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Zwitschern gegen das Ungemach

Freiheit und Repression bei der Gestaltung afrikanischer Informationslandschaften

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 3, Oktober 2011

Auch in Kamerun baut die Telekom-Industrie lieber auf das Wohlwollen eines Regimes, das – von der internationalen Gemeinschaft meist geduldet – Menschenrechte und politische Freiheiten mit F√ľ√üen tritt, als auf Gewerkschaften, oppositionelle Gruppen und NGOs, die ihre Forderungen nach mehr Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und Teilnahme am √∂ffentlichen Leben auch bei der Nutzung von Kommunikationstechnologien verwirklicht sehen wollen.

Preistreiberei, Korruption, Zukunftslosigkeit

Pl√∂tzlich hatte es sich ausgetwittert. Aus Sicherheitsgr√ľnden, mehr war dazu nicht zu erfahren. Doch f√ľr Zweifel an den demokratischen Grundfesten des Staates Kamerun gen√ľgen bereits die Indizien. Rund um den dritten Jahrestag der sozialen Unruhen von 2008  rief die Opposition zum √∂ffentlichen Gedenken an die Opfer auf. Damals hatten sich vor allem Jugendliche in den gro√üen St√§dten aufgelehnt - gegen Preistreiberei, Korruption und eine Zukunftslosigkeit, die dann mit hunderten Toten auf den Stra√üen nur noch deutlicher geworden war.

Drei Jahre nach dem milit√§rischen Ausnahmezustand wird auch auf Seiten der Autorit√§ten die Nervosit√§t zunehmend sp√ľrbar. Anfang M√§rz 2011, also Tage nach den ersten Kundgebungen in Yaound√© und Douala, wurde dem Mobiltelefonie-Riesen MTN per ministerieller Weisung angeordnet, den SMS-Dienst von Twitter landesweit abzuschalten. Die ganze Welt stand in diesen Tagen noch unter dem Eindruck der Umw√§lzungen im n√∂rdlichen Afrika. Da machte auch in Subsahara die Angst unter den Regierenden sehr schnell die Runde, Protestwellen k√∂nnten √ľber unkontrollierte Kurzmitteilungen die Herrschaftspal√§ste zum Einsturz bringen. Die Suspendierung des Twitter-Features dauerte nicht lange an. Ebenso wenig hat sie in der medialen √Ėffentlichkeit eine Beachtung gefunden, die bei staatlichen Zensurma√ünahmen eigentlich zu erwarten ist. Aber gerade deshalb gibt dieses Beispiel sehr anschaulich Auskunft √ľber aktuelle Entwicklungen der Informationspolitik in Kamerun, √ľber die Unkenntnis der Staatsspitzen von sozialen Netzwerken und deren Folgewirkungen auf das politische Geschehen.

Denn tats√§chlich findet sich Twitter Mobile durchschnittlich auf nur einem von 50 MTN-Handys, was bei einer Bev√∂lkerung von 20 Millionen eine Durchdringung von weniger als einem Prozent bedeutet. √Ąhnlich verh√§lt es sich bei der Nutzung von Facebook. Offiziellen Angaben zufolge sind in Kamerun 380.000 Userinnen und User registriert. Die 1,9 Prozent werden keine Revolution in Gang setzen, wie der hartn√§ckige Mythos des arabischen Fr√ľhlings noch immer viele tr√§umen l√§sst. Schon eher tritt durch den Durchgriff der Sicherheitsbeh√∂rden auf ein privates Unternehmen die totalit√§re Neigung zutage, das Recht auf freie Meinungs√§u√üerung unter staatliche Kontrolle zu bringen – auch oder ganz besonders bei der Ausgestaltung von digitalen Informationslandschaften.

