Home » Texte » Keine Kompromisse mehr!

Keine Kompromisse mehr!

Das 15. Transmitter-Festival erklärt Hohenems von 7. bis 11. Juni zum Schauplatz der Kampftage gegen Armut und Bildungsnot

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kultur. Zeitschrift f√ľr Kultur und Gesellschaft, Nr.5, Juni 2006

Konflikte im Hinblick auf die Verteilung von Ressourcen und Wohlstand, von Zug√§ngen zu Wissen, Information und Bildung sowie von Beteiligungsm√∂glichkeiten an politischen Prozessen sind in √Ėsterreich l√§ngst Bestandteile der gesellschaftlichen Realit√§t. Es ist also nicht mehr zu leugnen, dass nun auch in einem der reichsten L√§nder der Erde die Armut immer st√§rker um sich greift.
Plakat Kampftage, 7. - 11. Juni 2006 Plakat Kampftage, 7. - 11. Juni 2006

"Jugend, zu den Waffen!", ruft die 25-j√§hrige und √ľber Frankreich hinaus bekannte Rapperin Diam's im Fr√ľhjahr 2006 ihren oftmals noch j√ľngeren Fans unerm√ľdlich zu. Solcherart Songtexte meinen nicht den Griff zu Machete und Pistole, sondern erinnern lautstark daran, dass schon vor Jahrhunderten Rechtlosigkeit, Not und Unterdr√ľckung nur in einem gro√üen gesellschaftlichen Kampf √ľberwunden werden konnten. Sie will aber auch der Generation der Eltern und Gro√üeltern vor Augen f√ľhren, dass schon die revolution√§re Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Br√ľderlichkeit von einem Schlachtruf begleitet war, der bis heute in der franz√∂sischen Nationalhymne zu h√∂ren ist: "B√ľrgerinnen und B√ľrger, zu den Waffen!"

Damals wie heute bezeichnet dieser Kampf eine Kompromisslosigkeit, die angesichts einer zunehmenden Verelendung der Massen, von Perspektivlosigkeit und Zukunfts√§ngsten, nicht mehr nur den vielen Tausenden Menschen in den Stra√üen von Berlin, Paris und Br√ľssel unausweichlich scheint. Denn obwohl Regierung und Sozialpartnerschaft den Menschen vorgaukeln, dass zwischen Wirtschaftswachstum und einer nationalen Eintracht f√ľr gesellschaftliche Zerw√ľrfnisse und Gegens√§tze kein Platz vorgesehen ist, wird auch in √Ėsterreich eines immer deutlicher: Konflikte im Hinblick auf die Verteilung von Ressourcen und Wohlstand, von Zug√§ngen zu Wissen, Information und Bildung sowie von Beteiligungsm√∂glichkeiten an politischen Prozessen sind hier zu Lande l√§ngst Bestandteile unserer gesellschaftlichen Realit√§t. Es ist also nicht mehr zu leugnen, dass nun auch in einem der reichsten L√§nder der Erde die Armut immer st√§rker um sich greift.

Dabei handelt es sich bei der Anzahl jener, die mittlerweile unterhalb des Existenzminimums ihr Dasein fristen m√ľssen, lediglich um die Spitze eines Eisbergs. Alleine der massive politische Umbau in der Bildungslandschaft der vergangenen Jahre wird eine in ihrer gesamten Tragweite heute noch gar nicht abzusehende Verarmung der Informations- und Wissensgesellschaft, in der wir alle leben, nach sich ziehen. Vor allem Jugendliche bekommen es zu sp√ľren, dass mittlerweile mehr √ľber Elite-Universit√§ten gesprochen wird, als √ľber die Herausforderungen, auf dem Bildungssektor faire und gleiche Chancen f√ľr alle zu schaffen.

Junge Menschen erleben heute aber den Trend zur Armut auch in vielen anderen Alltagssituationen: Wo kann ich eigentlich noch ohne Konsumzwang eine Party besuchen? Muss ich tats√§chlich f√ľr 5 Jahre ins Gef√§ngnis, wenn ich Filme aus dem Internet kopiere, weil ich mir die Kinokarten auf Dauer nicht mehr leisten kann? Wie erkl√§re ich es dem Gesch√§ftsf√ľhrer meines Halbtagsjobs, dass meine vielen √úberstunden eine finanzielle Abgeltung verlangen, ich aber bislang keinen Arbeitsvertrag erhalten habe?

