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Streit und Eintracht

Kamerun und Nigeria geraten mit der WM-Vorbereitung unter nationalen Erfolgsdruck

Von Martin Wassermair. Erschienen in: ballesterer fm, Nr.53, Juni 2010

Nur selten erfĂ€hrt der afrikanische Kontinent so viel globale Aufmerksamkeit wie zur WM 2010. Nigerias TorhĂŒter-Legende Emmanuel Babayaro hat die Fußballfestspiele daher schon Wochen vor dem pompösen Auftakt zum Anlass genommen, um mit allem Nachdruck auf eine der Krankheiten aufmerksam zu machen, die zunehmend in Vergessenheit geraten sind. UN-Prognosen zufolge werden vom 11. Juni bis zum Final-Schlusspfiff in Johannesburg 93.000 afrikanische Kinder der tödlichen Tropenkrankheit Malaria zum Opfer gefallen sein.
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Abseits ihrer RivalitĂ€t haben Kamerun und Nigeria ein gemeinsames Ziel: den ersten WM-Titel fĂŒr Afrika. Das globale Großereignis könnte aber auch die oft vergessenen Probleme des Kontinents ins Bewusstsein rufen - wĂ€re da nicht der Erfolgsdruck, nationale StĂ€rke demonstrieren zu mĂŒssen.


Dem jĂ€hen Erwachen geht nicht selten ein schöner Traum voraus. In Nigeria hat die nationale Wunschfabrik am spĂ€ten Abend der CL-Niederlage des FC Barcelona gegen Inter Mailand neuen Schwung genommen. "Bravo Jose Mourinho!", jubelte der in Lagos ansĂ€ssige Journalist Lolade Adewuyi. "Lionel Messi wirkt wie ein anonymer kleiner Mann, sobald er vom Zuspiel abgeschnitten ist." Die Freudenchöre der Medien in dem von ethnischen Unruhen erschĂŒtterten Land sollten jedoch schnell wieder verebben. Denn gerade weil die aufgeregten Schlagzeilen den 12. Juni und damit das Aufeinandertreffen mit Argentinien zum D-Day erklĂ€rten, an dem mit der Angst vor vermeintlich unbesiegbaren Gegnern Schluss sein muss, erwies sich der Fußball-Jammer plötzlich grĂ¶ĂŸer als zuvor.

Nicht wenige Kommentare erinnerten sogleich vorwurfsvoll daran, dass Diego Maradona seinen Kader bereits zu einem Zeitpunkt bekannt geben konnte, als der neue Teamchef der "Super Eagles", Lars LagerbĂ€ck, noch nicht einmal wirklich zur Vorstellungsrunde angetreten war. TatsĂ€chlich ist schwer nachvollziehbar, warum die Verbandsverantwortlichen den beliebten Shaibu Amodu trotz erfolgreicher WM-Qualifikation vor die TĂŒre setzten. Schon wenige Tage nach der Halbfinal-Niederlage gegen Ghana beim Afrika-Cup in Angola musste der Nigerianer dem Schweden weichen. Viele vermuten dahinter wieder einmal den unsĂ€glichen Einfluss von Politik und BĂŒrokratie, die den Erfolg fĂŒr ihr Renommee mit aller Gewalt erzwingen wollen.

Unvorbereitete Adler

FĂŒr die Fußballbegeisterung des Landes muss es wohl ein Schlag in die Magengrube gewesen sein, als Sportminister Ibrahim Bio aus persönlicher Sorge um die Sicherheit das Hotel in unmittelbarer NĂ€he der WM-Stadt Durban stornieren ließ, um stattdessen ein Ausweichquartier in Richards Bay fĂŒr das Team auszuwĂ€hlen, das die Anstrengung einer zweistĂŒndige Anreise zur letzten Gruppenbegegnung gegen SĂŒdkorea mit sich bringt. Gleichzeitig mehren sich auch die neidvollen Blicke in Richtung innerafrikanische Konkurrenz. WĂ€hrend sich etwa die ElfenbeinkĂŒste im Zuge der Vorbereitungen schon Ende 2009 in einem Freundschaftsspiel mit Deutschland messen durfte, mussten sich die "Super-Adler" vorerst mit der Demokratischen Republik Kongo zufrieden geben. Ende Mai, zwei Wochen vor dem WM-Anpfiff, folgen noch Saudi-Arabien und Kolumbien.

