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Wien und sein Kulturstadtrat

Eine Bilanz Peter Marboes nach einhundert Tagen im Amt

Von Martin Wassermair. Erschienen in: KUPF. Zeitung der Kulturplattform O√Ė, Nr.71, Mai 1997

Vom ersten Tage an sprach Peter Marboe von seiner Vision der Entpolitisierung von Kultur und Kunst. "Was darunter im konkreten zu verstehen ist", dar√ľber sind sich alle Befragten einig, "daran wird der neue Kulturstadtrat zu messen sein." Wenn Marboe mit der Zahnlosigkeit im kulturellen Engagement der Initiativen spekuliert, sind schwerwiegende Konflikte von vornherein programmiert.

Ein Politik-Quereinsteiger ist vielleicht noch die "Enttäuschung" wert: Peter Marboe, der neue Kulturstadtrat von Wien. Gerade erst hundert Tage im Amt, verdient der zunächst Beargwöhnte nun auch das Augenmerk der KUPF.


Im Anfang war das Wort: "Bei einer Beteiligung der √ĖVP an der Wiener Stadtregierung erhalten das WUK und die ARENA keine Subventionen mehr!" Wortgewaltig unterstrich Bernhard G√∂rg im Wiener Wahlherbst vergangenen Jahres seinen Anspruch auf die Galionsfigur der b√ľrgerlichen Wende. Tats√§chlich hat er - m√∂glich gemacht nur durch kr√§ftiges Zutun aller anderen Parteien – den Sozialdemokraten im Rathaus mit dem Kulturressort eine der kostbaren Bastionen jahrzehntelanger Allmacht abgetrotzt. Ursula Pasterk mu√üte als bereits legend√§re Kulturstadtr√§tin gehen, und dem Verlust folgte sogleich ein kollektiver Aufschrei der Entr√ľstung. Mittlerweile ist ein halbes Jahr vergangen. Fast ebensolange sieht sich die Kulturszene bei Peter Marboe mit erkennbar neuen, keineswegs aber, wie noch zuvor angek√ľndigt, mit b√∂swillig destruktiven Herausforderungen der Kulturpolitik in Wien konfrontiert.

Zu Jahresbeginn hat sich im WUK die Aufregung rund um das G√∂rg-Zitat gelegt. Im Bezirk war man bereits an √ĖVP-Politiker gewohnt. So etwa an deren abstruse Idee, das Areal lebendiger Vielfalt an der W√§hringerstra√üe mittels Tiefgaragen zu unterminieren. Nun aber sorgte das erste Gespr√§ch mit Peter Marboe f√ľr gro√üe √úberraschung. "Der Mann hat durchaus √ľberzeugende Qualit√§ten." Vorstandsmitglied Gerald Raunig skizziert nach seiner Begegnung mit dem neuen Kulturstadtrat ein erstes vorsichtiges Profil: "Marboe ist ein Intellektueller und als Politiker auch Diplomat, er ist liberal, welterfahren, insgesamt sympathisch." Das WUK-Team f√ľhlte sich in jeder Hinsicht respektiert. Und auch von K√ľrzungen war keine Rede mehr. Im Gegenteil. Marboe erkl√§rte, er wolle seine Partei in Zukunft von der Bedeutung des Hauses √ľberzeugen, von der Unverzichtbarkeit f√ľr eine Stadt wie Wien. Hier ist erstmals Skepsis angebracht: "Marboe k√∂nnte es wie seiner Vorg√§ngerin ergehen", hegt Gerald Raunig konkrete Zweifel. "Pasterk hatte in der SP√Ė keine Hausmacht hinter sich, und Marboe ger√§t schon jetzt mit ambitioniertem Kurs unter den Druck seiner Fraktion."

