Home » Texte » Zidanes Erbe

Zidanes Erbe

Frankreichs Fußballnachwuchs verspricht eine erfolgreiche Zukunft

Von Martin Wassermair. Erschienen in: ballesterer fm, Nr.28, Juni/Juli 2007

Als erster Sohn einer Familie mit algerischen Wurzeln wuchs Samir Nasri in Marseille in einer herunter gekommenen Nordrand-Siedlung auf. In der Trostlosigkeit der Stahlbetonbauten erlebte er die Jugendrevolten des Herbsts 2005. "FĂŒr viele war es die einzige Möglichkeit, den Unmut auszudrĂŒcken", suchte der Spielmacher bei Olympique Marseille spĂ€ter nach VerstĂ€ndnis fĂŒr die Ereignisse, die das ganze Land in Atem hielten.
Samir Nasri Samir Nasri

Samir Nasri ist nicht nur in Marseille in aller Munde. Die "neue Perle des alten Hafens", wie der 19-jĂ€hrige Star von Olympique mit großem Stolz genannt wird, zĂ€hlt – gemeinsam mit Karim Benzema – zu den AushĂ€ngeschildern einer nachrĂŒckenden Fußballer-Generation, die ganz Frankreich mit Selbstbewusstsein und DurchsetzungsstĂ€rke in Euphorie versetzt.


In Marseille, auf den HĂ€ngen unterhalb eines Felsvorsprungs, war auf dem gigantischen Plakat eines Sportartikelherstellers lange Zeit das ausdrucksstarke Gesicht ZinĂ©dine Zidanes zu sehen. Bis es vor kurzem einem anderen Werbesujet weichen musste. Seither fragen sich immer mehr Menschen in der zweitgrĂ¶ĂŸten Stadt Frankreichs, warum nicht Samir Nasri diesen erhabenen Platz eingenommen hat.

FĂŒr viele Marseillais verkörpert Nasri unbestritten die Reinkarnation "Zizous". Wie schon beim dreimaligen FIFA-Weltfußballer des Jahres, der nach der WM 2006 endgĂŒltig von der großen BĂŒhne getreten ist, sieht sich die Stadt erneut als Erfolgswiege der französischen Nachwuchsarbeit. TatsĂ€chlich erinnert Nasris Jugend an jene Zidanes. Als erster Sohn einer Familie mit algerischen Wurzeln wuchs auch der kleine Samir in einer herunter gekommenen Nordrand-Siedlung auf. In der Trostlosigkeit der Stahlbetonbauten von Gavotte-Peyret erlebte er die Jugendrevolten des Herbsts 2005. "FĂŒr viele war es die einzige Möglichkeit, den Unmut auszudrĂŒcken", suchte er spĂ€ter nach VerstĂ€ndnis fĂŒr die Ereignisse, die das ganze Land in Atem hielten. Mittlerweile sorgt der Spielmacher nicht nur bei Olympique Marseille fĂŒr Furore. Er hat den Ausweg aus der sozial noch immer lodernden CitĂ© geschafft – ein Werdegang, der einem Bilderbuch entstammen könnte.

Technisch brillanter Regisseur

Die Entdeckung Samir Nasris verdankt die fußballbegeisterte Grande Nation eigentlich Freddy Assolen, dem "OM-Auge bei den Benjaminen". Der Nachwuchsbeobachter wurde auf den Buben aufmerksam, als dieser gerade neun Jahre alt war. Beim Verein der sĂŒdfranzösischen Gemeinde Pennes-Mirabeux stieß er auf ein phĂ€nomenales Talent, von dem er fortan nicht mehr loslassen konnte. Assolen begleitete seinen Schutzbefohlenen auf einer Tournee, die ihn unter anderem nach Turin und Mailand fĂŒhrte, wo man ihn am liebsten gleich behalten hĂ€tte. FĂŒr den Nachwuchs-Scout war fortan klar: "Nasri ist intelligent, aufmerksam und von seinen Eltern bestens vorbereitet. Er hat nie Arroganz gezeigt, weiß aber sehr wohl, dass die grĂ¶ĂŸten Klubs vor ihm liegen." Noch trĂ€gt der Shooting Star bei Olympique Marseille die 22 auf dem RĂŒcken – wie KakĂĄ beim AC Milan, den er regelrecht bewundert. Wer sich allerdings in den Straßen der Stadt umhört, kann schnell in Erfahrung bringen, dass Diego Maradona das eigentliche Vorbild bleibt. "Nasri ist ein Spieler vom Typ Nummer 10", so die einhellige Überzeugung, "ein Mittelfeldregisseur mit brillanter Technik. Er ist der HoffnungstrĂ€ger des gesamten französischen Fußballs!" Aber es klingt auch Wehmut durch. "Mit dem Erfolg wird Samir schon bald Marseille verlassen."

