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Der Stachel in Grieskirchen

Die Schwierigkeiten des Kulturvereins Rossmarkt in der Stadtgemeinde

Von Martin Wassermair. Erschienen in: KUPF. Zeitung der Kulturplattform O├ľ, Nr.98/4/02

Grieskirchen ist eine Stadt, die sich um ein urbanes Erscheinungsbild bem├╝ht. Schulstadt, Braustadt, Einkaufsstadt. Hinter der modern und erfolgreich anmutenden Fassade herrschen weitgehend eint├Ânige Stille, Demut und Zufriedenheit. Und so gilt seit ehedem: Wer in Grieskirchen aufw├Ąchst, passt sich an - oder eben nicht.

Warum Grieskirchen vor langer Zeit eine Stadt geworden ist, interessiert heute niemanden mehr so richtig. Wichtig ist nur, dass dem so ist. Dabei war das ehrgeizige Vorhaben f├╝r Gundacker von Pollheim im Februar 1613 sicher keine leichte Sache. Doch ihm kam zugute, dass die gottesf├╝rchtige Region bei der Niederschlagung des aufst├Ąndischen Protestantismus in den Erblanden ins Auge fiel. Lutherische Glaubensspaltung, soziale Unruhen, vor allem aber die verzweifelten Versuche der Bauern, sich von ihren unerbittlichen Herren zu emanzipieren, sollten gerade in Grieskirchen nicht einen Funken von Chance haben. Kaiser Matthias wusste die Loyalit├Ąt zum katholischen Hause Habsburg zu sch├Ątzen. Seine Dankbarkeit fand Ausdruck im Privilegium der Stadterhebung.

Knapp 400 Jahre sp├Ąter ist Grieskirchen eine Stadt, die sich um ein urbanes Erscheinungsbild bem├╝ht. Schulstadt, Braustadt, Einkaufsstadt. Hinter der modern und erfolgreich anmutenden Fassade herrschen weitgehend eint├Ânige Stille, Demut und Zufriedenheit. Und so gilt seit ehedem: Wer in Grieskirchen aufw├Ąchst, passt sich an - oder eben nicht.

Als Anfang der 80er Jahre eine Handvoll junger Leute das alte "Kaiserwirtshaus" am Rossmarkt 1 dazu ausersehen hatte, sich in Grieskirchen einen Platz zu schaffen, entstand auch in dieser eher unscheinbaren Stadt ein Ort der Dissidenz, dessen Wurzeln in den sozio-kulturellen Bewegungen unschwer zu erkennen waren. Das Aufbegehren gegen die Generation der V├Ąter entlud sich in lauten Jazz-Konzerten, kritischen Diskussionszirkeln zu Tabuthemen wie Sexualit├Ąt und Kirche sowie in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Die "Rossmarktler" - so die fortan eingef├╝hrte Fremdbeschreibung eines nahezu eigenst├Ąndigen st├Ądtischen Segments - wollten tats├Ąchlich anders sein. Alternativ, selbstbestimmt, fernab jeder b├╝rgerlichen Wertewelt.

Dass damit f├╝r die weitere Zukunft auch gesellschaftlicher Argwohn auf den Plan gerufen wird, war sicherlich kein unvorhergesehener Betriebsunfall. Es w├╝rde an dieser Stelle eindeutig zu weit f├╝hren, alle Konfliktf├Ąlle anzuf├╝hren, die Grieskirchen im Laufe der mehr als zwanzig Jahre seit der Gr├╝ndung des Rossmarkt erleben durfte. Eines l├Ąsst sich jedoch mit Gewissheit sagen: Die Stadt hat mannigfaltig davon profitiert. Wie sonst h├Ątten deren B├╝rgerInnen die Gelegenheit gehabt, gemeinsam in eine dauerhafte Debatte einzutreten, ob ein Verein geduldet und gef├Ârdert werden kann, der nicht immer bereit ist, sich der Verhaltenskonformit├Ąt einer Mehrheitsbev├Âlkerung anzuschlie├čen.

