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Am Schulhof des 21. Jahrhunderts

Im Internet eröffnet sich Jugendlichen eine Welt, wie sie wirklich ist

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Junge Kirche, Jg.43, 3/09, Oktober 2009.

Erstaunlich ist, dass zwar lange √ľber die Faszination der neuen Beziehungsgeflechte im Netz ger√§tselt, aber eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung nie ernsthaft gef√∂rdert wurde. Medien, Konzerne, NGOs sowie auch Politik und Parteien haben es hingegen vorgezogen, mit d√ľrftigen Blogs, belanglosen Zwitschereien und aus der H√ľfte geschossenen Bildern so schnell wie m√∂glich auf den neuen Hype aufzuspringen, anstatt den Blick f√ľr die Kehrseite der Medaille zu sch√§rfen.

Der Schrecken l√§sst Sarah einen kurzen Augenblick erstarren. Im Einkaufszentrum wird sie von einem jungen Mann angesprochen, der ohne gro√üe Umschweife von ihr wissen will, wann neue Partyfotos im Netz zu sehen sind. Er nennt die Sch√ľlerin beim Namen, was durchaus Vertrautheit zwischen den beiden vermuten l√§sst. Jedoch hat Sarah ihr Gegen√ľber noch nie zuvor gesehen. Das Unbehagen baut sich schlie√ülich zur Angst auf, als sich derartige Vorf√§lle noch am selben Tag wiederholen. Auch der Vater eines Mitsch√ľlers sowie der Busfahrer rufen dem M√§dchen mit einem frivol unversch√§mten L√§cheln schmerzlich in Erinnerung, dass die auf Facebook ver√∂ffentlichten Schnappsch√ľsse ihrer durch Tabletten und Alkopops verursachten Entgleisungen wohl doch nicht im diskreten Kreise der Freundinnen verblieben sind. Und es kommt noch schlimmer: Der Albtraum hat kein Happy End!

Sarahs Geschichte ist kein Einzelfall und soll vor allem Kindern und Jugendlichen eine Lehre sein. Das ist in den USA und nun auch in Europa die eindringliche Botschaft einer wachsenden Zahl von Videoclips, die sich als Warnhinweise f√ľr den anhaltenden Boom der Web 2.0-Anwendungen verstehen. Tats√§chlich scheint die Stimmung massiv umzuschlagen. Waren es noch vor wenigen Jahren die Jubelmeldungen √ľber die gro√üe Beliebtheit des Do-it-yourself-Internet und seiner innovativen M√∂glichkeiten, ohne besondere technische Kenntnisse pers√∂nliche Fotos, Videos und Blogeintr√§ge einer globalen √Ėffentlichkeit vorzustellen, √ľberschl√§gt sich die aktuelle Berichterstattung in den Medien mit Schreckensmeldungen, dass immer mehr Minderj√§hrige ausgerechnet durch die neuen sozialen Netzwerke einer unheilvollen Entwicklung entgegen gehen. Auch die √∂sterreichische Kinder- und Jugendanwaltschaft schl√§gt Alarm. Sie berichtet immer √∂fter von "H√§nseleien, Beschimpfungen, Hasstiraden", die bereits als "Cybermobbing" zu qualifizieren sind. Das Internet, so die n√ľchterne Feststellung, habe es eben erleichtert, "andere niederzumachen". Gro√übritannien beklagte schlie√ülich im Sommer 2009 das Schicksal eines jungen M√§dchens, das angesichts der Verunglimpfungen im Netz keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich kurzerhand das Leben zu nehmen. Die √Ėffentlichkeit reagierte zugleich ratlos und schockiert, nur der englische Erzbischof Vincent Nichols stand gleich mit Erkl√§rungen bereit. "Internet und Mobiltelefone entmenschlichen das Gemeinschaftsleben. Jugendliche werden dazu ermutigt, Freundschaft als Ware anzusehen."

