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Jenseits des digitalen Grabens

Mythen und Realitäten der IKT-Aneignung in Afrika

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik, 02/2011, Juni 2011

Seit vielen Jahren gew√§hrt die Weltbank in beachtlichem Ausma√ü Kredite, die darauf abzielen, Afrika √ľber Glasfaserleitungen mit dem Rest der Welt zu verbinden. Das erh√∂ht zwar die Profite der Unternehmen auf einem noch lange nicht ausgesch√∂pften Wachstumsmarkt, aber nicht den Umfang einer infrastrukturellen Grundversorgung.
Cybercafé in Maroua Cybercafé in Maroua
Glasfaser unter chinesischer Ingenieursanleitung Glasfaser unter chinesischer Ingenieursanleitung
Universität Yaoundé - offline Universität Yaoundé - offline

Ein Tag des Zorns sollte es werden, der Anfang vom Ende einer langen Tyrannei. Doch dann erwies sich der 28. Mai 2011 in √Ąthiopien als ein Tag wie jeder andere. Vielleicht waren die Erwartungen einfach nur zu hoch geschraubt. Von Tunesien bis √Ągypten, so hatte die Nachricht auch die Hauptstadt Addis Abeba erreicht, seien die verhassten Regimes angesichts einer Vielzahl kritischer Aktivit√§ten in sozialen Netzwerken in die Knie gegangen. Warum also sollte eine Facebook-Mobilisierung zum Umsturz nicht auch im √∂stlichen Afrika m√∂glich sein? Das Land st√∂hnt noch immer unter den Folgen eines langj√§hrigen Krieges, unter Despotismus, steigenden Lebenskosten und einer enormen Arbeitslosigkeit. Das Verlangen nach Demokratie, Medienfreiheit und Menschenrechten verschafft sich auch hier immer deutlicher Geh√∂r. Folgerichtig verspr√ľhten die vielfach herumgereichten Online-Aufrufe der verschiedenen Oppositionsgruppen bis zuletzt gro√üen Optimismus – doch der erhoffte Aufstand fand nicht statt.

Etwa zur gleichen Zeit in Maroua, im Norden Kameruns. Auf B√§umen und Hausmauern waren handgefertigte Plakate aufgetaucht, die f√ľr Mitte Juni 2011 zu einer exklusiven Premiere luden. In einem der besten Hotels der Stadt erwartete Kameruns vermeintlich erste Facebook-Party eine illustre G√§steschar, die in einem Wettbewerb das sch√∂nste Profilbild sowie die gr√∂√üte Anzahl der jeweils auf der Plattform genutzten Applikationen ermitteln sollte. Doch das belanglose Vergn√ľgen musste sich mit geringem Zulauf zufrieden geben. Umgerechnet zehn Euro Teilnahmegeb√ľhren, f√ľr viele Menschen fast die H√§lfte des monatlichen Einkommens, erwiesen sich als schwer zu √ľberwindende Barriere. Die in den realen Raum √ľbertragenen Freundschaften des virtuellen Netzes haben sich demzufolge so schnell wieder verfl√ľchtigt wie auch die Plakate im √∂ffentlichen Raum.

Der afrikanische Kontinent ist mit seiner sprachlichen, sozialen und kulturellen Vielfalt keinesfalls einheitlich zu fassen. Dennoch sind die Beispiele aus √Ąthiopien und Kamerun in ihren unterschiedlichen Kontexten signifikant f√ľr das allm√§hliche Vordringen neuer Informationstechnologien in die gesellschaftlichen Realit√§ten Afrikas. Insbesondere die Verbreitung des Internet ist heute ein oft zitierter Indikator f√ľr den Grad der Entwicklung der L√§nder des S√ľdens. Anfang Juni 2011 pr√§sentierte Frank La Rue, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zur F√∂rderung und zum Schutz des Rechts auf freie Meinungs√§u√üerung, dem Nachrichtendienst IPS eine international vergleichende Statistik. Nutzen in den Industriestaaten 71,6 Prozent der Menschen das Internet, sind es in Afrika nur 9,6 Prozent. Dabei dr√ľcken die Zahlen alleine noch gar nicht die Vielzahl der Probleme des Alltags aus, die diesem Gef√§lle innewohnen. "F√ľr 90% der afrikanischen Bev√∂lkerung jenseits des digital divide", hielt Olivier Nana Nzepa, Leiter der Abteilung f√ľr Informationstechnologien an der Universit√§t Yaound√©, bereits 2005 in einem Grundlagenpapier f√ľr den Weltgipfel der Informationsgesellschaft (WSIS) fest, "bleibt die Kommunikation mit der Au√üenwelt ein Hindernislauf. Wer obendrein des Schreibens nicht m√§chtig ist, muss schon jetzt den beschwerlichen Weg auf sich nehmen, einen Schuljungen zu finden, der einen Brief verfassen kann. Dann hei√üt es, auf den n√§chsten Markttag zu warten, um Busreisende ausfindig zu machen, die den Brief zum n√§chstgelegenen Postamt bringen. Es kann also durchaus Monate dauern, bis der Brief sein Ziel erreicht".

