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Kaiserrock und Lederhose

Ein kritischer Bericht zur O√Ė. Landesausstellung 2008

Von Martin Wassermair. Erschienen in: KUPF-Zeitung, Nr.127, Oktober 2008

Soziale K√§mpfe sind auf der Kurzstrecke des Sachkundeunterrichts nicht vorgesehen. Das Weltverst√§ndnis der Landesausstellung sucht seine Erf√ľllung in der metaphysischen Deutung von Kuriosit√§tensammlungen. Da zeugt ein √ľberdimensionaler Schild von der Allgegenwart der k.k. Forstverwaltung, begleitet von einer Aneinanderreihung ihrer Kontexte entrissener Sinnspr√ľche, die von Generation zu Generation weiter getragen werden: "Drei Finger im Salzfass ist der Bauern Wappen."

Mit der Landesausstellung 2008 verliert Ober√∂sterreich nicht allzu viele Worte. Nach Auffassung des Regionalmarketings spricht das "Salzkammergut" als Dachmarke f√ľr sich selbst. Als Erz√§hlung von einem Wunderland, in dem Tradition und Eintracht Jahrhunderte √ľberdauern – und bei deren Inszenierung vor allem Geld keine Rolle spielt. Ein Augenschein der Sprachlosigkeit im Schloss Orth.


"Brot und Salz, Gott erhalt's." Schon der Eingangsbereich vermerkt sehr deutlich, dass f√ľr das Dasein auf Erden eine himmlische Ordnung anzurufen ist. Einer mehr diesseitigen Ordnung sei es gedankt, dass das "Camergut des Salzes" zu Beginn der Neuzeit √ľberhaupt Beachtung finden konnte. Die Gewinne des Hauses Habsburg erzielten schon damals beachtliche Dimensionen. Wenig verwunderlich also, dass Josef II. 1783 alle Kammerg√ľter zu staatlichem Besitz erkl√§rte. Der Kapitalismus erreichte seine erste Hochform, schickte geschundene Gestalten in lichtarme Stollen und lie√ü mit dem Salz vor allem auch satte Profite zu Tage f√∂rdern. Wer Gott und die Knute der Autorit√§ten f√ľrchtet, nimmt das Elend oft stillschweigend auf die Schultern. Die Landesausstellung zwingt einen allerdings in die Knie, um einen ungef√§hren Eindruck von den Lebensrealit√§ten zu erhalten. Die "Last der F√ľderltr√§ger", so gibt der Kinderlehrpfad auf halber H√∂he Auskunft, habe angesichts der 60 Kilogramm schweren Gef√§√üe tats√§chlich gro√üe k√∂rperliche Anstrengungen erforderlich gemacht. Wie lange ist das auszuhalten? Wird da das Aufbegehren nicht nachgerade unausweichlich?

Doch soziale K√§mpfe sind auf der Kurzstrecke des Sachkundeunterrichts nicht vorgesehen. Das Weltverst√§ndnis der Landesausstellung sucht seine Erf√ľllung offenkundig in der metaphysischen Deutung von Kuriosit√§tensammlungen. Da zeugt ein √ľberdimensionaler Schild von der Allgegenwart der k.k. Forstverwaltung, begleitet von einer Aneinanderreihung ihrer Kontexte entrissener Sinnspr√ľche, die von Generation zu Generation weiter getragen werden: "Drei Finger im Salzfass ist der Bauern Wappen." Mehr Klarsicht schaffen die wuchtigen Portraits des jungen Kaisers Franz Joseph und seiner Gemahlin Sissi. Um auch r√§umlich entsprechend dick aufzutragen, hat das Linzer Landesmuseum einen prunkvollen Fauteuil bereit gestellt. Nicht mitgeliefert wurde jedoch eine Beleuchtung oder gar Vermittlung historischer Zusammenh√§nge. Vielleicht soll die Leihgabe auch gleich die Frage f√ľr unzul√§ssig erkl√§ren, ob derartige Insignien der Herrschaft als Symbole der Unterdr√ľckung gelesen werden m√ľssen. Stattdessen kommen die Besucher und Besucherinnen in den Anschauungsgenuss von historischen Utensilien zur Besteigung hoher Berge, von Skiern und Gehst√∂cken, von Sonnenschirmen und Regenschirmen. Die Landesausstellung hat keine M√ľhen gescheut, detailgetreue Hotelzimmer f√ľr die Sommerfrische einzurichten - in den Hauptrollen ein Waschkrug und ein Handtuchhalter.

Im Salzkammergut ist man schlie√ülich gern zu Gast. So beschw√∂rt es die Leitausstellung im Schloss Orth, weil es ja auch Franz Joseph I. schon zu sch√§tzen wusste. Er verbrachte von den 86 Sommern seines Lebens genau drei nicht in der Idylle der Seenlandschaft. 1878, 1915 und 1916. Wolken √ľber der Region? Der Himmel verdunkelt sich allerdings nicht mit dem Hinweis, dass die kriegerische Expansion des Kaiserhauses 1878 nach Bosnien und Herzegowina griff. Deren gewaltvolle Besetzung legte einen entscheidenden Grundstein f√ľr das Attentat in Sarajevo und damit f√ľr das gro√üe Morden des Ersten Weltkriegs, der 1915 und 1916 bereits Millionen in den Tod der Schlachtfelder Europas marschieren lie√ü. Die Zeitl√§ufte kennen kein Erbarmen. Die Landesausstellung 2008 ist jedoch um ein unaufgeregtes Augenma√ü in der Abbildung bem√ľht. Die "politische Katastrophe des NS" titelt der Eintritt in das finsterste Kapitel des 20. Jahrhunderts, nach dem Erinnern an das Konzentrationslager Ebensee sucht man allerdings vergeblich. Die Schautafeln bringen dann schon eher die bis heute weit verbreitete Fassungslosigkeit zum Ausdruck, warum die Anpassungsbereitschaft der vielen J√ľdinnen und Juden, die in der Sommerfrische des Salzkammerguts Ruhe und Ausgleich finden wollten, nicht auf das Wohlwollen der ortsans√§ssigen Bev√∂lkerung gesto√üen sind. Dabei l√§sst sich mit reichlichem Dokumentationsmaterial belegen: "Sie waren nicht zu unterscheiden, passten sich in Kleidung und Wohnstil den regionalen Gegebenheiten an."

Theodor Billroth, Gustav Klimt, Fritz L√∂hner-Beda, Arnold Sch√∂nberg. In Lederhosen sollten sie doch gerne gelitten sein. Ob die Gr√∂√üen des √∂sterreichischen Kultur- und Geisteslebens je auch eine Waffe gegen Sch√ľtzenscheiben gerichtet haben, die nun mit skurrilen Titeln in den heimatkundlichen Schaur√§umen zu bestaunen sind? "Frau mit Hut" weist jedenfalls eine gro√üe Menge Einschussl√∂cher auf – und weckt Assoziationen an ein Psychogramm, das tief in das verst√∂rte Innere einer traditionsreichen Region blicken l√§sst. Doch die Landesausstellung weicht nicht vom Kurs ab und erz√§hlt im Schloss Orth beschwingt von Vogelf√§ngern und Wilderern, von Huttr√§gern und Fetzenleuten. "Das Salzkammergut ist die vielf√§ltigste und lebendigste Brauchtumslandschaft √Ėsterreichs". Wer verliert da noch allzu viele Worte?

KUPF