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Die Kirchen des Gewesenen

Kulturelles Welterbe und identitäre Abwehr

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Konrad Becker, Martin Wassermair (Hrsg.), Phantom Kulturstadt. Texte zur Zukunft der Kulturpolitik II, Löcker Verlag (2009)

Europas extreme Rechte hat im Ringen um die politischen Paradigmen den Taktstock √ľbernommen. Konservative wie auch sozialdemokratische Kr√§fte verhalten sich dieser Entwicklung gegen√ľber wie die Getriebenen. In den St√§dten, den unmittelbarsten Austragungsorten sozialer Gegens√§tze und Konflikte, sind Strategien gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit jedenfalls Mangelware und – sofern vorhanden – eher Teil des Problems als ein ernstzunehmender Ansatz zu dessen L√∂sung.

Der Zwang, einem Objekt der Begierde nahe sein zu m√ľssen, es zu umschlingen und zu besitzen, erweist sich oft als grausame Qual. Wenn sich die von Gewittern aufgew√ľhlte Welt dann auch noch zunehmend verengt, verf√§ngt sich der Wahn in einem kognitiven K√§fig, aus dem es letztlich kaum ein Entrinnen gibt. "Die tote Stadt" nannte Erich Wolfgang Korngold seine in drei Bildern komponierte Oper, deren Hauptrolle in ein √§hnliches Martyrium ger√§t. Die Handlung spielt gegen Ende des 19. Jahrhunderts, irgendwo in Br√ľgge. Hierher verschl√§gt es Paul nach dem Tod seiner geliebten Frau, weil er sich, von der tiefen Trauer schwer gezeichnet, in der Tristesse der alten Handelsstadt am besten aufgehoben w√§hnt. Als R√ľckzugsgebiet dient ihm ein kleines Zimmer. Der Protagonist nennt sein d√ľrftiges Refugium die "Kirche des Gewesenen", um seine seelische Not mit einer sakralen Aura zu umrahmen. Jedoch ger√§t Paul in einen verh√§ngnisvollen Sog von Erscheinungen und Visionen, in eine rasende Wut, die ihn, der sich nicht mehr zu z√ľgeln wei√ü, in den Tr√§umen sogar zum M√∂rder werden l√§sst. Der einzig verbliebene Freund weist ihm am Ende den Ausweg, um sich von der Pein der Obsessionen zu befreien. Paul muss Br√ľgge, die tote Stadt, umgehend verlassen.

Eine tote Stadt. 1920 setzte Korngold, das "Wunderkind der Komposition", den Auftakt zu einem gro√üen Welterfolg. Und auch drei√üig Jahre zuvor hatte Bruges-la-Morte, die Romanvorlage des belgischen Schriftstellers Georges Rodenbach, bei reichlichem Applaus einen wichtigen Beitrag zur internationalen Etablierung des Symbolismus leisten k√∂nnen. Diese zur Jahrhundertwende noch junge Kunstform zielte nicht darauf ab, das Publikum mit einer bek√∂mmlichen Erz√§hl- und Darstellungsweise zu erfreuen, sondern forderte anhand einer Skulptur von Andeutungen zur eigenst√§ndigen Erkenntnis auf. Anders verh√§lt es sich bei jenen Sch√ľlerinnen und Sch√ľlern, die Anfang 2009 losgeschickt wurden, um sich auf eine ganz besondere Spurensuche zu begeben. Dabei stand nicht die Erkenntnis als Ansporn zur individuellen Nachdenkleistung im Vordergrund, ganz im Gegenteil. "Kulturerbe. Tradition mit Zukunft" lautete bereits zum f√ľnften Mal die hermeneutische Vorgabe der Schulaktion, einer gemeinsamen Initiative des Bundesministeriums f√ľr Unterricht, Kunst und Kultur, der √Ėsterreichischen UNESCO-Kommission sowie des Bundesdenkmalamts. Wer also, wie in der Ausschreibung zu lesen war, der "Bedeutung und Erhaltungsw√ľrdigkeit des kulturellen Erbes" mit kreativen Projekten zu innovativer Sichtbarkeit verhelfen konnte, wurde letztlich mit einem Preis bedacht.