Digitale Landnahme

Die gro√üen Player setzen sich gegen diese Trends nicht zur Wehr. In √Ągypten ging Vodafone vom Netz, weil Pr√§sident Mubarak in den letzten Tagen seiner Amtszeit auf diese Weise seinen Kopf aus der Schlinge zu holen hoffte. Und auch in Kamerun baut die Telekom-Industrie lieber auf das Wohlwollen eines Regimes, das – von der internationalen Gemeinschaft meist geduldet – Menschenrechte und politische Freiheiten mit F√ľ√üen tritt, als auf Gewerkschaften, oppositionelle Gruppen und NGOs, die ihre Forderungen nach mehr Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und Teilnahme am √∂ffentlichen Leben auch bei der Nutzung von Kommunikationstechnologien verwirklicht sehen wollen.

Neben dem s√ľdafrikanischen MTN hat sich in Kamerun vor allem das in Besitz der France Telecom stehende Orange auf diese Weise eine m√§chtige Position gesichert. Zumal nach der Logik globaler Profite von zentralafrikanischen Zivilgesellschaften nicht viel zu holen ist, kooperiert Kameruns zweiter Marktf√ľhrer vorzugsweise mit Google. Damit vollzieht die auf einen Wert von 45 Milliarden Dollar gesch√§tzte Suchmaschine einen weiteren Schritt auf den afrikanischen Kontinent. Schon zuvor wurde mit Ory Okolloh ein signifikantes Aush√§ngeschild zur obersten Strategin der Policy Abteilung f√ľr Afrika ernannt. Die Kenianerin ist Mitbegr√ľnderin von Ushahidi, einer Open-Source-Plattform, die sich schon vor Jahren mit kartographischen Online-Tools zur Bek√§mpfung von Gewalt und Krisen einen Namen machen konnte und nunmehr in vielen afrikanischen Staaten offen zug√§ngliche Informationskan√§le und technische Dienste zur Verf√ľgung stellt.

Doch vor dem Hintergrund der zunehmenden Repressionen gegen√ľber einer kritischen Mediennutzung m√ľssen auch Googles Afrika-Ambitionen einer skeptischen Bewertung unterzogen werden. Denn was n√ľtzt es dem Weg in das Informationszeitalter, wenn die Suchmaschine in nunmehr 31 afrikanischen Sprachen zur Verf√ľgung steht, staatliche Zensur aber die ohnehin k√§rglichen Zugangsm√∂glichkeiten noch mehr als zuvor beschneidet. Der Universalanspruch Googles auf das Internet bringt auch Kamerun keine neuen Freiheiten, sondern erweitert das Spektrum der Abh√§ngigkeiten. Schon jetzt kommunizieren Chefredaktionen, Spit√§ler und Bildungseinrichtungen fast ausschlie√ülich √ľber Yahoo.fr. F√ľr die kostenlose Nutzung der e-Mail-Dienste ist ein Preis zu bezahlen, der sich im √∂ffentlichen Bewusstsein noch gar nicht ausreichend verankert hat.

Die digitale Landnahme erinnert zwangsl√§ufig an die brutale Ausbeutung der kolonialen Jahre und wird durch Googles Hunger auf den afrikanischen Content noch zus√§tzlich versch√§rft. Wer stellt in Zukunft sicher, dass der Produktionsreichtum der kulturellen Vielfalt Afrikas nicht alleine der Verwertung durch Google √ľberlassen bleibt? Werden Mail- und andere Online-Dienste von Google auch zur Verf√ľgung stehen, wenn Afrikas Despotien die letzten Freir√§ume usurpieren? Auch Kamerun sieht sich bei seiner IKT-Entwicklung mit einem Anwachsen der Gefahren konfrontiert. Mit Zwitschern alleine wird diesem Ungemach nicht beizukommen sein.


Der Beitrag ist Teil der Vorbereitungen des World-Information Institute f√ľr das Projekt Africa World-Information Cameroon.

Siehe auch:

Eine l√§ngst verlorene Schlacht - Interview mit Olivier Nana Nzepa √ľber Informationsfreiheit in Afrika, die Rolle von Google und die Gefahr einer digitalen Kolonisierung des Kontinents.

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