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Maulfauler Marboe

Eigentlich sollte auch die Politik ein Interesse daran haben, was im Museumsquartier passieren wird.

Von Konrad Becker, Marie Ringler und Martin Wassermair. Erschienen in: Falter, 24. Mai 2000

Ein Politiker, der in berechtigter Abgrenzung zur FP├ľ nicht m├╝de wird, seine Impulswirkung f├╝r Wien und sein Eintreten f├╝r eine "offene; zukunftsorientierte Politik" zu preisen, sollte vor dem Impact des Museumsquartiers auf die umliegenden Stadtgebiete seine Augen nicht verschlie├čen.
Falter, 24. Mai 2000 Falter, 24. Mai 2000

Marboes Er├Âffnungsrede n├╝tzt den festlichen Moment. Er spricht vom "Segen und Fluch der K├╝nstler, die auch in Zukunft dieses Haus gestalten werden". Und er verweist auf die raue Atmosph├Ąre, die oft keine Schonung f├╝r die K├╝nstler kennt. Das Erfreuliche: ├ľffentliches Interesse wird damit auf die Befindlichkeit von Kunst gelenkt, die im Allgemeinen nicht allzu gro├če Wertsch├Ątzung erf├Ąhrt. Und dennoch schade. Dieser Appell nimmt nicht als Vision das Jahr 2001 vorweg, wenn im Museumsquartier in einem Halbjahresreigen die gro├čen Kunstinstitutionen er├Âffnet werden. Marboes Worte greifen zur├╝ck. Genauer in den November 1955, als es dem Leiter der Bundestheater Ernst Marboe vorbehalten war, mit der wieder errichteten Staatsoper nun auch ein Kultursymbol der Freiheit den ├ľsterreichern zum Geschenk zu machen.

Einen Marboe kennt auch die Gegenwart. Und wie schon zuvor der Vater wurde auch Peter Marboe ├╝ber den Weg der Diplomatie zu h├Âherer Verantwortung berufen. Kunst, Politik und kulturelle Wegbereitung iin ein Gef├╝ge von historischer Tragweite zu verzahnen, ist ihm allemal bekannt. Welches Museumsquartier macht er also den ├ľsterreichern zum Geschenk?

Das kulturelle Gro├čprojekt wurde an dieser Stelle bereits von Dietmar M. Steiner ("Die stille Debatte", Falter 16/00) und Gerald Matt ("ZiemIich sexy", Falter 17/00) im Hinblick auf die libidin├Âse Wirkung und auf das Ruhebed├╝rfnis der an der Diskussion Beteiligten er├Ârtert. Nun ist es an der Zeit, konkret nach der politischen Verantwortung zu fragen. Der Widerruf der Prekarien von Public Netbase t0, Depot, Springerin und basis wien hat Anfang April in aller Welt viel Irritation und Protest hervorgerufen. Gemeinsam blickt man im Augenblick ins Leere. Kein Angebot eines Ersatzquartiers zur tempor├Ąren ├ťberbr├╝ckung der f├╝r 2001 anberaumten Delogierung, kein Hinweis auf einen politischen Willen zum weiteren Verbleib im Areal.

Public Netbase t0, das Pionierprojekt an der Schnittstelle von Kunst und neuen Medien, steht damit vor einem ernsthaften Problem. Und eine Begleiterscheinung stellt eine besonders gro├če ├ťberraschung dar: die Teilnahmslosigkeit der kulturpolitischen Verantwortung in Wien. Anders ist der Umstand nicht zu deuten, dass ein briefliches Ersuchen an Peter Marboe, zu den Perspektiven der Kulturarbeit von Public Netbase t0 Stellung zu beziehen, bis heute ohne Antwort blieb.

Um eine kulturpolitische Nichtigkeit d├╝rfte es sich bei dieser Angelegenheit nicht handeln, da selbst Finanzstadtr├Ątin Brigitte Ederer (als eine der wenigen auf dieser Ebene) ihre Besorgnis um die Vorg├Ąnge im Museumsquartier zum Ausdruck zu bringen wusste. Es n├╝tzt dem Kulturstadtrat daher wenig, sich auf den Standpunkt zur├╝ckzuziehen, er sei in der Frage der Gestaltung der k├╝nftig frei werdenden Fl├Ąchen des Fischer-von-ErlachTraktes gar nicht zust├Ąndig. Das Museumsquartier befindet sich im Zentrum Wiens, man spricht mittlerweile von einem eigenen Bezirk. Ein Politiker, der in berechtigter Abgrenzung zur FP├ľ nicht m├╝de wird, seine Impulswirkung f├╝r Wien und sein Eintreten f├╝r eine "offene; zukunftsorientierte Politik" zu preisen, sollte vor dem Impact des Museumsquartiers auf die umliegenden Stadtgebiete seine Augen nicht verschlie├čen. Politischer Wille ist nicht nur auf dem ehrenhaften Parkett festlicher Zeremonien gern gesehen, sondern vor allem auch in der Niederung der schwierigen Entscheidungen.

Public Netbase t0 erweist Wien mit der angewandten Implementierung der Zukunft einen gro├čen Dienst (den man sich noch dazu nicht allzu viel kosten l├Ąsst), die Stadt wurde um eine spannende Perspektive reicher. Marboe k├Ânnte sich auch dadurch erkenntlich zeigen, indem er seiner Parteikollegin Elisabeth Gehrer deutlich widerspricht, wenn diese als ressortverantwortliche Ministerin in der ├ľffentlichkeit erkl├Ąrt, die "Pragmatisierungsbegierde" der kleinen Prekaristen w├╝rde dem Einzug des Neuen in das Museumsquartier im Wege stehen. Die Initiativen der lebendigen Vielfalt als Modernisierungsverhinderer? Der Herr Stadtrat zieht es vor zu schweigen.

Im Jahre 1955, zum Zeitpunkt der Wiederer├Âffnung der Wiener Staatsoper, war der Ansturm der jungen ├Âsterreichischen Moderne gegen das faule System der neuen Republik bereits weitgehend verzweifelt. Eine Mischung aus konservativer Politik, dumpfsinnigem Heimatbild und dem Hang zur verkl├Ąrten Tradition (nach Theodor W. Adorno eine "musikalische Backhendlzeit") gewann im Alltag schnell die Oberhand. Der Marboe der Jahrhundertmitte wurde an verantwortlicher Stelle Zeuge seiner Zeit. Der Marboe der Jahrtausendwende k├Ânnte das Blatt von morgen allerdings schon heute wenden. Nicht der Stillstand sollte als Spektakel den Auftakt des Museumsquartiers zieren, sondern ein klares und aktives Bekenntnis zur kulturpolitischen Verantwortung. Public Netbase t0 hat die Hoffnung nicht aufgegeben.