Was am Ende dabei sichtbar wurde, ist hier nicht von Interesse. Viel eher muss ein Trend Beachtung finden, der in dieser Vermittlungsoffensive zur materiellen und immateriellen Denkmalpflege zum Ausdruck kommt. Was genau wird damit bezweckt, kulturelle √úberlieferung wie einen verbindlichen Imperativ von Generation auf Generation zu √ľbertragen? Warum glorifizieren Bildungseinrichtungen, deren Aufgabe es ist, die Heranwachsenden mit einem intellektuellen, vor allem aber reflexiven R√ľstzeug f√ľr die Zukunft zu versehen, die Hinterlassenschaften der Vergangenheit? Seit geraumer Zeit durchl√§uft eine wachsende Anzahl europ√§ischer St√§dte einen Fitness-Parcours, um, wie in den Handb√ľchern des neuen st√§dtischen Managements zu lesen ist, die outstanding cultural performance zu verbessern. Beim Drang nach kultureller Profilierung ist ihnen jedoch nicht daran gelegen, der kulturellen Vielfalt, die sich als Resultat von Globalisierung und Migration in das Gef√ľge von urbanen Gesellschaften eingeschrieben hat, mit ad√§quaten Ma√ünahmen gerecht zu werden. Den Visionspapieren der Kommunalverwaltungen ist wenig zu entnehmen, dass die Zugezogenen – ihrem Anteil an der Gesamtbev√∂lkerung entsprechend – bei der architektonischen Gestaltung ihrer Lebensmittelpunkte zu involvieren sind. Ebenso wenig wird ber√ľcksichtigt, dass globale Ver√§nderungen, die sich im heterogenen Mikrokosmos der St√§dte widerspiegeln, auch Beteiligungsm√∂glichkeiten an der Gestaltung schulischer Rahmenbedingungen sowie eine selbstbestimmte Aneignung von √∂ffentlichem Raum und Medien erfordern.

Abendland von Christenhand? Europas extreme Rechte, die den "Kampf der Kulturen" mit zunehmend aggressiven T√∂nen auf ihre Fahnen schreibt, hat im Ringen um die politischen Paradigmen den Taktstock √ľbernommen. Konservative wie auch sozialdemokratische Kr√§fte verhalten sich dieser Entwicklung gegen√ľber wie die Getriebenen. In den St√§dten, den unmittelbarsten Austragungsorten sozialer Gegens√§tze und Konflikte, sind Strategien gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit jedenfalls Mangelware und – sofern vorhanden – eher Teil des Problems als ein ernstzunehmender Ansatz zu dessen L√∂sung. √Ėsterreich ist da kein Einzelfall. Das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen will mit der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 "Europa eine Seele geben". Die Stadt, so wird in den Konzepten als Losung ausgegeben, muss sich als "europ√§ische Kulturleistung ersten Ranges" begreifen, als ein konstitutiver Ort, der das "kulturelle Potential zu aktivieren versteht". Dieses Potential verberge sich in der historisch gewachsenen "Topographie", in der kulturellen und politischen Struktur "europ√§ischer Gesellschaften". Derartige Postulate folgen der Vorstellung, dass Kulturpolitik, die sich der Herstellung einer europ√§ischen Bev√∂lkerung verpflichtet f√ľhlt – und anders kann hier die "Seele" nicht gedeutet werden –, eine zentrale S√§ule der Demokratisierung bilde. Dieses Verst√§ndnis ist irref√ľhrend und verschleiert den Umstand, dass die Kulturalisierung des urbanen Marketings vor allem neue Qualit√§ten gouvernementaler Verh√§ltnisse nach sich zieht.

Wenn also die Stadt, die sich als "Kulturleistung ersten Ranges" positioniert, auf eine Topographie verweist, welche wiederum – und an diesem Punkt nimmt das Get√∂se von Politik und Medien um das kulturelle Erbe eine geradezu entlarvende Rolle ein – der Konstruktion Europas als psycho-sozialer Kontext dienen soll, werden identit√§re Trennlinien gefestigt und weiter fortgeschrieben. Durch die √úberbetonung des Pr√§dikats Europ√§isch, das bei √Čtienne Balibar, seit vielen Jahren philosophisches Aush√§ngeschild der globalisierungskritischen Multitude, als Konstruktion einer "fiktiven Ethnizit√§t" kritische Erw√§hnung findet, wird vor allem das Nicht-Europ√§ische sichtbar gemacht. Das spielt nicht nur auf nationalstaatlicher und supranationaler Ebene den Abwehrphantasien der extremen Rechten gegen Zuwanderung und fremde Einfl√ľsse in die H√§nde, sondern gef√§hrdet als schleichender Normalzustand den sozialen und kulturellen Ausgleich innerhalb kommunaler Gemeinschaften.

