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Telegraphenamt Avenue Kakatare V

Globalisierungserkundungen aus der S├╝dperspektive

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 1, April 2012

Wenige Tage vor dem Wahltermin hatte das Staatsoberhaupt Maroua einen seiner seltenen Besuche abgestattet. Noch Wochen sp├Ąter schm├╝ckte sich die Stadt damit, wie sehr sie dem Herrscher zu F├╝├čen liegt. "Die gesamte Jugend hinter Paul Biya" – wenn politische Banderolen ├╝ber den Stra├čen zum Zusammenhalt rufen, nehmen selbst wackelige Strommasten stramme Haltung an.
Der gefallene Baobab Der gefallene Baobab
Stade Municipal Yaya Daïrou Stade Municipal Yaya Daïrou
Paul Biya zu Besuch in Maroua Paul Biya zu Besuch in Maroua
├ťber der Avenue Kakatare ├ťber der Avenue Kakatare

__ Macht

Ph├Ąnomen est omen. Ausgerechnet am sp├Ąten Vorabend der Pr├Ąsidentschaftswahlen hielt der seit Jahrzehnten vom Harmattan geplagte Baobab dem Unwetter nicht mehr stand. Am darauf folgenden Morgen bot sich den Schaulustigen ein Bild, das dank der vielen Verzweigungen der Avenue Kakatare sehr schnell die Runde machte und das schillernde Mosaik urbaner Erz├Ąhlungen um eine Aufregung mehr bereicherte. Furiose Kr├Ąfte mussten neben der roten Br├╝cke  zu Werke gegangen sein, um den m├Ąchtigen Stamm aus seiner tiefen Verwurzelung zu heben. Vor allem aber blieb wenige Meter daneben ausgerechnet jene Plakattafel v├Âllig unbeschadet, auf der Pr├Ąsident Paul Biya, seit nunmehr 30 Jahren an der Spitze des Staates Kameruns, um das Vertrauen des Volkes f├╝r eine weitere Amtszeit warb – so als h├Ątte er diese Geste n├Âtig.

Der Fall des m├Ąchtigen Affenbrotbaumes spiegelte jedenfalls auf tragikomische Weise wider, wie eine ganze Stadt dem semiotischen Zugriff der politischen Macht unterworfen wird. Was am Rande des Mayo-Flusses noch als ├╝bernat├╝rliches Ergebnis des n├Ąchtlichen Sturmes zu deuten war, trug andernorts die allgegenw├Ąrtige Handschrift eines De-facto-Einparteiensystems. Wenige Tage vor dem Wahltermin hatte das Staatsoberhaupt Maroua einen seiner seltenen Besuche abgestattet. Noch Wochen sp├Ąter schm├╝ckte sich die Stadt damit, wie sehr sie dem Herrscher zu F├╝├čen liegt. "Die gesamte Jugend hinter Paul Biya" – wenn politische Banderolen ├╝ber den Stra├čen zum Zusammenhalt rufen, nehmen selbst wackelige Strommasten stramme Haltung an.

Auch die Avenue Kakatare wirkte wie ausgewechselt. Schlagl├Âcher, die vielleicht merklichsten Schnittstellen zwischen Verkehrsweg und Mensch, waren pl├Âtzlich ebenso verschwunden wie die vielen Eselsr├╝cken (anderswo auch als "schlafende Polizisten" bekannt), deren Beseitigung seither auch die Anfahrt zum Stade Municipal Yaya Da├»rou beschleunigt. Der monumentale Bau, der ansonsten sportlichen Wettk├Ąmpfen als beliebter Austragungsort dient, dokumentierte jahrelang ein St├╝ck subversiver Stadtgeschichte. Doch mit dem Eintreffen der politischen Eliten, das zum Morgengrauen durch die Omnipr├Ąsenz des Milit├Ąrs angek├╝ndigt wurde, waren die ornamentartigen Graffitis an den festungs├Ąhnlichen Mauern des Stadions schlagartig entfernt. Umrahmt vom Glanz der mit wei├čer Dispersionsfarbe wiederhergestellten Ordnung, bekennt bereits das Eingangstor: "Die Region Extreme Nord ist seiner Exzellenz Paul Biya f├╝r immer treu".

Dieser Tag geh├Ârte einzig und alleine dem Auftritt des Pr├Ąsidenten. Wer in die Knie gezwungen wird, muss nach oben aufschauen. Das bekamen auch jene Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler mit allem Nachdruck zu sp├╝ren, die entlang der Einfahrtsstra├čen zur Begr├╝├čung in Reih und Glied verpflichtet waren. Kaum jemand hat sich je n├Ąher daf├╝r interessiert, dass die Sicherheitsorgane so manche Abweichung von den strengen Verhaltensvorschriften auch mit dem Gewehrkolben quittierten. Politische Macht und Propaganda schreiben sich eben nicht nur in urbanen Physiognomien ein, sondern auch in gebrochenen Kiefern junger Menschen in Schuluniform. Sie fanden jedoch kein Geh├Âr. Und auch vom Baobab am s├╝dwestlichen Ausl├Ąufer der Avenue Kakatare war sehr schnell nichts mehr zu sehen. Brennholz ist ein rares Gut, seine oft unerbittliche Aneignung der verzweifelte Ausdruck sozio-├Âkonomischer M├Ąngel. Doch alle wissen: An der Macht zu s├Ągen, bleibt gef├Ąhrlich. Vorerst noch.


Fr├╝here Depeschen

Telegraphenamt Avenue Kakatare I - Mobilit├Ąt

Telegraphenamt Avenue Kakatare II - Strafanstalt

Telegraphenamt Avenue Kakatare III - Arbeit

Telegraphenamt Avenue Kakatare IV - Wasser