Folgt man alleine den Medienberichten, besticht der zuvor noch Unbekannte tats√§chlich mit Tatendrang und eifrigen Ideen. Das ins Unendliche verschleppte Projekt "Museumsquartier" taucht mit dem Ruf nach Realisierung ebenso wieder auf, wie eine Radikalkur der "Vereinigten B√ľhnen" oder die √ľberf√§llige Restrukturierung des Wiener Beir√§tesystems. Unter den Aktivistinnen dagegen ist Stille eingetreten. Enth√§lt die numehrige Zur√ľckhaltung der Vereine und Kulturst√§tten nicht auch Kritik am Vorgehen der "Kulturfigur" Pasterk? "Mit der Ernennung Peter Marboes zum Ressortverantwortlichen ist etwas in Bewegung geraten", erkl√§rt Gernot Lechner, Vorsitzender der Wiener IG Kultur. "Die Szene ist mit einem Male aus ihrem D√§mmerschlaf erwacht." √úber lange Jahre hinweg habe die "Rote Ursel" den Kulturschaffenden soziale W√§rme und Sicherheit geboten, manches dringende Anliegen jedoch wurde selbst unter sozialdemokratischer √Ągide ganz bewu√üt hintangestellt. So kommt es, da√ü ausgerechnet Wien im Vergleich der Bundesl√§nder noch immer √ľber kein Kulturf√∂rderungsgesetz verf√ľgt. Und auch um die Weiterentwicklung der im letzten Jahre erstmals mit Geld ausgestatteten L√§ndervernetzung steht es im gro√üen und ganzen noch immer eher schlecht.

Nach den ersten einhundert Tagen sehen jetzt also nicht nur die Betroffenen viele Dinge klarer. Peter Marboe selbst mu√üte in der Schnupperzeit erfahren, da√ü etwa die Verantwortlichkeit √ľber die ARENA keineswegs seinem gerade eben √ľbernommenen, sondern vielmehr dem Sozialressort obliegt. Dennoch erschien der Politiker im ehemaligen Schlachthof ohne Anmeldung zum Rave, tauchte sp√§t nach Mitternacht in dr√∂hnender Ekstase unter rund sucht im Anschlu√ü daran einmal mehr das direkte Gespr√§ch. Gemeinsam mit AktivistInnen kam Marboe letztlich dahingehend √ľberein, in Hinkunft eigene Pforten auch f√ľr kulturelle Projekte der ARENA zu er√∂ffnen,. "Die Ber√ľhrungsfl√§chen allerdings", schr√§nkt Thomas Thaler, ein Sprecher des Hauses, gleich ein, "Bleiben auch weiterhin sehr gering". Das gesellschaftliche Experiment ARENA ist in der √Ėffentlichkeit unver√§ndert heftig umstritten, und selbst SozialdemokratInnen sprechen kaum mehr von alternativer Lebensform. Sie sehen in der ARENA jetzt vielmehr eine Einrichtung des Magistrats, √§hnlich dem Stadtgartenamt oder etwa den Bibliotheken, vor allem aber als institutionalisierte Verf√ľgungsmasse und Bollwerk gegen "Rechts".

Vom ersten Tage an sprach Peter Marboe von seiner Vision der Entpolitisierung von Kultur und Kunst. "Was darunter im konkreten zu verstehen ist", dar√ľber sind sich alle Befragten einig, "daran wird der neue Kulturstadtrat zu messen sein." Wenn Marboe mit der Zahnlosigkeit im kulturellen Engagement der Initiativen spekuliert, sind schwerwiegende Konflikte von vornherein programmiert. Es liegt nun an allen Beteiligten, auf den ersten Erfahrungen im Umgang miteinander aufzubauen und diese f√ľr konkrete Gestattung in der Kulturpolitik zu nutzen. "Ich fordere eine Politik der Entwicklung un der Ermutigung!" Vielleicht kann Gernot Lechner f√ľr die IG Kultur Wien mit einem der zu Zeit aktuellsten Schritte Peter Marboes tats√§chlich noch zufrieden sein. Der Nachfolger Ursula Pasterks hat erstmals Konzepte mittelfristiger Finanzierung VerwaltungsjuristInnen zur √úberpr√ľfung vorgelegt. Nicht zuletzt in dieser Frage, einer in Ober√∂sterreich ebensosehr zur Verwirklichung anstehende Notwendigkeit, verdient Peter Marboe auch weiterhin das Augenmerk der KUPF.