pers√∂nliche Beleidigung. Warum sollte ausgerechnet die Vorliebe f√ľr kleine Br√ľste das glaubw√ľrdigere Merkmal des Befreiungskampfes der unterdr√ľckten Werkt√§tigen sein? Aufgrund der Bef√ľrchtung, dass mein zweifelnder Voyeurismus als Nachweis eines hormonell unter Druck geratenen jungen Mannes verstanden werden k√∂nnte, wagte ich es nicht, mich diesbez√ľglich bei sachkundigen Auskunftsm√∂glichkeiten umzuh√∂ren, womit die Frage letztlich in Vergessenheit geraten musste.

Mit der √úberzeugung, die Pforten der Stadt lie√üen sich vor dem Sexkoffer verschlie√üen, bekundete auch in Grieskirchen ein beachtlicher Anteil seiner Bev√∂lkerung eine mehr als nur eifernde Realit√§tsverweigerung. Anders ist nicht zu erkl√§ren, dass man offenkundig nicht wahr haben wollte, was in der zweiten H√§lfte der 80er Jahre nicht mehr zu leugnen war. Mit pickeligen Gesichtern st√ľrmten wir noch als Schulpflichtige die kleine Filiale der traditionsreichen Handelskette Palmers, die auch in Grieskirchen auf Plakate gedruckte Sch√∂nheiten in hauchd√ľnner Unterw√§sche f√ľr nur 20 Schillinge zum Verkauf anbot. Und es war ebenso kein Problem, dass wir als 14-J√§hrige im st√§dtischen Lichtspieltheater, das mit seiner kaugummiverklebten Vollholzausstattung noch in der gleichen Dekade dem gro√üen Kinosterben zum Opfer fiel, reinste Pornographie zu sehen bekamen. In so mancher sp√§teren Nachmittagsvorstellung, sei es bei einem der Billigstreifen mit Mike Kr√ľger, dem Klamauk von Dieter Hallervorden oder auch bei einer von Bud Spencers Pr√ľgelorgien, erlaubte sich der nebenberufliche Filmvorf√ľhrer gerne gelegentlich den Jux, bis zu 15 Minuten lange Trailer des n√§chtlichen Programms einzuspielen, das ausschlie√ülich den Erwachsenen vorbehalten war. Mit offenen M√ľndern bestaunte dann das d√ľnn ges√§te, vor allem aber jugendliche Publikum den ins Gro√übild ger√ľckten Massenkoitus. Bei einer zumeist √ľbersteuerten Lautst√§rkenregelung wurden wir auf dem H√∂hepunkt unserer Pubert√§t in die f√ľr uns geheimnisvolle Welt der Fellatio eingewiesen. Die Irritationen waren unausweichlich, die eigentlichen Hauptfilme dann meistens auch nicht mehr in Erinnerung. In Grieskirchen wussten alle irgendwie davon – aber immer dann eben auch sehr unauff√§llig.

Unterdessen hielt die Stadt am Gef√ľge der gastronomischen Ordnung fest, wurden beim Brandst√§tter schmutzige Witze ausgetauscht und beim Schatzl die Tipps zwischen Bauernbundmitgliedern und der jungen Wirtschaft, wie dem Finanzamt am ehesten ein Schnippchen zu schlagen ist. Beim Zweim√ľller hatten die toten Soldaten weiterhin das ganze Jahr √ľber Hochsaison, w√§hrend sich neue Erz√§hlungen zu den Mythen aus den Sch√ľtzengr√§ben der beiden Weltkriege gesellten. Hier klopfte man sich gerne auf die Schenkel, wenn jemand am Stammtisch davon berichten konnte, dass der im benachbarten Bad Schallerbach angesiedelte Goretti Bund wieder einmal mit besonderer Inbrunst den "Gro√ükopferten" in Wien die abgrundtiefe Verachtung f√ľr den Sexkoffer zum Ausdruck gebracht hatte. Die militant-katholische Splittergruppe orientierte sich konsequent an ihrer Namensgeberin, der italienischen M√§rtyrerin Maria Goretti, und hinterlie√ü – gemeinsam mit dem in den 80er Jahren besonders gef√ľrchteten Pornoj√§ger Martin Hummer – in den Machtzentren der Republik den Eindruck, als bef√§nden sich Grieskirchen und das Umland an der Spitze eines Kreuzzuges, der sich mit religi√∂sen Wahnvorstellungen gegen globale Ver√§nderungen in Politik, Gesellschaft und Familie stemmte.

Mit der Auseinandersetzung rund um den Sexkoffer verbinden sich f√ľr mich bis heute entscheidende Momente der Politisierung meiner Jugendjahre. Wenn ich auch die Materialiensammlung zur Sexualerziehung in den Jahren der durch sie selbst ausgel√∂sten Erregung nie in H√§nden halten konnte, verf√ľgte ich fortan √ľber wertvolle Erfahrungen mit einem noch immer nicht ausgestandenen Kulturkampf im Marschgep√§ck. Auf sie st√ľtzte ich meine Hoffnung, das Wesen dieses Landes eines Tages vielleicht in vollem Umfang zu erhellen. Und schon im November 1989 kehrte ich Grieskirchen den R√ľcken, um der Sache in Wien mit dem Studium von Geschichte und Politik noch weiter auf den Grund zu gehen.

 

Editorial

Zwei Jahrzehnte später... - Warum dieses Buch geschrieben werden musste