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Telegraphenamt Avenue Kakatare VI

Globalisierungserkundungen aus der SĂŒdperspektive

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 2, Juli 2012

Mit kĂ€rglichsten EinkĂŒnften sind sie bislang auch fĂŒr die Abgabenpflichten ihrer MĂ€nner aufgekommen, nun aber organisieren sich die Frauen, schaffen Sparvereine, um ihre eigene finanzielle Autonomie zu stĂ€rken. Mit diesem Schritt ist eine ErschĂŒtterung unausweichlich, weil er auf lange Sicht die ökonomischen Fesseln zu lösen vermag.
Frauengruppe aus Sir Frauengruppe aus Sir
MĂ€dchen in den Bergen von Kapsiki MĂ€dchen in den Bergen von Kapsiki
Landfrauen aus Gazawa Landfrauen aus Gazawa
Alltag der Reproduktionsarbeit Alltag der Reproduktionsarbeit

__ Geschlechterkampf

Wenn der GemĂŒsehĂ€ndler aus Salak einmal pro Woche in der Avenue Kakatare eintrifft, macht er auch routinegemĂ€ĂŸ Halt im Telegraphenamt. Seine frische Ware ist gefragt, weshalb die Verhandlung des Preises reichlich Ausdauer und Geschick erfordert. Eines Tages war er plötzlich wie ausgewechselt, irgendwie aufgebracht und um VerstĂ€ndnis ringend. Seine Frau, die ihm in den vergangenen Jahren drei Söhne und eine Tochter schenken durfte, habe ihm von ihrer Teilnahme an den AktivitĂ€ten einer Frauengruppe in Salak erzĂ€hlt. Seither sei nichts mehr wie zuvor.

Ein Film, so berichtete der Lieferant mit erregter Miene, habe sein bisher beschauliches Eheleben schließlich aus den Fugen gebracht. Das ominöse Machwerk rumore nun schon seit Wochen wie ein böser Geist im Kopf seiner Frau, die ihm doch bisher als treue Seele stets unscheinbar zur Seite gestanden hat. Er selbst bekam offensichtlich nie zu Gesicht, was sein GlĂŒck als Patriarch derart zerrĂŒtten konnte. Umso mehr weckte der GemĂŒsehĂ€ndler aber das Interesse der Medienstelle des Telegraphenamts, das in der Tat sehr rasch fĂŒndig wurde.

Der Geist, der so bedrohlich aus der Flasche getreten ist, trĂ€gt in der Sprache Fufulde den Titel Rewbe Woila (deutsch: Frauen des Nordens) und hĂ€lt den RealitĂ€ten der von Stammeskulturen tief geprĂ€gten Gesellschaft einen dokumentarischen Spiegel vor. Schon zu Beginn des Filmes stellt der Lamido von Gazawa die GeschlechterverhĂ€ltnisse klar. "Zwei MĂ€dchen entsprechen einem Jungen!" Das Wort der traditionellen AutoritĂ€ten tĂŒrmt sich gemeinhin auf wie ein Fels, an dem nicht gemeißelt werden darf. Ihre steinerne Macht kann aber nicht mehr lĂ€nger den Blick auf die soziale und ökonomische Schieflage in der Region verstellen. Zwei von drei Frauen können weder lesen noch schreiben. Nur ein Bruchteil der MĂ€dchen hat die Möglichkeit eines Schulbesuchs. Stattdessen stecken sie fest im engen Korsett der Reproduktionsarbeit. Wer also in den Bergen losgeschickt wird, um auf beschwerlichen Wegstrecken viele Stunden lang Wasser zu beschaffen, kann sich kaum der eigenen Bildung widmen. Der allgemeine Mangel lastet auf den MĂŒttern und Töchtern, die den Haushalt meistern und fĂŒr die allernötigste Versorgung der Familie sorgen. Mit dem Einbruch des ersten Regens bestellen sie ihre ausgedörrten Felder, um spĂ€ter erneut die Hirse nur mit der Kraft ihrer Arme zu zermahlen.

Die diffuse Furcht des streng glĂ€ubigen GemĂŒsehĂ€ndlers, es werde eines Tages kein Stein der festgeschriebenen Gebote auf dem anderen bleiben, ist dennoch nicht ganz unbegrĂŒndet. Denn Rewbe Woila zeigt auch ein neues weibliches Selbstbewusstsein im Norden Kameruns. Mit kĂ€rglichsten EinkĂŒnften sind sie bislang auch fĂŒr die Abgabenpflichten ihrer MĂ€nner aufgekommen, nun aber organisieren sich die Frauen, schaffen Sparvereine, um ihre eigene finanzielle Autonomie zu stĂ€rken. Mit diesem Schritt ist eine ErschĂŒtterung unausweichlich, weil er auf lange Sicht die ökonomischen Fesseln zu lösen vermag. Vorerst aber bleibt der Besitz von Grund und Boden den Frauen noch vorenthalten – ein ernsthaftes Problem, vor allem im Falle eines Ablebens des Ehemanns. Doch daran will der GemĂŒsehĂ€ndler noch gar nicht denken. Seiner Frau fehlen unterdessen nur noch zwei monatliche Spareinlagen, damit der einzigen Tochter das kommende Schuljahr ohne das Zutun des Vaters gesichert ist.


FrĂŒhere Depeschen

Telegraphenamt Avenue Kakatare I - MobilitÀt

Telegraphenamt Avenue Kakatare II - Strafanstalt

Telegraphenamt Avenue Kakatare III - Arbeit

Telegraphenamt Avenue Kakatare IV - Wasser

Telegraphenamt Avenue Kakatare V - Macht