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Telegraphenamt Avenue Kakatare X

Globalisierungserkundungen aus der S├╝dperspektive

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 3, Oktober 2013

Die Recherchen begannen dort, wo sie ihren Ausgang nehmen sollten – bei Google. Die geheimnisvolle Maschine wusste tats├Ąchlich zur Landnahme aufschlussreiche Ergebnisse auszuspucken. Um Afrika, so das einhellige Bild, herrsche reges Gedr├Ąnge, wie auf einem Bazar, auf dem sich die internationale Gier nach wertvollen Ressourcen nur so tummelt.
Cybercaf├ę in Maroua Cybercaf├ę in Maroua
Avenue Kakatare Avenue Kakatare
Sch├╝lerinnen in Maroua Sch├╝lerinnen in Maroua

__ Google

"Man kann mit zwei Augen mehr sehen, als man mit nur einem Kopf zu denken vermag!" Fr├╝her, so wird entlang der Avenue Kakatare oft berichtet, suchten die Menschen gerne den Baobab vor dem Eingang des zentralen Marktes auf. In dessen Schatten fanden sie nicht blo├č Zuflucht vor der gl├╝henden Hitze des Sahel. Vor allem die Jungen scharten sich um den m├Ąchtigen Baumstamm, um aus den Erz├Ąhlungen und ├ťberlieferungen der alten M├Ąnner von der weiten Welt zu erfahren, die immer schon ihre Neugierde erweckte.

In den K├Âpfen ist eben viel Platz, wie auf einer gro├čen Tafel, die beschrieben werden will. Daran hat sich bis heute nichts ge├Ąndert. Die Welt jedoch erreicht auch den Baobab zunehmend mit einer kognitiven Dissonanz. Die alten M├Ąnner sind hier noch immer anzutreffen, nur die Anzahl der Jungen verringert sich von Tag zu Tag. Sie ziehen mittlerweile andere Quellen der Weisheit vor. Vor kurzem etwa steckte eine Sch├╝lerin die Nase bei der T├╝r des Telegraphenamts herein und berichtete von ihrem Unterricht. Der Lehrer hatte ihr im Rahmen eines Klassenprojekts ├╝ber das Wochenende die Aufgabe erteilt, das Thema "Landnahme" zu er├Ârtern. Das M├Ądchen war voller Tatendrang und setzte seine Hoffnungen auf eine Suchmaschine im Internet, die ihrer Auffassung zufolge so gut wie alles wei├č.

Das Telegraphenamt steht in solchen F├Ąllen gerne mit Rat und Tat zur Stelle. Schnell wurde der Sch├╝lerin mit einem Eintopf aus roten Bohnen auch ein Notebook bereitgestellt, um ihr das endlose Warten auf einen Internet-Zugang in den ├╝berf├╝llten Cybercaf├ęs der Stadt zu ersparen. Die Recherchen begannen dort, wo sie ihren Ausgang nehmen sollten – bei Google. Die geheimnisvolle Maschine wusste tats├Ąchlich zur Landnahme aufschlussreiche Ergebnisse auszuspucken. Um Afrika, so das einhellige Bild, herrsche reges Gedr├Ąnge, wie auf einem Bazar, auf dem sich die internationale Gier nach wertvollen Ressourcen nur so tummelt.

Und pl├Âtzlich r├╝ckte Google selbst ins Blickfeld. Dem M├Ądchen blieben die Bohnen im Halse stecken, als es von den Pl├Ąnen des US-Konzerns erfuhr, verst├Ąrkt in den Ausbau von W-LAN-Verbindungen in den s├╝dlichen Schwellenl├Ąndern zu investieren. Die Verhei├čung klingt auf den ersten Blick wohlt├Ątig und verlockend. Eine Milliarde Menschen solle dadurch auch in den entlegensten Gebieten an das Netz der Netze angebunden werden. Mit neuen Mikroprozessoren und preiswerten Smartphones, die mit dem Google-Betriebssystem Android ausgestattet sind. Die Sch├╝lerin notierte die Erkenntnisse f├╝r ihre Klassenarbeit. Dann aber gelangte sie an den Punkt, aus dem neu gewonnenen Wissen die erforderlichen Schl├╝sse zu ziehen. Was hat das nun alles mit der Landnahme zu tun?

Die Ratlosigkeit f├╝hrte das M├Ądchen schon einen Tag sp├Ąter zu den alten M├Ąnnern unter dem Baobab. Und siehe da: Obwohl die ergrauten Weisen mit dem modernen Machwerk der Nassara ("Wei├če" in Fulfulde) nichts anzufangen wussten, ├Âffneten sie der Sch├╝lerin geduldig die Augen, dass die geistigen Hinterlassenschaften der Ahnen, ihre kulturellen Hervorbringungen und das reichhaltige Wissen, immer auch Begehrlichkeiten der Profitmaximierung auf sich zogen. Google hat Afrika schon lange im Visier – und ist mit dem Kontinent auch gut im Gesch├Ąft. Damit konnte die Sch├╝lerin ihrem Lehrer letztlich die Erkenntnis ├╝berreichen, dass die Landnahme - neben Grund und Boden - eben vor allem auch von den K├Âpfen der Menschen Besitz ergreift.

 

Fr├╝here Depeschen

Telegraphenamt Avenue Kakatare I - Mobilit├Ąt

Telegraphenamt Avenue Kakatare II - Strafanstalt

Telegraphenamt Avenue Kakatare III - Arbeit

Telegraphenamt Avenue Kakatare IV - Wasser

Telegraphenamt Avenue Kakatare VI - Geschlechterkampf

Telegraphenamt Avenue Kakatare VII - Uniform

Telegraphenamt Avenue Kakatare VIII - Biometrie

Telegraphenamt Avenue Kakatare IX - Terror