Dabei gilt nicht als gef√§hrlich, wer sich dieser Anschauung mit restriktiven Fremdengesetzen, erweiterten Polizeibefugnissen und immer neuen Vorschriften zum Erhalt der baulichen Substanz von Europas Identit√§t verschreibt. Abzuwehren ist, wer die allgemein verbindlichen Deutungssysteme in Frage stellt, deren Zeichen und Symbole negiert und mit Interventionen irritiert und verst√∂rt. Im Herbst 2008 gingen in ganz Frankreich die Wogen der Emp√∂rung hoch, als der US-amerikanische Objektk√ľnstler Jeff Koons mit einer Werkschau in die ehemals k√∂niglichen Appartements des Schlosses von Versailles geladen war. Ein bonbonroter Hund von surrealistischer Gr√∂√üe, ein Playboy-Hase sowie die Installation eines in Neobarock gehaltenen Michael Jacksons aus Porzellan verfolgten lediglich die Absicht, die zur Konvention geratene Wahrnehmung der Abbildung von Herrschaftsgeschichte mit kitschiger Affirmation zu konfrontieren. Wochenlange Proteste waren die Folge, nicht zuletzt auch aus den Reihen namhafter Kulturschaffender. Ihr lautstarker Einwand: Koons, der immerhin seit 2001 dem ausgew√§hlten Kreise der franz√∂sischen  Ehrenlegion angeh√∂rt, habe das Kulturerbe beschmutzt und dabei die Grande Nation genau am Lebensnerv getroffen.

Normabweichung wird in den Kirchen des Gewesenen nicht geduldet. Das musste Erich Wolfgang Korngold als Jude besonders schmerzvoll zur Kenntnis nehmen, bevor er 1935 in die Vereinigten Staaten emigrierte, um sich dem nationalsozialistischen Terror, vor dem er auch in Wien immer weniger sicher war, nicht weiter auszusetzen. Die rasende Wut, der schon wenig sp√§ter das T√∂ten in den St√§dten folgte, konnte ihn nicht mehr erreichen. Ungeachtet der historischen Br√ľche, der politischen Verwerfungen und Friktionen, hat sich das Wien der Nachkriegszeit nie f√ľr einen radikalen Neuanfang entschieden, sondern h√§lt bis heute unbek√ľmmert an den schillernden Kontinuit√§ten seiner Besitzungen an Pal√§sten, H√§userfassaden und imperialen Mythen fest. Das kulturelle Erbe sei – so die offizielle Verteidigungslinie der UNESCO – das ideelle Eigentum der Menschheit und somit von Weltgeltung, weshalb neben der Erhaltung der physischen Substanz auch der sch√ľtzende Schirm einer entsprechenden Bewusstseinslage aufzubauen ist. Der kognitive K√§fig, der sich hier pl√∂tzlich auft√ľrmt, entpuppt sich allerdings als kulturpolitische Trutzburg, deren Festungsmauern gegen eine Welt hochgezogen werden, die schon seit langem in das Visier der Hassparolen gegen Asyl- und vor der Misere Zufluchtsuchende geraten ist. √úbergriffe der Exekutive, Misshandlung und verbale Aggressionen, zeichnen sich tagt√§glich auch vor den Kulissen des kulturellen Welterbes ab. Als w√§ren sie unber√ľhrbar und sakrosankt, wird Kulturst√§tten ein weit reichender Schutz zuteil, den der Staat bei der Auslegung von Menschenrechten nur mit zweierlei Ma√ü gew√§hrleistet. Wer hier ein Umdenken verlangt, dem vor allem auch strukturelle Beseitigungen von Rassismen und Diskriminierung folgen, muss die Kirchen des Gewesenen zum Einsturz bringen. Das h√§tte Zukunft, abseits der als Erbe herumgereichten Traditionen. Vielleicht gelangte eines der zur kreativen Innovation angehaltenen Schulprojekte mit einer √§hnlich lautenden Schlussfolgerung zum Erfolg. Die pr√§mierte Unternehmung durfte sich √ľber 1.500 Euro freuen.