Es gibt bislang kein Konzept der Armutsbek√§mpfung, das die Gesamtheit dieser Aspekte ber√ľcksichtigt. Dem Problem der anwachsenden Kluft zwischen jenen, die ihr Verm√∂gen h√§ufen und immer reicher werden, und jenen, die auf Grund der allm√§hlichen Aufl√∂sung der sozialen Strukturen in den europ√§ischen Wohlfahrtsgesellschaften immer mehr verarmen, ist mit der Hoffnung auf ein Aufwachen von Parteien, Gewerkschaften und Kirchen nicht beizukommen. Im Gegenteil: Als integraler Bestandteil einer durch das Christentum gepr√§gten Kultur ist auch die in √Ėsterreich sehr beliebte Form der Mildt√§tigkeit ein Ph√§nomen, das insbesondere in Krisen- und Katastrophenf√§llen durch ein weit verzweigtes System des Spendenwesen zum Tragen kommt (siehe z.B. die ORF-Aktion "Nachbar in Not"). Vor allem das Hilfswerk der Caritas tr√§gt dazu bei, Armut sichtbar und zugleich zu einem ertragreichen Business der Gewissensnot zu machen, ohne dabei auch nur ann√§hernd deren Wurzeln zu bek√§mpfen.

Mit dem inhaltlichen Schwerpunkt "Kampftage gegen Armut und Bildungsnot" setzt das Transmitter-Festival 2006 in seinem k√ľnstlerischen Programm ein deutliches Zeichen, das die zuvor angesprochene Kompromisslosigkeit zum Ausdruck bringen soll. Es soll aufgezeigt werden, dass Armut keineswegs als unausweichliches Schicksal zu betrachten ist, sondern als eine fundamentale Missachtung von Grund- und Menschenrechten.

Aus diesem Grunde darf Menschen, die - im oben genannten vielseitigen Sinne - in Armut bzw. Ressourcenknappheit leben, nicht mit einer g√∂nnerhaften Geste der N√§chstenliebe im Kapitalismus begegnet werden. Politisches Handeln muss, gleich ob in der Dorfgemeinde, in einem Bezirk oder im Bundesland, darauf abzielen, dieses Paradigma der g√§ngigen Armutsklischees zu brechen und zu dekonstruieren. Daf√ľr konnten auch junge K√ľnstlerinnen und Aktionsgruppen gewonnen werden. Esther Straganz und Elke Auer besch√§ftigen sich in ihrem Projekt "Working On Fire" mit den Lebensrealit√§ten von M√§dchen und jungen Frauen in Hohenems und werden die Ergebnisse ihrer Interview-Serie auditiv dokumentieren und im freien Radio Proton ver√∂ffentlichen. Die "Gruppe WEG" sowie auch die "United Aliens" werden sich im Rahmen von Workshops und Aktionen im √∂ffentlichen Raum mit der Frage von √úberlebensstrategien und Widerstandsformen besch√§ftigen. Einen H√∂hepunkt verspricht die Einrichtung des ersten Kost-Nix-Ladens in Vorarlberg.

Armut und Bildungsnot machen keinen schlanken Fu√ü, sondern ziehen Verzweiflung, Wut und Zorn nach sich. Das Transmitter-Festival 2006 er√∂ffnet √ľber die Veranstaltungstage (7. – 11. Juni 2006) hinaus die M√∂glichkeit, Denkanst√∂√üe zu bieten, Modelle einer politischen und k√§mpferischen Selbsterm√§chtigung vorzustellen, wichtige k√ľnstlerische und mediale Vermittlungskan√§le einzurichten und das √∂ffentliche Bewusstsein damit nachhaltig zu sch√§rfen. Das l√§sst vielleicht auch in diesem Umfeld eine gr√∂√üere H√§ufigkeit von Kampfansagen in den Songtexten gegen die neoliberale Wirklichkeit und damit gegen Unterdr√ľckung, Perspektivlosigkeit und jugendliche Zukunfts√§ngste erwarten.