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Telegraphenamt Avenue Kakatare II

Globalisierungserkundungen aus der S√ľdperspektive

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 4, Dezember 2011

Kamerun wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts "F√ľnfundzwanzigerland" gehei√üen. 25 Stockhiebe galten als die gesetzlich normierte Sanktion f√ľr den einheimischen Disziplinarversto√ü. Ganz allgemein bescherte die eiserne Faust der deutschen Kolonialherrschaft dem Alltag vor allem Steuern, Pr√ľgel und Zwangsarbeit – dem Handel mit Kolonialwaren jedoch ein florierendes Gesch√§ft.
Lamidat in Maroua Lamidat in Maroua
Grabstein Graf Fugger von Glött in Maroua Grabstein Graf Fugger von Glött in Maroua

__ Strafanstalt

Wer die Avenue Kakatare an ihrem stadtausw√§rts gelegenen Ende nach rechts verl√§sst, erreicht nach einigen hundert Metern die Haftanstalt von Maroua. Diesen Weg nahm auch der deutsche Botschafter in Kamerun, der sich im M√§rz 2011 f√ľr ein paar Tage aufmachte, um sich im entlegenen Norden des Landes n√§her umzusehen. Im Gef√§ngnis konnte er sich ein Bild davon machen, dass aus Mitteln des Bundesministeriums f√ľr Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in bauliche Ma√ünahmen investiert worden war, um dem sanierungsbed√ľrftigen Verwahrungstrakt zur dringend gebotenen Instandsetzung der desolaten Dachanlage zu verhelfen. Auf engstem Raum sind hier mehrere hundert m√§nnliche H√§ftlinge zusammengepfercht, die – vor allem angesichts der Hitze im ersten Jahresdrittel – ein trostloses Dasein fristen. Unter ihnen befinden sich Taschendiebe, Schl√§gertypen, organisierte Wegelagerer und auch vier Kapitalverbrecher, deren Todesurteil bislang niemand vollstrecken wollte.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit trat kurzfristig in Aktion, nachdem in der Regenzeit die Opfer-Zahlen der Cholera-Epidemie unter den H√§ftlingen geradezu dramatische Ausma√üe angenommen hatten. Das Telegraphenamt der benachbarten Avenue Kakatare wurde aber auch deshalb hellh√∂rig, weil der Kameruner Strafvollzug bei n√§herer Erforschung auf die Spuren der deutschen Kolonialzeit f√ľhrt. Im Gegensatz zur sp√§teren franz√∂sischen Inbesitznahme des Territoriums legte das Wilhelminische Kaiserreich bis 1916 gro√üen Wert darauf, zivilrechtliche und erstinstanzliche Entscheidungen in der Hand einer lokalen Gerichtsbarkeit zu wissen. Dass damit nicht das moderne Verst√§ndnis einer dezentralen Gewaltenteilung Anwendung finden sollte, wurde sp√§testens im Februar 1903 ersichtlich, als Joseph Fugger von Gl√∂tt, der Leiter der deutschen Residentur Adamaua, wenige Meter vor dem Lamidat einem Attentat zum Opfer fiel.

Die Chroniken erz√§hlen davon, dass der vergiftete Pfeil eines von Emir Subeira entsandten Fulbe-Kriegers eigentlich Graf Fuggers Amtsvorg√§nger h√§tte treffen sollen. Der war aber von der Kolonialabteilung wenige Wochen zuvor aus Maroua abberufen worden, um die individuelle Geltungssucht unter den deutschen Schutztruppen im Norden des Landes wieder etwas einzud√§mmen. Der langj√§hrige Richtungsstreit, wie nachdr√ľcklich die Knute der deutschen Herrschaft zum Einsatz kommen soll, machte f√ľr die Unterworfenen in der Folge keinen Unterschied. Die Vergeltungsma√ünahmen setzten kurz nach Fuggers Tod alle Rechtsbest√§nde au√üer Kraft und forderten ihren blutigen Tribut. Nicht nur der Emir wurde mit seiner Gefolgschaft gejagt und brutal dahin geschlachtet, auch mit dem Polizeichef von Maroua hat ein milit√§risches Standgericht wegen angeblicher Mitwisserschaft kurzen Prozess gemacht.

Es ist nicht √ľberliefert, ob die Vorf√§lle vor mehr als einem Jahrhundert beim Besuch des Botschafters zur Sprache gekommen sind. Ebenso wenig kann das Telegraphenamt davon berichten, dass im hohen Norden auch nur ein Mahnmal an die Gr√§uel der deutschen Kolonialjahre im "F√ľnfundzwanzigerland" erinnere. So wurde Kamerun zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehei√üen. 25 Stockhiebe galten als die gesetzlich normierte Sanktion f√ľr den einheimischen Disziplinarversto√ü. Ganz allgemein bescherte die eiserne Faust dem Alltag vor allem Steuern, Pr√ľgel und Zwangsarbeit – dem Handel mit Kolonialwaren jedoch ein florierendes Gesch√§ft. Damit bleibt abschlie√üend die Frage offen, ob vielleicht ein Gef√§ngnisinsasse dem deutschen Botschafter bei seinem Besuch in Maroua etwas von sp√§ter Gewinnaussch√ľttung zugemurmelt hat.

 

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