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Schwankungsbreiten

Ein Kommentar zu politischen Grundrechnungsarten und gesellschaftlicher Filetierung

Von Martin Wassermair. Erschienen in: FROzine, Radio FRO 105.0, 25. Mai 2016

√Ąltere Generationen neigen zudem eher zu autorit√§ren Politikangeboten, die J√ľngeren hingegen bevorzugen Weltoffenheit und ein international ausgerichtetes √Ėsterreich. Lie√üe man wiederum nur Frauen hierzulande w√§hlen, h√§tte sich das Problem mit dem tiefsitzenden Rechtsextremismus vermutlich schon erledigt. Die M√§nner kippen offensichtlich mehrheitlich hinein, wenn sich Xenophobie, Abschottung und soziale "Gib Gummi"-Phantasien gegen Grundprinzipien von Demokratie und Menschenrechten stellen.
Studio Radio FRO (Foto: Petra Moser) Studio Radio FRO (Foto: Petra Moser)

Wer sich in aller √Ėffentlichkeit blamiert, muss auf den Spott nicht lange warten. Da tut es dann auch nichts mehr zur Sache, wenn sich – wie am Sonntag im Zuge der Stichwahl zur √∂sterreichischen Bundespr√§sidentschaft – die Bekanntgabe des Endergebnisses doch noch um 24 Stunden verz√∂gert, weil sich die Ausz√§hlung so lange in Geiselhaft der Schwankungsbreiten befindet.

Nur Heinz-Christian Strache wusste es an dem Abend der Nicht-Entscheidung jedenfalls schon wieder einmal ganz genau. Oder besser – er glaubte es zu wissen. Sollte Alexander Van der Bellen das Rennen machen, g√§be es keine Zweifel. Das System der Briefwahlstimmen sei eine verschw√∂rerische Machenschaft, weil, wie der FP√Ė-Frontk√§mpfer sogleich mit Schaum vor dem Mund die Presse informierte, ein Sieg des gegnerischen Lagers durch die Wahlkarten dem Trend einer deutlichen Zustimmung f√ľr den rechtsextremen Kandidaten Norbert Hofer "diametral entgegenstehe" und "allen internationalen Erfahrungen widerspreche".

Schwankungsbreiten sind eben ein vermintes Terrain. Das gilt nicht nur f√ľr Umfrage-Institute, die zuletzt alles daf√ľr getan haben, ihr Ansehen mit gro√üem Nachdruck zu besch√§digen. Nein, auch Strache selbst hat sich darauf zum Gesp√∂tt gemacht. Angesichts der Anzahl der noch auszuz√§hlenden Stimmen - der FP-Chef bezifferte diese mit 650.000 bis 700.000 - m√ľsste Van der Bellen mindestens 50% davon erreichen und dann auch noch zus√§tzlich die 144.006, mit denen Gegenkandidat Hofer nach dem langen Wahlabend als Vorsprung schlafen gehen durfte.

Die simple Rechnung ging aber gr√ľndlich in die Hose – denn sie ist vollkommen falsch. Die Kenntnisse der Grundrechnungsarten m√ľssen nicht zwingend als politische Kategorie Anerkennung finden. Auch nicht im Falle Heinz-Christian Straches, der mit seiner Herumz√§hlerei um peinliche 10% danebenlag. Die Unf√§higkeit wird sehr schnell wieder in Vergessenheit geraten. Viel eher interessieren in diesem Zusammenhang die Resultate der Wahlforschung, die in erster Linie die Ursachen der doch signifikanten Gegens√§tze beim Urnengang zu ergr√ľnden suchten.

Die St√§dte, so lautet eine Feststellung, haben sich klar f√ľr Van der Bellen ausgesprochen, die l√§ndlichen Regionen wiederum mehr f√ľr Norbert Hofer. √Ąltere Generationen neigen zudem eher zu autorit√§ren Politikangeboten, die J√ľngeren hingegen bevorzugen Weltoffenheit und ein international ausgerichtetes √Ėsterreich. Lie√üe man wiederum nur Frauen hierzulande w√§hlen, h√§tte sich das Problem mit dem tiefsitzenden Rechtsextremismus vermutlich schon erledigt. Die M√§nner kippen offensichtlich mehrheitlich hinein, wenn sich Xenophobie, Abschottung und soziale "Gib Gummi"-Phantasien gegen Grundprinzipien von Demokratie und Menschenrechten stellen.

So l√§sst sich eine Gesellschaft quotentr√§chtig filetieren, wobei sich vor allem der Boulevard die medialen H√§nde reiben darf. Tats√§chlich aber wird der politischen Entwicklung genau damit eine Richtung gewiesen, in der nicht mehr so oft das Aufatmen anzutreffen sein wird, wie es mit dem knappen Sieg Van der Bellens am Tag nach der Wahl noch zu sp√ľren war. Wer zu allem √úberdruss glaubt, damit auch auf genau jene Karte gegen den rechtsextremen Erfolgslauf setzen zu k√∂nnen, der zufolge FP√Ė-W√§hlerinnen und -W√§hler einen deutlich geringeren Bildungsgrad aufweisen, hat das Spiel im Hinblick auf die n√§chste Wahlauseinandersetzung schon jetzt verloren.

Denn zuk√ľnftige Schwankungsbreiten sind als Hoffungsanker ungeeignet. Gesellschaftliche Integration, Rechtsstaatlichkeit und eine deutliche Wiederbelebung demokratischer Grundhaltungen sind nur zu erreichen, wenn die aktuell fatalen Entwicklungen – etwa in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt und Sicherheit – eine grundlegende Schubumkehr erfahren. Das gelingt nur, wenn Politik, Medien und Zivilgesellschaft wieder die Querschnitte ins Blickfeld der L√∂sungsfindung r√ľcken – und nicht in den Gr√§ben der sozialen und kulturellen Spaltungsneurosen f√ľr immer unheilvoll versinken.