Unbestritten bleibt allerdings schon jetzt Nasris Platz in der Équipe tricolore. Eine breitenwirksame Belebung erfuhr der Enthusiasmus am 28. MĂ€rz 2007 im Zuge der freundschaftlichen Begegnung der französischen Nationalelf mit Österreich. Nasris Pass zu Karim Benzema war die Vorbereitung zum 1:0-Torerfolg. Obwohl das Publikum im Stade de France schon hochkarĂ€tigere Spiele gesehen hat, galt am nĂ€chsten Tag der Jubel dem jungen Kader der Black-Blanc-Beur. Alleine das Wiederaufgreifen der Bezeichnung fĂŒr die Weltmeister-Elf des Jahres 1998 sollte eine friktionsfreie Generationenabfolge zum Ausdruck bringen, um deren KontinuitĂ€t sich nach dem sukzessiven Ausscheiden der Riege um Zidane, Barthez und Desailly schon viele gesorgt hatten.

Neue Namen, neue Zuversicht

Mit den neuen Namen schöpft Frankreich auch neue Zuversicht. Neben Samir Nasri, Abou Diaby, Lassana Diarra, FrĂ©dĂ©rique Piquionne ist es vor allem der ebenfalls 19-jĂ€hrige Benzema, der zu diesem Stimmungsaufschwung beigetragen hat. Der beliebte StĂŒrmer trug schon beim Freundschaftsspiel gegen Europameister Griechenland im Herbst 2006 erstmals den Gallischen Hahn am Trikot. In der abgelaufenen Saison holte er mit Olympique Lyon den nunmehr sechsten Meisterschaftstitel der Ligue 1 in Folge in seine Geburtsstadt.

Benzema, der 2006 von der Zeitschrift France Football als die Neuentdeckung des Jahres gefeiert wurde, weist nicht nur auf dem grĂŒnen Rasen im Zusammenspiel mit seinem Team- und Alterskollegen aus Marseille Gemeinsamkeiten auf. Auch er ist Sprössling einer Familie, die aus Algerien nach Frankreich eingewandert ist. Der verbindende Hintergrund, der bereits 2004 nach dem Europameistertitel der unter 17-JĂ€hrigen öffentliche Beachtung nach sich zog, steht auch immer wieder im Zentrum emotional erhitzter Debatten. Warum, so eines der Themen in diversen franko-arabischen Blogs und Online-Foren, stellen sich die beiden nicht als Zeichen des Protests gegen das System der Ausgrenzung von Kindern aus Migrationsfamilien der Nationalelf Algeriens zur VerfĂŒgung?

Samir Nasri ist fĂŒr politische Stellungnahmen nicht zu haben. Von diesem Prinzip rĂŒckte er auch nach der PrĂ€sidentschaftswahl des Rechtspopulisten Nicolas Sarkozy nicht ab, bei der er erstmals stimmberechtigt war. Nur so viel: "Es gibt ganz andere Sorgen, als am 14. Juli die Fahne zu hissen." Das Leben eines Fußballstars beschert ihm in der Tat bislang ungekannte Schwierigkeiten. Da ist vor allem der Vergleich mit ZinĂ©dine Zidane, dem er sich nicht entziehen kann. Dabei spricht der ehemalige KapitĂ€n der Blauen von ihm nur in höchsten Tönen. "Nasri erstaunt mich regelrecht", so der begeisterte Eindruck des Altmeisters, "er hat das Zeug zum TitelanwĂ€rter. Hut ab!" Nasri selbst beginnt die vor allem medial vielfach strapazierte Gleichsetzung mit dem großen Zidane jedoch allmĂ€hlich zu nerven. "Es ist mir eine Ehre",  betont er immer wieder in Interviews, "schafft aber zugleich einen enormen Druck auf meinen Schultern." Welche Ausmaße die Erwartungen annehmen können, wurde zuletzt im Cupfinale am 13. Mai deutlich. Nach dem 2:2-Unentschieden gegen Sochaux unterlag Marseille im Elfmeterschießen und wartet nun schon seit 1993 auf einen Titel. Auch Samir Nasri gelang es nicht, die Blamage gegen den Außenseiter abzuwenden.

Frankreich hĂ€lt dennoch unbeirrt am Nachwuchs fest und blickt optimistisch in die nahe Zukunft. "Wenn man jung ist", erklĂ€rte Nasri vor seinem DebĂŒt gegen Österreich, "dann ist man zwangslĂ€ufig noch unrund. Deshalb gilt fĂŒr mich: Respekt vor den Alten!" Der Shooting Star weiß, dass bis zur Europameisterschaft 2008 noch ein langer Weg vor ihm liegt. Wer dann zum Einsatz kommt, entscheidet alleine der Grandseigneur unter Frankreichs Trainern, Raymond Domenech.


ballesterer fm