1988 stand das Verh├Ąltnis des Rossmarkt zu Grieskirchen auf einem besonderen Pr├╝fstand. Eines Tages tauchten eigentlich unauff├Ąllig gestaltete Plakate in den Stra├čen auf, deren Wirkung niemand abzusch├Ątzen wusste. Der Verein lud zu einem "saugeilen Osterfest, mit allem Schei├č, der so dazugeh├Ârt". Mehr war nicht n├Âtig. Die ganze Stadt stand pl├Âtzlich in Erregung. Mit einem Male war von Grieskirchen und seinem renitenten Kulturzentrum auch in Zeitungen zu lesen, deren Fokus die ferne Provinz ansonsten nicht erfasst. Ein Krisenmanagement wurde eingerichtet, aber auch zwischen den Vereinsverantwortlichen und f├╝hrenden Repr├ĄsentantInnen der Pfarrgemeinde machte sich diplomatische Hektik breit. Den H├Âhepunkt der Auseinandersetzung bildete eine Sitzung im Gemeinderat, in der franz├Âsische Philosophen der Aufkl├Ąrung und ihre Appelle zur Toleranz gegen├╝ber Andersdenkenden ebenso beschworen wurden, wie das Blut-und-Boden-Bewusstsein einer freiheitlichen Mandatarin, die dem missliebigen Treiben der "linken Zelle" ein j├Ąhes Ende bereiten wollte. Zuletzt gen├╝gte eine offizielle Entschuldigung seitens des Kulturvereins, um die Angelegenheit sehr unspektakul├Ąr abzuschlie├čen.

Der Rossmarkt war immer starkem Seegang ausgesetzt. Freund-Feind-Schemata sind da gar nicht so einfach auszumachen. So steht die konservative Fraktion der ├ľVP dem politischen Anspruch des Vereins, in Grieskirchen aktiv und aktionistisch an Entwicklungen teilzuhaben, mitunter aufgeschlossener gegen├╝ber als manch einer in der SP├ľ. Die Vorbehalte der Sozialdemokraten reichen oftmals weit zur├╝ck und zeugen von nachhaltiger Beleidigtheit. Noch heute nimmt man es den KulturaktivistInnen ├╝bel, dass man den Spitzenkandidaten zur Gemeinderatswahl 1991 brieflich dazu aufforderte, im Hof des alten Hauses allerlei Unrat zu beseitigen. Der Rossmarkt traf also bei den Roten voll ins Schwarze, denn der SP-Vordere hatte f├╝r seinen Wahlkampf ausgerechnet den dummen Slogan "Rudi r├Ąumt auf!" ausgew├Ąhlt und damit auch verloren.

Der Kulturverein hat - so wie vieles andere - auch diesen Polit-Trotz ├╝berstanden. Seine Bedeutung musste keine Einbr├╝che erleiden. Im Gegenteil: Seit ├╝ber zwanzig Jahren nimmt der Rossmarkt in Grieskirchen als Zentrum f├╝r Jugend-, Bildungs- und Kulturarbeit eine unverzichtbare Rolle ein. Das breit gef├Ącherte Programmangebot hat seit jeher ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschen au├čerhalb der Ballungszentren mit zeitgen├Âssischer Kunst und Kultur erreicht werden konnten. Namhaften K├╝nstlerInnen, wie etwa H.C Artmann, Joe Zawinul, Milo Dor, Josef Hader, u.a. wurde Grieskirchen ├╝berhaupt nur durch den Rossmarkt ein Begriff.

Als mit dem unerwarteten Eigent├╝merwechsel im Juni 2002 ein lange geplanter Ankauf des sanierungsbed├╝rftigen Hauses durch die Gemeinde ├╝berraschend ├╝bervorteilt wurde, wird dem neuen Besitzer, einem Autoh├Ąndler mit Nebeninteressen im Spekulationsgesch├Ąft, die reichhaltige Geschichte und die Bedeutung eines Kulturzentrums im Zentrum Grieskirchens gar nicht so recht bewusst gewesen sein. Er hat den Abriss des Hauses unverz├╝glich in Angriff genommen, indem er dem Verein einen gerichtlichen Antrag auf R├Ąumung zustellen lie├č, der umgehend negativ beschieden wurde.

Damit geht die Provinzposse in die n├Ąchste Runde. Der Autoh├Ąndler f├╝hlt sich unbestritten seiner Sache sicher. Er hat auf den R├╝ckhalt eines raffgierigen Wirtschaftsbundes sowie den Vergeltungshunger einiger Grieskirchner gesetzt. Das ist nicht besonders viel. Denn ihnen steht eine eindrucksvolle Welle der Solidarit├Ąt weit ├╝ber Grieskirchen hinaus gegen├╝ber, die den barbarischen Akt eines Abbruchs hoffentlich abzuwenden wei├č. Jetzt ist die Politik am Zug. An ihr ist es nun, daf├╝r zu sorgen, dass dem Kulturzentrum das Haus erhalten bleibt - und die Autonomie des Vereins.

Gundacker von Pollheim hatte 1613 die gro├če Chance. Seine Stadterhebung bedurfte der Anbiederung an herrschaftliche Macht. Grieskirchens B├╝rgermeister Wolfgang Gro├čruck muss den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechen. Ein neues Stadtbild und die Umstellung der Verkehrsleitsysteme alleine reichen daf├╝r schon lange nicht mehr aus.

KUPF