Digital Natives

Doch mit Aufrufen zu einem Kreuzzug gegen die Technologien unserer Zeit ist dem Problem nicht beizukommen. Vor allem bedarf es zun√§chst einer gr√ľndlichen Analyse der Rolle und Bedeutung des Social Web im Alltag junger Menschen, bevor √ľbereilte Reaktionen die Nutzung und Entwicklung der digitalen Kulturtechniken auch nur irgendwie beschr√§nken. Computer, Handys und Internet, darin ist sich die aktuelle Forschung einig, z√§hlen jedenfalls zu den konstitutiven Merkmalen einer Generation, die mittlerweile gerne als Digital Natives bezeichnet wird. Online-Plattformen wie Facebook, Twitter, studiVZ und die damit verbundenen M√∂glichkeiten der Vernetzung, Partizipation und Selbstdarstellung werden insbesondere von den Jungen auf vielf√§ltige Weise genutzt, weshalb sich die Metapher eines Schulhofs des 21. Jahrhunderts f√ľr diese heterogene Sph√§re durchaus eignet. Erstaunlich ist, dass zwar lange √ľber die Faszination der neuen Beziehungsgeflechte im Netz ger√§tselt, aber eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung nie ernsthaft gef√∂rdert wurde. Medien, Konzerne, NGOs sowie auch Politik und Parteien haben es hingegen vorgezogen, mit d√ľrftigen Blogs, belanglosen Zwitschereien und aus der H√ľfte geschossenen Bildern so schnell wie m√∂glich auf den neuen Hype aufzuspringen, anstatt den Blick f√ľr die Kehrseite der Medaille zu sch√§rfen. Somit f√§llt jetzt allen auf den Kopf, dass ein kritischer und selbstbestimmter Umgang mit Medien und der Produktion ihrer Inhalte noch nicht in ein umfassendes Verst√§ndnis von Allgemeinbildung Eingang gefunden hat. Wenn also auch Jugendliche seit jeher zu einem passiven Konsum medialer Angebote angehalten werden, ist es wenig verwunderlich, dass sich nur wenige daf√ľr interessieren, welche Nachhaltigkeit und Dynamik dadurch erzeugt werden kann. Die meisten f√ľhlen sich in den vermeintlich privaten Gemeinschaften sicher – eine Fehleinsch√§tzung, die fatale Folgen haben kann.

Wer sich n√§mlich einem sozialen Netzwerk anschlie√üt, nimmt in Kauf, dass personenbezogene Informationen zu kommerziellen Zwecken verwendet und ausgewertet werden. Dass damit ein lukratives Gesch√§ft zu machen ist, l√§sst sich anhand von MySpace aufzeigen. Die Musik-Plattform z√§hlte schon 2005 zu den erfolgreichsten Angeboten im Internet und wurde von Rupert Murdoch um 580 Millionen Dollar gekauft. Der US-amerikanische Medienmogul wusste schon sehr fr√ľh, dass sich die Website vor allem auch unter Jugendlichen zu einem Massenph√§nomen entwickeln werde. Deren mannigfaltige Daten geben Auskunft √ľber Vorlieben, kulturelle Trends und Nutzungsverhalten, das l√§sst sich vortrefflich vergolden. Online-Communities werden aber auch immer √∂fter von Unternehmen herangezogen, um n√§here Einblicke in das Privatleben und Freizeitverhalten der Belegschaft zu gewinnen. Was in der vermeintlichen Kuschelecke der digitalen Freundschaft mitunter als un√ľberlegte √Ąu√üerung herumgereicht wird, entpuppt sich nicht selten schon Tage sp√§ter als K√ľndigungsgrund. Und zu schlechter Letzt tummeln sich im Dickicht der Social Networks auch jene, die oftmals anonym nur die eine Absicht verfolgen, andere zu verleumden, mit Unwahrheiten zu √ľbersch√ľtten und auf den Pranger zu stellen.

