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Den Mächtigen eine lange Nase drehen ...

Taktische Netz- und Medienkultur als politische Positionierung.

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Ljubomir Bratic, Daniela Koweindl, Ula Schneider (Hrsg.), Allianzenbildung. Zwischen Kunst und Antirassismusarbeit: Annäherungen, Überschneidungen, Strategien, Reflexion, Wien (2004)

Festungsmauern der M√§chtigen sind heute nicht mehr so leicht auszumachen. Die einstmals steinernen Fundamente haben l√§ngst schon der digital-vernetzten Verf√ľgung √ľber Wissen und Information Platz gemacht. Medien- und Telekom-Konzerne weiten ihre Hightech-Hoheit unabl√§ssig auf die K√∂pfe und die Wahrnehmungswelt der Menschen aus, die immer mehr Gefahr laufen, von der massenmedialen Wirkungsbreite des Mainstream erstickt zu werden.

Die Kontroll- und Herrschaftsarchitektur des Medien- und Informationszeitalters blickt auf einen tiefgreifenden Wandel zur√ľck. Fr√ľher waren es Pal√§ste, pomp√∂se Regierungssitze und reichlich ornamentierte Unternehmenszentralen in den Prunkbauten der St√§dte, die Macht, Unnahbarkeit und Hegemonialgewalt zur Schau stellen sollten. Wer sich dagegen auflehnte, begab sich am besten auf die Stra√üe, demonstrierte vor den Insignien der Unterdr√ľckung, errichtete Barrikaden, st√∂rte damit das reibungslose Funktionieren der Institutionen und erk√§mpfte - so weitreichend wie m√∂glich - vor allem auch √∂ffentliche R√§ume.

Festungsmauern der M√§chtigen sind heute nicht mehr so leicht auszumachen. Die einstmals steinernen Fundamente haben l√§ngst schon der digital-vernetzten Verf√ľgung √ľber Wissen und Information Platz gemacht. Medien- und Telekommunikationskonzerne weiten ihre Hightech-Hoheit unabl√§ssig auf die K√∂pfe und die Wahrnehmungswelt der Menschen aus, die immer mehr Gefahr laufen, von der massenmedialen Wirkungsbreite des Mainstream erstickt zu werden. In arge Bedr√§ngnis geraten ist vor allem auch der mediale Raum, in dem sich √∂ffentliche Kommunikation und gesellschaftspolitische Diskurse realisieren k√∂nnen. Corporate Identity ist auch hier das neoliberale Zauberwort, mit dem sich die so genannten Global Player in der Kultur- und Unterhaltungsindustrie zunehmend der √Ėffentlichkeit bem√§chtigen. Eine v√∂llige Beseitigung ist auch in √Ėsterreich keineswegs mehr auszuschlie√üen.

Somit trifft zu, was im Rahmen von living room - SOHO einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Medien als politische R√§ume als Postulat vorangestellt wurde: √Ėffentlichkeit ist unter den beschriebenen Voraussetzungen tats√§chlich ein in unseren Gesellschaften stark umk√§mpftes Territorium. Wer au√üerhalb von Staat und Markt mit Medien arbeitet und Zug√§nge zu einer kritischen und partizipativen Medienpraxis frei zur Verf√ľgung stellt, nimmt folgerichtig auch politische Gegnerschaft in Kauf. Doch welche Schl√ľsse sind daraus zu ziehen? Welche Handlungsm√∂glichkeiten gibt es?

