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"Dort, wo man zu Hause ist ..."

Heimatidylle mit tödlichen Folgen

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Moment #5. Gazette fĂĽr Menschenrechte 3/2006

Im Heimat-Roman ist die Banalität die Wiege, in die alle Hoffnungen und Sehnsüchte gebettet sind. Sie setzen die Katastrophe voraus, die Bedrohung durch Naturgewalten. Diese lassen sich selbstverständlich nicht auf gesellschaftliche Realitäten übertragen. Umso erstaunlicher also, dass uns insbesondere in Vorwahlzeiten manche Parteien Schablonen heimatlicher Banalität vor Augen führen, deren Strickmuster leicht durchschaubar sind.

"Tosendes Wasser, das sie mitriß, ihre gellenden Hilfeschreie erstickte, sie über glatten Fels, immer näher an tief abstürzenden Wasserfall schleuderte." Die Spannungskurve steigt gleich zu Beginn rasant nach oben. "Doch ehe dieses Brüllen sie verschlang, entrissen zwei starke Arme die dem Tode nahe dem eiskalten nassen Element und trugen sie auf sicheren Boden." Noch einmal davon gekommen! So titelt denn auch jenes Heftchen, das beim Durchwühlen der Belletristik im Kleinformat ganz oben zu liegen gekommen ist. Es ist ein Heimat-Roman unter vielen dieser Art. Nicht weiter von Bedeutung, Schundliteratur eben, wie sie im Unterricht zur deutschen Sprache meist abschätzig Erwähnung findet.

Im Heimat-Roman ist die Banalität die Wiege, in die alle Hoffnungen und Sehnsüchte gebettet sind. Sie setzen die Katastrophe voraus, die Bedrohung durch Naturgewalten. Da verfinstern sich die Himmel, werden von zuckenden Blitzen aufgerissen, deren irisierender Schein die Verwüstung der stürmischen Nächte oft nur für kurze Augenblicke offenbart. Vor dieser Kulisse vertieft die immer wieder eintretende Lebensrettung das Glück der heimatlichen Geborgenheit.

Die Grausamkeiten der Natur, das Hereinbrechen von Gefahren und die dadurch ausgelösten Notlagen lassen sich selbstverständlich nicht auf gesellschaftliche Realitäten ĂĽbertragen. Umso erstaunlicher also, dass uns insbesondere in Vorwahlzeiten manche Parteien Schablonen heimatlicher Banalität vor Augen fĂĽhren, deren Strickmuster leicht durchschaubar sind. Sie wollen Ă„ngste, Ressentiments und Verteidigungsreflexe mobilisieren, um auf diese Weise Zustimmung zu finden. Ein Spitzenkandidat, der sich fĂĽr die Bildsprache der Plakate am frischen Quellwasser der Bergwelt labt, vertritt da noch eher eine moderate Gangart in der Inszenierung von schĂĽtzenswerter Geborgenheit. Skurriler muten da schon Versuche an, in die Zeichensysteme des Sports vorzudringen. Völlig ungeachtet des Umstands, dass Ă–sterreich im internationalen FuĂźball weit abgeschlagen ist, sah der neue BZĂ–-Frontmann Peter Westenthaler im Weltmeisterschaftstrubel des Sommers 2006 den Zeitpunkt gekommen, um – ausgerechnet mit einem empor gestreckten Fanschal in Rot-weiĂź-rot – der Ă–ffentlichkeit seine "Lust auf Heimat" aufzudrängen.

Fernab jeder Komik erlebt aber der Heimat-Trend eine zunehmend Besorgnis erregende Konjunktur. Selten zuvor konnte derart unverhohlen die Deportation von 300.000 Menschen unter dem Vorwand gefordert werden, dass nur damit Schaden von der Heimat fernzuhalten sei. Seither ĂĽbertreffen sich die Menschen verachtenden Töne beinahe täglich. Dabei finden die Lockrufe des xenophoben Wählerfangs auf Websites und Plakatwänden – darin vereint sich die FPĂ– unter Heinz Christian Strache mit dem abgespaltenen BZĂ– – einen fruchtbaren Boden vor, der bereits seit Monaten vor allem auch von der Kanzlerpartei aufbereitet wird.

Die ÖVP hat seit 2000 eine Kurswende vollzogen, mit der sie nicht zuletzt neokonservativen Vorbildern wie der US-Administration unter George W. Bush folgt. In diesem Zeitraum ist immer öfter zu vernehmen, dass nur die "Bürgermeister-Partei" mit der tiefen Verwurzelung in den Regionen den Anspruch erheben könne, "Heimat-Partei" zu sein. Da verwundert es nicht, dass auch Wolfgang Schüssel das Gedankenjahr 2005 mit einer Frage eröffnete, deren Beantwortung er sogleich bereit hielt: "Wer sind wir?" Das Auditorium musste nicht lange warten, um zu erfahren, dass Österreichs Regierungschef bei Samuel P. Huntington, einem umstrittenen Politikwissenschafter und maßgeblichen Urheber des Abwehrkampfes gegen vermeintlich fremde Kulturen, nachgelesen hat. "Huntington", so erklärte Schüssel vor laufenden Kameras, "sucht nach der Identität", nach dem "Gemeinsamen, nach dem für eine Nation unverzichtbaren Zusammenhalt angesichts immer neuer Herausforderungen". Diese Frage stelle sich auch in Österreich "immer stärker und immer drängender".