Auch in Kamerun trifft der Vormarsch der Technologien auf soziale Voraussetzungen, die von dem vielfachen Versprechen kaum etwas erkennen lassen, dass mit der Privatisierung des Telekom-Sektors und einer Investitionsoffensive im Bereich der IKT-Infrastrukturen auch wertvolle Impulse f√ľr die gesellschaftliche Entwicklung geschaffen w√ľrden. Obwohl mitunter sogar Schulkinder √ľber ihr eigenes Mobiltelefon verf√ľgen, darf die beachtliche Handydichte nicht dar√ľber hinwegt√§uschen, dass die Kosten f√ľr die meisten erdr√ľckend sind. Kaum jemand kann sich einen l√§ngeren aktiven Anruf leisten, was zumeist skurrile Gewohnheiten der wechselseitigen R√ľckrufappelle zur Folge hat. Neben dem staatlichen Provider Camtel haben vor allem Orange (France Telecom) und der s√ľdafrikanische Anbieter MTN den Internet-Markt fest im Griff. Noch immer bel√§uft sich die Installation eines privaten Breitbandanschlusses auf knapp 400 Euro, die monatlichen Tarife erreichen dann – je nach gew√ľnschter √úbertragungsleistung – noch einmal zwischen 50 und 100 Euro. Damit wird deutlich, dass das Kommunikationstor zum World Wide Web tats√§chlich nur ganz wenigen offen steht. Obendrein sind die Services in Kamerun fast ausschlie√ülich auf den urbanen Raum beschr√§nkt. Wer die Stadtgrenze hinter sich l√§sst, ger√§t allgemein sehr schnell ins strukturelle Abseits. Nicht einmal ein Drittel der Bev√∂lkerung kann auf sauberes Trinkwasser zur√ľckgreifen. Es mangelt aber auch an Elektrizit√§t, Sanit√§ranlagen, medizinischer Versorgung sowie gro√üfl√§chig auch an einer ausreichenden Netzabdeckung.

Seit vielen Jahren gew√§hrt die Weltbank in beachtlichem Ausma√ü Kredite, die darauf abzielen, Afrika √ľber Glasfaserleitungen mit dem Rest der Welt zu verbinden. Ebenso lange schon darf sich vor allem die Telekom-Industrie dar√ľber freuen, dass mehrere Millionen Anrufe zur gleichen Zeit nicht mehr an technischen Unzul√§nglichkeiten scheitern. Das erh√∂ht zwar die Profite der Unternehmen auf einem noch lange nicht ausgesch√∂pften Wachstumsmarkt, aber nicht den Umfang einer infrastrukturellen Grundversorgung. Somit tun sich in diesem Zusammenhang auch Fragen auf, die vor allem die Rolle der Politik ins Blickfeld r√ľcken. Lange Zeit galten Medien in den Reihen der afrikanischen Regierungen als Motor des Wandels, als Sprungbrett in die Zukunft, mit dem das Informationszeitalter auf gleicher Augenh√∂he zu erreichen sei – etwa nach dem Motto: mit Bandbreite gegen Demokratiedefizite, Analphabetismus und Hunger. Doch im Laufe der Zeit erwiesen sich die Prophezeiungen als blo√üe Lippenbekenntnisse, denn auf tats√§chliche Verbesserungen der Lebensverh√§ltnisse warten die Menschen noch immer vergeblich. Dazu ein Beispiel: Im Jahr 2012 soll ein im Atlantik verlegtes Glasfaserkabel das idyllische Fischerst√§dtchen Kribi an der Westk√ľste Kameruns erreichen, um in weiterer Folge auch den Tschad und die Zentralafrikanische Republik mit einer zeitgem√§√üen Internet-Anbindung zu versorgen. Bis in den abgelegenen Norden des Landes sind Tagel√∂hner unter chinesischer Ingenieursanleitung und extremen Temperaturen darum bem√ľht, die tausende Kilometer langen Gr√§ben f√ľr die Netzausdehnung auszuheben. Nicht ausger√§umt werden damit jedoch die vielen Zweifel, ob diese Anstrengungen auch wirklich f√ľr die breite Masse von Nutzen sind – aus gutem Grunde. Kameruns Hauptstadt verf√ľgt schon seit einiger Zeit √ľber drei Glasfaserleitungen, was nicht zuletzt auch in den Medien zum Anlass des Jubelns √ľber bereits erzielte Fortschritte genommen wird. "Das ganze Land", schrieb die Cameroon tribune in einem IKT-Dossier im Mai 2011,  "hat sich zu einem Kommunikationskraftwerk entwickelt, mit einer schnelleren √úbertragungsrate und mit einer noch eleganteren Kommunikation". Die Studierenden an der Universit√§t von Yaound√© k√∂nnen solcherart Feststellungen bestenfalls als blanken Hohn auffassen. Sie sitzen in ihren Informatiks√§len und m√ľssen sich mit Offline-T√§tigkeiten begn√ľgen, weil das Netz oft tagelang nicht zu erreichen ist. √Ąhnlich die Situation f√ľr Projekte und NGOs. Globaler Austausch und interdisziplin√§re Vernetzung werden durch die vielen Ausf√§lle nachhaltig erschwert, was fatalerweise unter anderem auch dazu f√ľhrt, dass die mit internationalen Kooperationen einhergehende Ko-Finanzierung dem zivilgesellschaftlichen Sektor auf lange Sicht vorenthalten bleibt.