Referenzrahmen Alltagswelt

Doch was sich in der digitalen Welt an Hass, Rassismen, psychischer Gewalt, Gaunereien und Missachtungen der pers√∂nlichen Integrit√§t auftut, ist lediglich ein Abbild gesellschaftlicher Realit√§ten, die auch am Arbeitsplatz, in der Schule und nicht zuletzt an der Kassa des Supermarkts anzutreffen sind. Auch hier wird der Kaffee zum Vorteilspreis eigentlich sehr teuer bezahlt, weil die Verg√ľnstigungskarte eine Registrierung voraussetzt, mit deren Daten die Handelskette gute Gesch√§fte macht. Kurzum: Im Internet er√∂ffnet sich den Jugendlichen eine Welt, wie sie wirklich ist. Wer also nach rigiden Schutzma√ünahmen ruft, die schon erste Konturen von Zensur und Eingriffen in die freie Meinungs√§u√üerung annehmen, muss das Augenmerk doch zuallererst auf jene sozialen, kulturellen und politischen Bedingungen lenken, die Heranwachsende heute all√ľberall umgeben.

Mit diesem Perspektivenwechsel l√§sst sich auch sinnvoller √ľber Strategien und Initiativen nachdenken, die eigentlich genau dort verst√§rkt ansetzen sollten, wo die Entwicklung und Nutzung von Technologien nicht mehr alleine den Paradigmen von Konsum und Profit untergeordnet sind. Eines der anschaulichsten Beispiele, dass gerade auch Jugendlich f√ľr eine kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit Online-Inhalten zu gewinnen und zu begeistern sind, ist das Projekt wahlkabine.at. Die Politik-Orientierungshilfe im Internet stellt regelm√§√üig vor Wahlen wichtige Fragen zu den Bereichen Umwelt, Besch√§ftigung, Migration, Gesundheit und Demokratie. Nach deren Beantwortung weist das Ergebnis den Grad der √úbereinstimmung mit den wahlwerbenden Parteien aus. Das erfolgreiche Tool weckt seit seinem erstmaligen Antreten zu den Nationalratswahlen 2002 gro√ües Interesse sowohl an Politik als auch an neuen Vermittlungsformen. Denn abgesehen von der mittlerweile umfangreich angewachsenen und √∂ffentlich abrufbaren Sammlung von Parteienpositionen und Stellungnahmen zu verschiedenen Sachthemen, schafft das Projekt auch den medialen Raum zur Diskussion von Chancen und Risiken der neuen Technologien und ihrer gesellschaftlichen und demokratiepolitischen Implikationen. Jugendliche machen sogar sehr rege von der M√∂glichkeit Gebrauch, sich interaktiv daran zu beteiligen, und √ľberraschen immer wieder mit kritischen Statements und Interventionen, die dazu aufrufen, nicht allen Verlockungen des Hightech-Zeitalters blind zu erliegen.

Perspektive

Das n√§hrt die Hoffnung, dass sich vielleicht eines Tages am Schulhof des 21. Jahrhunderts eine ganze Generation erhebt, die den Medienkonzernen nicht mehr l√§nger als hilflose und passive Spekulationsmasse zur Verf√ľgung stehen will. Vielleicht erz√§hlen flotte Clips in Zukunft davon, dass sich die gutgl√§ubige Sch√ľlerin Sarah auch weiterhin die eine oder andere Entgleisung leisten darf, wobei √ľber Facebook niemand mehr davon erf√§hrt. Der Name erinnert bestenfalls noch als nostalgische Anekdotensammlung an die fr√ľhen Jahre der sozialen Netzwerke im Internet. Das liegt dann jedoch lange zur√ľck und sorgt bei Sarah auch nicht mehr f√ľr Angst und Schrecken. Denn sie kommuniziert ihre aufr√ľhrerischen Aktionspl√§ne schon l√§ngst √ľber Kan√§le, die sie sich im Netz der Netze selbst geschaffen hat.