Der ehemalige Internationale Chikelue Iloenyosi ließ an der Nigerian Football Federation kein gutes Haar: "Wer nicht vorbereitet ist, hat bei der Weltmeisterschaft nichts verloren! Es ist eine Schande, dass wir noch kein Team haben, mit dem sich der Trainer ausreichend vertraut gemacht hat." Auch die öffentliche Besorgnis um die Defensive dĂŒrfte den traditionell hohen Erfolgsdruck nicht verringern. Daran Ă€ndert selbst der Umstand nichts, dass LagerbĂ€ck mit Rabiu Afolabi von Red Bull Salzburg und Taye Taiwo von Olympique Marseille zuletzt zwei Verteidiger nominiert hat, die in Europa mit ihren Klubs den Meistertitel erringen konnten. Doch das alleine wird zu wenig sein, um den torgefĂ€hrlichen Lionel Messi noch vor dem eigenen Strafraum zu entschĂ€rfen.

MĂŒde Löwen

Misstöne hĂ€uften sich im Vorfeld der WM aber auch beim Nachbarn Kamerun. "Diese Équipe ist so genießbar, wie die Kombination von Ziegenfleisch mit dem bitteren Geschmack von NdolĂš-BlĂ€ttern", Ă€tzten erste Stellungnahmen auf der Online-Plattform Camer-Sport, nachdem der französische Trainer Paul Le Guen seinen Kader fĂŒr die WM-Endrunde bekannt gegeben hatte. Dass der viermalige Afrika-Cup-Sieger noch einmal mit den "alten Herren" Rigobert Song und GĂ©rĂ©mi Njitap auflaufen will, trifft auf wenig VerstĂ€ndnis. Kritik musste der Bretone auch angesichts der vielen "Binationalen" auf der Liste einstecken. Dabei zĂ€hlen Eric Choupo-Moting, Marcel Ndjeng, JoĂ«l Matip und GaĂ«tan Bong eigentlich zu jenen AushĂ€ngeschildern, von denen mit Stolz erzĂ€hlt wird, dass sie, wie Camer-Sport schreibt, "die sich dem Herkunftsland ihrer VĂ€ter oder MĂŒtter zur VerfĂŒgung stellen, den ehemaligen Kolonialherren in Frankreich und Deutschland eine lange Nase drehen".

Um durch Mehrfachverwurzelungen der Spieler nicht allzu große Verunsicherung aufkommen zu lassen, konzentriert sich die Hoffnung umso mehr auf Stars wie Samuel Eto'o und Alexandre Song. Doch auch hier offenbart sich ein afrikanisches Dilemma. Die Exportschlager unter den "unzĂ€hmbaren Löwen" nehmen bis kurz vor der WM im europĂ€ischen Vereinsfußball an der Jagd nach Pokalen, SiegesprĂ€mien und Werbeeinahmen teil. Wenn diese Belastung sogleich von der Erwartung der nationalen PflichterfĂŒllung abgelöst wird, droht ein plötzlicher Leistungsabfall der Stars bei der WM-Endrunde. Strategische Maßnahmen, einem befĂŒrchteten Einbruch der Spieler entgegenzusteuern, werden auch in Kamerun selten ohne politische Einflussnahme getroffen. Noch vor dem freundschaftlichen Remis gegen Italien am 3. MĂ€rz griff Kameruns Sportminister Michel Zoah bis ins technische Personal durch und setzte eigenmĂ€chtig einen neuen Tormann-Trainer ein. Ein Schuss vor den Bug von Keeper Idriss Kameni, dem man die acht Tore in nur vier Spielen wĂ€hrend des Afrika-Cups 2010 nicht so schnell verzeihen wollte.

Tödliche Moskitos

Bei all dem Hickhack gehen die Stimmen derjenigen beinahe unter, die daran erinnern, dass abseits des Showdowns vor einem Milliardenpublikum die gemeinsamen Probleme der ungleichen Nachbarn den Alltag beherrschen. Nur selten erfĂ€hrt der afrikanische Kontinent so viel globale Aufmerksamkeit wie in diesem Jahr. Nigerias TorhĂŒter-Legende Emmanuel Babayaro hat die Fußballfestspiele daher schon Wochen vor dem pompösen Auftakt zum Anlass genommen, um mit allem Nachdruck auf eine der Krankheiten aufmerksam zu machen, die zunehmend in Vergessenheit geraten sind: "Die politischen und religiösen Verantwortlichen zeigen zu wenig Einsatz im Kampf gegen die Malaria. Dem großen Sterben ist nur durch ausreichende Medikamente und Moskitonetze Einhalt zu gebieten", sagte Babayaro. Es bleibt zu hoffen, dass die Appelle des ehemaligen Fußballstars tatsĂ€chlich Gehör finden. Denn UN-Prognosen zufolge werden vom 11. Juni bis zum Final-Schlusspfiff in Johannesburg 93.000 afrikanische Kinder der tödlichen Tropenkrankheit zum Opfer gefallen sein.


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