"In Abstimmung mit anderen afrikanischen Staaten", so f√ľhrte die regierungsnahe Zeitung weiter aus, "muss es auch in Kamerun ein nationales Ziel sein, Bedingungen f√ľr einen beschleunigten Marsch in Richtung Informationsgesellschaft zu schaffen, wie etwa durch die Modernisierung der √∂ffentlichen Verwaltung sowie durch die Steigerung der Wettbewerbs- und Ertragsf√§higkeit der Unternehmen, von Wissen und Kreativit√§t". Nicht zuletzt an diesem Punkt setzt die Skepsis an, die bei UN-Sonderberichterstatter Frank La Rue in den Warnungen vor zu gro√üen staatlichen Kontrollabsichten √ľber die Internet-Entwicklung zum Ausdruck kommt. Insbesondere nach den Erfahrungen mit den politischen Umw√§lzungen im arabischen Raum sei auch in Subsahara-Afrika ganz allgemein die Neigung der h√∂chsten Staatsorgane dramatisch angewachsen, den Zugang zu digitalen Medien und damit zum Grundrecht auf freie Meinungs√§u√üerung einzuschr√§nken.

Die Aufst√§nde in Tunesien und √Ągypten, so La Rue in einem aktuellen Bericht an den UN-Menschenrechtsrat, h√§tten die Herrschenden regelrecht in Angst und Schrecken versetzt. Dabei bedienen sie sich ganz offensichtlich ebenfalls der verkl√§renden Vorstellung, dass Facebook und andere soziale Netzwerke einen √ľber Jahrzehnte errichteten totalit√§ren Machtapparat zum Einsturz bringen k√∂nnten. Eine naive Fehleinsch√§tzung, wie f√ľhrende Pers√∂nlichkeiten des politischen Widerstandes unerm√ľdlich ins Bewusstsein rufen. Facebook sei niemals Ursprung einer Revolution, schon eher eine mediale Begleiterscheinung, ein weit verzweigter Informationskanal, in dem sich die Wut √ľber das soziale Elend, Zensur und die Allgegenwart von staatlichem Terror in Windeseile artikuliert. F√ľr das Gelingen der Umw√§lzungen ist viel eher von Bedeutung, ob sich die Opposition auf eine ausreichend vernetzte Zivilgesellschaft st√ľtzen kann. Denn Massenproteste erfordern die Aktivierung einer √ľber viele Jahre aufgestellten politischen Basis, die sich durch eine spontane Facebook-Gruppe nicht so einfach ersetzen l√§sst.

Im November 2011 finden in Kamerun Pr√§sidentschaftswahlen statt, die schon im Vorfeld mit gro√üer Spannung erwartet werden. Eine umstrittene Verfassungs√§nderung, mit der sich Pr√§sident Paul Biya die besten Aussichten auf eine weitere Amtsperiode gesichert hat, sorgte bereits im Jahr 2008 f√ľr blutige Unruhen in den Stra√üen der gro√üen St√§dte. Damals unterdr√ľckte die Staatsgewalt den √Ąrger der Jugendlichen √ľber Preistreiberei und Perspektivlosigkeit mit Gewehrfeuer, was hunderte Tote und eine anhaltende politische Resignation zur Folge hatte. Vor diesem Hintergrund liest sich der von Olivier Nana Nzepa schon im Rahmen des WSIS 2005 vorgetragene Appell wie ein verzweifelter Wunsch, dessen Verwirklichung in seinem Herkunftsland Kamerun noch einige Geduld erfordert: "In Afrika muss einer Politik zum Durchbruch verholfen werden, die Wege f√ľr neue Ideen bahnt, die Zivilgesellschaft st√§rkt und einen regen Austausch von Erfahrungen und Sichtweisen f√∂rdert. Nur so lassen sich nachhaltige L√∂sungen finden – f√ľr den Kontinent in einem globalen Kontext."


Quellennachweis

Bainkong, Godlove (2011): Cameroon Rapt in Global Evolutions. In: Cameroon tribune, 11. Mai 2011, S.9.

Capdevilla, Gustavo (2011): Governments and Powers-That-Be Fear the Internet. In: IPS News, 6. Juni 2011; http://ipsnews.net/wap/news.asp?idnews=55951 (Zugriff am 10. Juni 2011).

Nana Nzepa, Olivier (2005): Challenges for Africa. In: Reforming Internet Governance: Perspectives from the Working Group on Internet Governance; http://www.wgig.org/docs/book/toc2.html (Zugriff am 10. Juni 2011).

 

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