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Eine l├Ąngst verlorene Schlacht

Interview mit Olivier Nana Nzepa

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 3, Oktober 2011

Freie Meinungs├Ąu├čerung ist wie die Luft, die wir atmen. Daf├╝r n├╝tzen wir eben jene Tools, die uns zur Verf├╝gung stehen. Informationstechnologien z├Ąhlen immer mehr dazu, weswegen auch immer mehr Menschen Gebrauch davon machen.
Olivier Nana Nzepa im Interview, 1. August 2011 Olivier Nana Nzepa im Interview, 1. August 2011

Interview mit Olivier Nana Nzepa ├╝ber Informationsfreiheit in Afrika, die Rolle von Google und die Gefahr einer digitalen Kolonisierung des Kontinents.


Was bedeutet Information in einem afrikanischen Kontext?

Nana Nzepa: Zugang zu Information bedeutet in erster Linie Zugang zur Macht. Das ist auch einer der Gr├╝nde, warum die meisten Empowerment-Programme in Afrika darauf abzielen, Menschen mit Informationen zu versorgen. Die entscheidende Frage der Gesundheit liegt etwa in der Verf├╝gbarkeit von Informationen. Jene, die keinen Zugang dazu haben, erleiden in Folge, was wir als Armut bezeichnen.

Google hat gro├če Pl├Ąne, afrikanischen Content f├╝r seine Zwecke nutzbar zu machen. Was ist darunter zu verstehen?

Nana Nzepa: Viele sehen in Afrika den neuen "Westen", ein gro├čes Land mit vielen neuen M├Âglichkeiten. Wir m├╝ssen uns dessen bewusst sein, dass die gesamte Menschheit in Afrika ihren Ursprung hat. Umso mehr m├╝ssen wir auf die Begehrlichkeiten nach afrikanischem Content ein Auge werfen. Noch vor wenigen Jahren ist man wegen der Medizin auf pflanzlicher Basis nach Afrika gekommen, um diese mit Patenten zu versehen. Nun m├╝ssen genau jene, die dieses Wissen bewahrt haben, schon bald f├╝r den Zugang bezahlen. Deshalb bin ich auch hinsichtlich einer e-Kolonisierung besorgt. Google hat ganz aktuell in Kamerun mit einem der Mobiltelefonie-Anbieter eine Partnerschaft geschlossen. Wenn die Verantwortlichen nach Afrika dr├Ąngen, um den kulturellen Zugang zu erweitern, dann bin ich gerne mit dabei. Wenn aber Google das Unwissen bez├╝glich des kulturellen Reichtums zum eigenen Vorteil ausn├╝tzen will, dann ist meine Sorge gro├č.

Wie lassen sich die afrikanischen Staaten bei der Aneignung von Informations- und Kommunikationstechnologien vergleichen?

Nana Nzepa: Es gibt Staaten, die Informationstechnologien energisch eingef├╝hrt haben und mittlerweile auf einer hoch entwickelten Stufe nutzen. Demgegen├╝ber befinden sich jene L├Ąnder, die zwar vom Potential der IKT wissen, aber auf der Bremse stehen. Die Trennlinie hat sehr viel mit dem F├╝hrungsstil der Staatsoberh├Ąupter zu tun. Es gibt kleine Staaten wie Ruanda, die in kurzer Zeit gro├če Anstrengungen im IKT-Bereich unternommen haben. Und es gibt Staaten wie Kamerun, wo aufgrund der Machtstreitigkeiten keine guten Entscheidungen getroffen werden. Noch immer erreicht die Internet-Durchdringungsrate nicht mehr als drei Prozent. Im Senegal, einem Staat vergleichbarer Gr├Â├če, liegt diese Rate bei zw├Âlf Prozent. Da war aber auch Pr├Ąsident Wade beim World Summit of Information Society (WSIS) unmittelbar involviert. ├ähnlich die Situation in Ghana. Diese L├Ąnder sind eben sehr konsequent und verstehen IKT als Instrumente der Ver├Ąnderung. Nigeria hat sogar einen eigenen Satelliten gestartet. In der Wirtschaftsmacht S├╝dafrika z├Ąhlen IKT zu den wichtigsten Voraussetzungen. Auch Kenia ist ganz vorne mit dabei. In Zentralafrika hingegen l├Ąsst die politische Performance noch immer zu w├╝nschen ├╝brig.