In ihren √úberlegungen zum Elektronischen zivilen Ungehorsam zeigte sich das Critical Art Ensemble bereits vor Jahren davon √ľberzeugt, dass "die Stra√üe, soweit es um Macht geht, totes Kapital" sei, "wertlos f√ľr Staat und herrschende Klasse". Um mit dieser Einsicht Wirkung zu entfalten, sollten insbesondere aktivistische Strategien darauf abzielen, sich "irgendetwas anzueignen, das f√ľr ihre Gegner Wert und Bedeutung hat. Nur so kommen sie in die Lage, √ľber Ver√§nderungen verhandeln (oder gar sie fordern) zu k√∂nnen". Einen √§hnlich lautenden Zugang formuliert auch die auf Medien- und Kommunikationsguerilla spezialisierte autonome a.f.r.i.k.a. gruppe. Es brauche, so wird betont, "eine politische Positionierung, die sich nicht auf theoretische Analyse in den Begrifflichkeiten der Soziologie und Kulturtheorie beschr√§nkt, sondern auch in Bildern denkt und Zeichensysteme zu nutzen wei√ü". Und nicht zu vergessen: "Zorn und Genervtheit und der Wunsch, der Macht eine lange Nase zu drehen, f√ľhren oft wirksamer als rationales Nachdenken zum Erkennen der Bruchstellen und Widerspr√ľche im dominanten Diskurs."

Netz- und Medienaktivismus kann - noch umfassendere Betrachtungen sind im Buch Dark Fiber des Medientheoretikers Geert Lovink nachzulesen - auf verschiedenen Ebenen zur Anwendung gelangen. Eine Ebene sieht die Kommunikation innerhalb der Bewegung vor. Im Vordergrund steht dabei die Kommunikation in Mailinglisten und die Entwicklung von kollaborativen Plattformen zum internen Austausch von Ideen und Diskursbeitr√§gen, die wiederum f√ľr die taktische Ausrichtung von Bedeutung sind. Hinsichtlich der Bildung von Allianzen ist - auf einer zweiten Ebene - die Vernetzung zwischen Bewegungen und sozialen Gruppen dringend anzuraten. Das Ineinandergreifen verschiedener politischer Kontexte schafft zudem eine motivierende Umgebung, in denen auch neue Aktivit√§tsformen erprobt werden k√∂nnen, die von einer breiteren Basis getragen sind und dadurch auch mehr Wirkung entfalten k√∂nnen. Auf einer dritten Ebene er√∂ffnet die Nutzung des Internet die M√∂glichkeit, rein virtuelle Interventionen durchzuf√ľhren, die keine Bez√ľge zum realen Raum haben m√ľssen und daher in der Lage sind, durch ihre Unberechenbarkeit nachhaltige Irritationen zu erzeugen und durch tempor√§re St√∂rungen der kognitiven Gewohnheiten Nachdenkprozesse einzuleiten. Dazu noch einmal die autonome a.f.r.i.k.a. gruppe, die alle hier genannten Ebenen zueinander in Verbindung setzt. Eine Netz- und Medienkultur, die politische Position einnehmen will, ist demnach eng "verbunden mit Gegen√∂ffentlichkeit und bezieht sich auf Themen und Anliegen sozialer Bewegungen. In den letzten Jahren haben sich diese Bewegungen neue Technologien zu eigen gemacht, vom Handy √ľber die Nutzung (und F√§lschung) von zunehmend interaktiven Websites und Videos zum Live-Streaming."

Eindr√ľcke, wie das Verst√§ndnis einer taktischen Netz- und Medienpraxis im k√ľnstlerischen Feld zum Einsatz kommen kann, bietet seit Jahren das Kollektiv von 0100101110101101.ORG. Im Herbst 2003 entwickelte die Gruppe gemeinsam mit der Internet-Kulturplattform Public Netbase das Projekt nike ground. rethinking space, das weltweit f√ľr gro√ües Aufsehen sorgte. Das Konzept wurde f√ľr den Karlsplatz im Wiener Stadtzentrum entwickelt, der als Austragungsort eines Gedankenexperiments zu einer breiten - vor allem auch medialen - Diskussion anregen sollte. Vier Wochen lang suggerierte ein gl√§serner Hightech-Pavillon die unmittelbar bevorstehende Umbenennung des Karlsplatzes in Nike-Platz. Parallel zu einer Website und einer breiten Vermittlungskampagne in lokalen Leserbriefkolumnen k√ľndigte ein vor Ort weithin sichtbares Zeichen die Errichtung eines 36 Meter hohen Monuments in Gestalt des Firmenlogos an und l√∂ste erwartungsgem√§√ü heftige Reaktionen aus. Zahlreiche B√ľrger und B√ľrgerinnen wandten sich mit ihren Beschwerden an Politik und Medien, die auch umgehend √ľber einen "Riesen-Wirbel" um den Verkauf des Karlsplatzes berichteten. Die Frage, inwieweit der √∂ffentliche Raum, seine kulturelle Ausgestaltung einer aggressiven Aneignung durch Kapitalinteressen und deren Deutungsmacht √ľber die Symbole des Alltags zum Opfer fallen, hat damit tats√§chlich auch in Wien eine kontroversielle Debatte in Gang gesetzt.

