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Jabulani für das Volk?

Wachsende Skepsis vor der Fußball-WM in Südafrika

Von Martin Wassermair. Erschienen in: ballesterer fm, Nr.51, April 2010

Nicht wenige Staatsoberhäupter Afrikas sind davon überzeugt, dass Ergebnisse auf dem grünen Rasen mitunter sehr schnell auf die Stimmungslage im Landesinneren übertragen werden. Während also die Politik durch den Eingriff auf das Terrain des Fußballs eine probate Möglichkeit sieht, die eigene Machtposition zu stärken, häufen sich gerade im Vorfeld der erstmaligen Austragung einer Fußball-WM in Afrika die kritischen Stimmen, dass genau darin eines der Grundprobleme der kontinentalen Wettbewerbsfähigkeit liegt.
ballesterer, April 2010 ballesterer, April 2010

Wenige Wochen vor Anpfiff der WM 2010 bringen FIFA und Politik ihre Profitmaschine auf Hochtouren. Marketing-Slogans versprechen Wirtschaftsaufschwung, Strukturreformen und eine Imagepolitur für Afrika. Unterdessen machen sich auf dem Kontinent immer mehr Zweifel und Unmut breit.


Seit gewiss ist, dass Algerien nach fast einem Vierteljahrhundert wieder zur Teilnahme an einer WM-Endrunde berechtigt ist, herrscht in der Öffentlichkeit des Landes angespannte Aufgeregtheit. Am 3. März wurde Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika ungewöhnlich große Aufmerksamkeit zuteil. Zinedine Zidane war zu Gast, und sogleich machte eine Frage die mediale Runde: Wird er die "Wüstenfüchse" ("Fennecs") zum Kap der guten Hoffnung führen? Der ehemalige Weltmeister mit algerischen Wurzeln versicherte der mit neuem Stolz erfüllten Nation seine volle Unterstützung, legte sich jedoch nicht näher fest. Er weiß, dass fußballerische Gespräche mit den Spitzen des Staates besonderes diplomatisches Geschick erfordern. Einer durfte, so kurz vor Abreise nach Südafrika, in Folge wohl aufgeatmet haben: Rabah Sâadane hat als Nationaltrainer noch immer einen gültigen Vertrag. Nach der Qualifikation als Held umjubelt, hat er mit der Équipe um Kapitän Madjid Bougherra beim Afrika-Cup 2010 den Halbfinaleinzug geschafft. Doch auf afrikanischem Boden bietet eine solche Serie keinen langen Schutz.

Nicht wenige Staatsoberhäupter sind davon überzeugt, dass Ergebnisse auf dem grünen Rasen mitunter sehr schnell auf die Stimmungslage im Landesinneren übertragen werden. Im positiven wie im negativen Sinne. Soziale Unruhen, Übergriffe gegen die Autoritäten des Staates, aber auch hasserfüllte Tiraden gegen das eigene Team, sind nicht selten die Folge von Niederlagen. In seinem neuen Buch "Laduuuuuma!" erinnert Bartholomäus Grill an das Ausscheiden Nigerias bei der WM 1994: "In Lagos war das Volk kurz davor, eine Fußballrevolte zu entfesseln. In den Straßen wurden die Nationalspieler als Staatsverräter geschmäht. Man müsse diese faulen, fetten Vögel einsperren, lebenslänglich. Oder gleich öffentlich erschießen." Ganz anders verhielt es sich nach dem Finale bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. Nachdem Kamerun gegen Spanien die Goldmedaille geholt hatte, belohnte Präsident Paul Biya das ganze Volk mit drei Staatsfeiertagen.

Inzestuöse Beziehungen

Während also die Politik durch den Eingriff auf das Terrain des Fußballs eine probate Möglichkeit sieht, die eigene Machtposition zu stärken, häufen sich gerade im Vorfeld der erstmaligen Austragung einer Fußballweltmeisterschaft in Afrika die kritischen Stimmen, dass genau darin eines der Grundprobleme der kontinentalen Wettbewerbsfähigkeit liegt. "Die inzestuösen Beziehungen zwischen Fußball und Politik erklären über weite Strecken das bisher unheilbare Übel", schreibt Marwane Ben Yahmed in einem bissigen Kommentar für die Monatszeitschrift Jeune Afrique. "Experten mit politischem Kalkül, Sportminister und Verbandsverantwortliche beschäftigen sich nur mit der Abwehr eigener Konsequenzen im Falle einer Niederlage. Für sie ist nur die Sicherung der Privilegien von Bedeutung. Es genügt der Blick in ihre Lebensläufe, um zu durchschauen, dass sich das Verständnis vom Fußball auf Spiele vor dem Fernseher beschränkt – mit einem Bier oder Soda in der Hand." Darunter stöhnt nicht nur die Elfenbeinküste, wo der Bosnier Vahid Halilhodzic kurzerhand als Teamchef abgesägt wurde. In 23 Spielen unter seiner Leitung waren die "Elefanten" unbesiegt geblieben, ehe sie im Viertelfinale des CAN 2010 den Algeriern unerwartet unterlagen. Ähnlich die Vorgangsweise im WM-Teilnehmerland Nigeria. Shaibu Amodu, einer der wenigen Trainer in Afrika mit afrikanischer Herkunft, musste seine Aufbauarbeit dem Schweden Lars Lagerbäck übergeben. Auch Amodu hat eine Niederlage beim CAN in Angola, das 0:1 gegen Ghana im Halbfinale, ohne viel Umschweife das Amt gekostet.

