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Pastorale Digitale I

Polit-Seelsorge f√ľr das Unbehagen im Netz

Von Martin Wassermair. Erschienen in: die KUPFzeitung, Nr.153, März - Mai 2015

Die Aufregung ist gro√ü. Wie k√∂nnen wir unsere Kinder im Netz nur vor einem derart s√ľndigen Verhalten und, damit verbunden, vor einem allf√§lligen Missbrauch sch√ľtzen? Die Debatte l√§sst hier zur sprichw√∂rtlichen Kirche wieder einmal das Dorf vermissen.
die KUPF, Nr.153, März - Mai 2015 die KUPF, Nr.153, März - Mai 2015

__ Sexting

Sodom und Gomorrha! Nun haben die unw√§gbaren Weiten der digitalen Kommunikation auch die Idylle unseres gottesf√ľrchtigen Heimatlandes aufgescheucht. Das "Sexting", so der ph√§nomenologische Begriff f√ľr das Verschicken und den Austausch eigener Nacktaufnahmen √ľber mobile Endger√§te, macht sich einer aktuellen Studie zufolge nun auch unter √Ėsterreichs Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren breit. Aus dem Datenmaterial verdient eine Zahl besondere Beachtung: Ganze 31% der Befragten betrachten die nackte Selbstdarstellung zum Zwecke eines Beweises der jungen Liebe mittlerweile als "normal".

Die Aufregung ist seither gro√ü. Wie k√∂nnen wir unsere Kinder im Netz nur vor einem derart s√ľndigen Verhalten und, damit verbunden, vor einem allf√§lligen Missbrauch sch√ľtzen? Die Debatte l√§sst hier zur sprichw√∂rtlichen Kirche wieder einmal das Dorf vermissen. Keine Frage: Wenn Nacktbilder von Minderj√§hrigen verbreitet oder medial ver√∂ffentlicht werden, ist das √∂sterreichische Strafrecht gefordert. Doch die Entr√ľstung sollte sich auf dem zweiten Auge nicht als blind erweisen: Eine Schuldumkehr ist v√∂llig fehl am Platz!

Die sich vor allem in Sozialen Netzwerken exponierenden Youngsters nutzen heute Medien, die die Generation ihrer Eltern f√ľr sie geschaffen hat. Internet-Technologien bieten ihnen die M√∂glichkeit, eigenst√§ndige Bilderwelten zu kreieren – und damit auch Orientierung in dem f√ľr sie bedeutsamen Kosmos der Sexualit√§t. Mit dem Selfie finden junge Menschen auch Best√§tigung, vor allem aber jene, die sich in der unnachgiebigen Verwertungslogik von Sch√∂nheitsindustrie und Massenmedien nicht wiederfinden wollen.

Und nicht zu vergessen: Albrecht D√ľrer hat's getan, genauso wie Jahrhunderte sp√§ter Egon Schiele und Yoko Ono. Vielleicht zeichnet sich in den j√ľngsten Entwicklungen des Sextings sogar ein jugendkultureller Trend zum Widerstand gegen den Beautywahnsinn ab. Noch wissen wir das nicht genau - sehr wohl aber, dass Erwachsene im Hinblick auf die sexuellen Bed√ľrfnisse von Jugendlichen und ihrem Netzverhalten gelegentlich auch mal die Klappe halten k√∂nnten.

 

die KUPFzeitung