Derartige Projekte, erkl√§rte der US-amerikanische Medientheoretiker Timothy Druckrey in der Kunstzeitschrift springerin in seiner Nachbetrachtung, "zeigen Schwachstellen auf, schaffen √Ėffentlichkeiten, √ľberdenken Pr√§senz, hinterfragen die Problematik des Eigentums und testen das Recht auf frei zug√§ngliche Informationen aus." Ihre Bedeutung sieht er vor allem in einer √∂ffentlichen und medialen Debatte "√ľber die 'andere' Seite der Macht, √ľber die Pr√§missen, anhand derer Kultur vermarktet und zusehends reguliert wird, sowie dar√ľber, dass Corporate Identity sich nicht einfach als Stellvertreter der √Ėffentlichkeit begreifen kann – oder als gegen die Auswirkungen ihrer Aktionen immun." Bei der politischen Positionierung durch Medienaktivismus gehe es schlie√ülich darum, "in technische und soziale Sph√§ren zu intervenieren, in Informations- und Kommunikationsr√§ume verschiedenster Auspr√§gungen", wobei immer auch "die Entmystifizierung von Systemen" im Mittelpunkt stehen muss.

Es ist kaum m√∂glich, ein simples und rundum gebrauchsfertiges Rezept f√ľr Medienaktivismus zur Wiederaneignung von √∂ffentlichen R√§umen anzubieten. Entscheidend ist vielmehr, dass Menschen sich Medien zu Nutze machen, um auf diesem Wege auch an einem Demokratisierungsschub in der Bedeutungsproduktion zu partizipieren. Eine schrittweise Wiederherstellung von √∂ffentlichen Interessen muss mediale R√§ume als Aktionsgebiete von √Ėffentlichkeiten jedenfalls noch mehr ins Auge fassen. Denn angesichts der Umk√§mpftheit dieses Territoriums ist gerade hier im Hinblick auf Allianzbildungen noch mehr konfliktuelle Intensit√§t erforderlich. Voraussetzungen, einer taktischen Netz- und Medienkultur zu mehr politischer Nachhaltigkeit in der Positionsfindung zu verhelfen, sind gegeben: "Die neuen Medientechnologien", schreibt Timothy Druckrey, "erzeugen pl√∂tzlich Geographien der Kognition, Rezeption und Kommunikation, Territorien, in denen sich Materialit√§t verfl√ľchtigt und die r√§umliche Lage relativ ist und in denen sich Pr√§senz durch Partizipation und nicht mehr durch Gleichzeitigkeit am selben Ort ausdr√ľckt." Es bleibt also zu hoffen, dass sich auch in √Ėsterreich den M√§chtigen bereits in absehbarer Zeit eine sehr lange Nase drehen l√§sst.


Quellen:

autonome a.f.r.i.k.a. gruppe, Kommunikationsguerilla РTransversalität im Alltag, in: Gerald Raunig (Hg.), Transversal. Kunst und Globalisierungskritik. Republicart 1, Turia + Kant (2003).

Critical Art Ensemble, Elektronischer ziviler Ungehorsam, in: nettime (Hg.), Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte, Edition ID-Archiv, Berlin (1997).

Timothy Druckrey, Kontaminierte Enklaven. √úberlegungen zum Verh√§ltnis von Kommerzialisierung und Dissens am Beispiel des Projekts "Nike Ground", in: springerin. Hefte f√ľr Gegenwartskunst, Band IX, Heft 4, Winter 2003.

Timothy Druckrey, C++, in: nettime (Hg.), Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte, Edition ID-Archiv, Berlin (1997).

Geert Lovink, Dark Fiber. Auf den Spuren einer kritischen Internetkultur, Opladen (2004).