Welchen Einfluss haben IKT auf die Entwicklung und Demokratisierung Afrikas?

Nana Nzepa: Wir m├╝ssen mittlerweile einsehen, dass wir es nicht mit einer Glaubensfrage oder gar Magie zu tun haben. IKT als Instrumente der Demokratisierung m├╝ssen von einer transparenten Politik getragen werden. Das ist eine der Voraussetzungen, die wir in Kamerun allerdings noch nicht vorfinden. In anderen afrikanischen Staaten wie Senegal, Elfenbeink├╝ste oder Ghana haben IKT im Zuge der Ver├Ąnderungen der letzten zehn Jahre auch eine kritische Funktion eingenommen. Aber IKT werden die Fundamente dieser L├Ąnder nicht ver├Ąndern, solange die  Regierenden das zu verhindern wissen. Positiv ist, dass immer mehr Menschen IKT zu nutzen verstehen. Es ist also den afrikanischen Staaten zu w├╝nschen, dass auch deren Oberh├Ąupter aufholen und die Handhabung dieser Tool beherrschen lernen. Aber nicht in dem Sinne, diese in Schach zu halten.

Zum Recht auf freie Meinungs├Ąu├čerung: Es gibt Kritik an afrikanischen Regierungen, dass sie unter dem Eindruck des so genannten "arabischen Fr├╝hlings" Informationstechnologien zunehmend unter ihre Kontrolle bringen m├Âchten. Was ist davon zu halten?

Nana Nzepa: In Kamerun sagen wir: Du kannst das Meer nicht mit blo├čen H├Ąnden aufhalten. Ich sehe Informationstechnologien als dieses sinnbildliche Meer. Ob man sie mag oder nicht, man muss damit leben. Dazu kommt, dass Angst meist mit Unkenntnis zu tun hat. Die Staatsspitzen sind in einer politischen Kultur aufgewachsen, in der man jederzeit eine Radiostation oder die Presse ausschalten kann. Aber wie sollen auf lange Sicht eine Online-Zeitung, SMS, Twitter oder Facebook verhindert werden? Aus diesem Grunde halte ich das f├╝r eine l├Ąngst verlorene Schlacht. Freie Meinungs├Ąu├čerung ist wie die Luft, die wir atmen. Daf├╝r n├╝tzen wir eben jene Tools, die uns zur Verf├╝gung stehen. Informationstechnologien z├Ąhlen immer mehr dazu, weswegen auch immer mehr Menschen Gebrauch davon machen. Darum macht es auch keinen Sinn, das lokale TV abzudrehen, denn viele sehen bereits ├╝ber Satelliten fern. Die Menschen sehen heute, was sie sehen wollen. Das muss ganz einfach bedacht werden, vor allem von einer Techno-Politik, die nicht der Revolution, sondern einer organisierten IKT-Entwicklung den Weg ebnen will.

Herzlichen Dank f├╝r das Gespr├Ąch.


Olivier Nana Nzepa ist Leiter der ├ëcole Superieure des Sciences et Techniques de l'Information et de la Communication (ESSTIC) an der Universit├Ąt Yaound├ę I in Kamerun

Das Interview ist Teil der Vorbereitungen des World-Information Institute f├╝r das Projekt Africa World-Information Cameroon.

Siehe auch:

Zwitschern gegen das Ungemach - Freiheit und Repression bei der Gestaltung afrikanischer Informationslandschaften

Kulturrisse