Die Nervosität steigt also merklich an. Und sie ist nicht nur an der allgemeinen Sorge um den schleppenden Verkauf der Eintrittskarten abzulesen, sondern auch an der zunehmend fragwürdigen Kommunikationspolitik der FIFA-Organisationsverantwortlichen. Während globale Sportartikel- und Getränkehersteller klischeehafte Kampagnen hochpolieren, etwa indem vor afrikanischer Kulisse der WM-Ball "Jabulani" Kinderaugen erstrahlen lässt und ein Erfrischungsgetränk mit dem Staraufgebot von Messi, Henry und Kaká ganze Dörfer zum Kicken bringt, werden Politik und Verbände immer wortkarger. Der südafrikanische Journalist Azad Essa berichtete unmittelbar nach der Pressekonferenz im Moses-Mabhida-Stadion in Durban davon, dass die PR-Darbietung genau 100 Tage vor Eröffnung des mit Freude erwarteten Ereignisses zwar keinerlei Kosten gescheut hatte, den brennenden Fragen aber offensichtlich aus dem Wege ging. FIFA-Präsident Sepp Blatter holte wieder einmal gegen die internationale Skepsis aus, betonte die Gewährleistung der Sicherheit und unterstrich, im Einklang mit Südafrikas Vizepräsidenten Kgalema Mothlante, die Bedeutung des Events für die Einheit der Nation. Dass insbesondere dafür sportliche, ökonomische und auch soziale Fragen Beachtung finden müssen, sollte sich spätestens seit dem Afrika-Cup 2010 herum gesprochen haben. Denn schon vor dem Auftakt in Luanda und dem tödlichen Anschlag auf die Eqipe von Togo wurde über Angola hinaus ein öffentlicher Unmut sichtbar, dass die Mehrheit der von schwerer Armut betroffenen Menschen keinen Nutzen von dem Ereignis habe.

Das Schweigen der FIFA

Und auch in Südafrika sind die Probleme nicht unter den Tisch zu kehren. Tausende – zu fragwürdigen Bedingungen – am Bau Beschäftigte verlieren ihren Job, weil die Errichtung der Infrastruktur bald abgeschlossen ist. Für sie gibt es keinen sozialen Plan. Stattdessen werden weite Bereiche im Umkreis der Stadien als Trademark-Zonen definiert, die schon vorab, wie etwa in Kapstadt, eine Belebung der Straßen per Copyright-Dekret mit schweren Sanktionsandrohungen untersagen. Das ruft erste zivilgesellschaftliche Proteste auf den Plan. "Wir alle wollen anlässlich der WM afrikanische Kultur erleben, Musik und auch einen vielfältigen Handel auf den Straßen", meint etwa Pat Horn, Koordinatorin der Initiative Streetnet International. Und tatsächlich ist der informelle Verkauf von Lebensmitteln und handwerklichen Produkten in Afrika oft die einzige Option, in irgendeiner Form vom Massenzulauf bei Großveranstaltungen zu profitieren. Doch dazu herrscht in den Reihen der FIFA Schweigen.

Kurz vor Auslosung der WM-Endrunde wurde ein Appell der südafrikanischen Ikone Nelson Mandela in die weltweite TV-Übertragung eingespielt. "Möge die WM 2010 beweisen, dass sich der Einzug der Freiheit in Afrika gelohnt hat!", erklärte Mandela. Es bleibt nur mehr sehr wenig Zeit, den Nachweis zu erbringen, dass der diesbezügliche Pessimismus unbegründet ist. Vor allem verdient es der afrikanische Fußball, dass seiner eindrucksvollen Leistung, von der immer mehr europäische Klubs aufgrund ihrer afrikanischen Galionsfiguren Woche für Woche profitieren, auch in den strukturellen Grundlagen Rechnung getragen wird. Vermutlich lässt sich auch deshalb ein unerbittlicher Kritiker wie Marwane Ben Yahmed die Zuversicht nicht nehmen: "Wenn der afrikanische Fußball nur aufhören würde, auf dem Kopf zu gehen, dann dürfte er von den verrücktesten Siegeszügen träumen."

 

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