Dieser Appell gilt vor allem Politikbereichen, die kulturell-hegemoniale Wirkung entfalten.  Der als "Bedrohung und Entwurzelung erlebten Globalisierung", so die offizielle Linie der Ă–VP, "kann nur mit Regionalisierung und Heimatorientierung geantwortet werden. Die Betonung regionaler Identitäten, Subsidiarität und Entschleunigung sind richtige Strategien".

Huntington hat die Losung ausgegeben, dass sich Menschen mit jenen identifizierten, die ihnen am ähnlichsten seien und "denen sie sich durch die gleiche Ethnizität oder Religion, durch gemeinsame Traditionen, einen gemeinsamen Abstammungsmythos und eine gemeinsame Geschichte verbunden fühlen". Somit erfahren jetzt auch in Österreich katholische Sender bei der Vergabe von regionalen Rundfunkfrequenzen besondere Berücksichtigung, werden an den Stammtischen "rot-weiß-rote Liederbücher" verteilt, und auch die Wirtschaft soll mit historischen Rückblenden auf die nationalen Mythen der Wiederaufbaugeneration angekurbelt werden.

"Modernisierung, wirtschaftliche Entwicklung, Verstädterung und Globalisierung", schreibt Samuel P. Huntington in seinem Buch Who are we, "führen dazu, dass Menschen ihre Identitäten neu überdenken und sie enger, intimer, gemeinschaftlicher definieren." In diesem Sinne kommt der Autor auch zu folgendem Schluss: "Alle Gesellschaften werden immer wieder in ihrer Existenz bedroht und fallen schließlich einer dieser Bedrohungen zum Opfer. Einigen Gesellschaften gelingt es jedoch, gerade angesichts der Bedrohung ihren Untergang zu verschieben, indem sie ihren Verfallsprozess aufhalten und umkehren und ihre Identität und Vitalität erneuern."

Was in Ă–sterreich unter Erneuerung von Identität und Vitalität zu verstehen ist, wurde alleine in den vergangenen Jahren deutlich. Im Juli 2003 endete der Einsatz von Polizei und Rettungskräften fĂĽr den in Mauretanien geborenen Seibane Wague tödlich. Am 4. Oktober 2005 wurde Yankuba Ceesay in der Schubhaft tot aufgefunden, nachdem die Behörden vom lebensbedrohlichen Gewichtsverlust des Asylsuchenden aus Gambia einfach keine Notiz genommen hatten. Und auch am 7. April 2006 sollte ein Schubhäftling nach Westafrika abgeschoben werden. Bakary J., der in Wien Frau und Familie hat, informierte das Flugpersonal darĂĽber, dass er dieser ZwangsmaĂźnahme nicht zugestimmt habe. Die rot-weiĂź-rote Entschlossenheit brachte ihm schwerste Misshandlungen durch Exekutivbeamte ein. Amnesty International spricht von Folter. Ende August hat das Gericht – wie auch schon in den Fällen davor – mit 8 Monaten bedingter Haft ein äuĂźerst mildes Urteil gefällt. Die Staatsanwaltschaft geht nicht in Berufung, was wiederum befĂĽrchten lässt, dass sich nun auch die Justiz der neuen Heimatidylle mit zunehmend tödlichen Folgen immer weniger widersetzt.

"Heimat", notierte Peter Huemer in seinem neuen Buch Heimat.LĂĽgen.Literatur, "ist ein zerschundenes Wort, unendlich missbraucht, ein historisches TrĂĽmmerfeld." Vielleicht sollte der namhafte Publizist mit seiner Anteilnahme in der Welt der Heimat-Romane Trost suchen, "dort, wo man zu Hause ist", wie deren verkitschte Aufmachungen im Alpenpanorama und mit Rosengärten titeln. Denn die Realitäten der Heimat, die als politische Konstruktion dem billigen Stimmengewinn und der rassistischen Verhetzung von Menschen dient, sind vor allem fĂĽr jene Menschen in höchstem MaĂźe bedrohlich, die nach Ă–sterreich kommen, weil sie sich in einem der reichsten Staaten der Welt das Grundrecht auf ein Leben abseits von Verfolgung, Perspektivlosigkeit und Armut erhoffen. Heimat schindet und missbraucht, das ist ihre alltägliche Erfahrung – und an einem solchen Ort will niemand gerne zu Hause sein!


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