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Zwischen Festungsmauern

Das Haus der Geschichte muss den Aufr√ľstungsphantasien im "Kampf der Kulturen" entrissen werden!

Von Martin Wassermair. Erschienen in: Kulturrisse, Heft 1, März 2006

Das Haus der Geschichte l√§uft Gefahr, eines Tages zwischen Milit√§rkomplexen und nuklearen Aufr√ľstungsphantasien, zwischen staatlichen Geschichtsrevisionismen und Festungsmauern f√ľr den "Kampf der Kulturen" festgezurrt zu sein. Angesichts der Militarisierung und neokonservativen Einf√§rbung werden die Hoffnungen auf die Osterm√§rsche der Friedensbewegung alleine nicht gen√ľgen, um eine √∂ffentliche Debatte zur Ged√§chtnispolitik in √Ėsterreich herzustellen.

Wehrlosigkeit war gestern. Damit ist nun Schluss. "Der Totalangriff hat gefruchtet!", br√ľllte ORF-Sportkommentator Robert Seeger im Finale des Herren-Torlaufs der Olympischen Winterspiele 2006 in die Fernseh-√úbertragung. Die nationale Schmach, ausgerechnet von italienischen Beh√∂rden des Missbrauchs verbotener Substanzen zur athletischen Leistungssteigerung angeklagt zu sein, schien mit dem rot-wei√ü-roten Dreifach-Triumph nachhaltig vergolten. Bumm, bumm, bumm!

Auffallend wenige Knalleffekte begleiteten Ende Februar ein Pressegespr√§ch des Bundeskanzlers nach dem Ministerrat. Dabei war der Anlass allemal explosiv. Nachdem sich schon Bundespr√§sident Heinz Fischer in seiner Neujahrsansprache f√ľr eine rasche Verwirklichung des "Hauses der √Ėsterreichischen Zeitgeschichte" ausgesprochen hatte, erkl√§rte nun Wolfgang Sch√ľssel, die Planungen seien bereits in die Wege geleitet. Der Auftrag erging, so durften die Medien erfahren, an Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer und - an den Verteidigungsminister. Vermutlich schnellten sp√§testens jetzt im Auditorium zahlreiche Augenbrauen in die H√∂he. Doch die Absichten blieben nicht allzu lange verborgen. Der Standort, so f√ľhrte der Bundeskanzler n√§her aus, solle schon bald innerhalb des Heeresgeschichtlichen Museums angesiedelt werden. "Rund um den neuen, dort im Entstehen begriffenen Bahnhof kann gemeinsam mit dem Museum des 20. Jahrhunderts und dem Schloss Belvedere eine Museumsinsel entstehen, die eine gro√üe Ausstrahlung h√§tte." Damit k√∂nne, vor allem im Hinblick auf eine Zusammenf√ľhrung von Heeresgeschichte und Zeitgeschichte, "eine hochinteressante neue Sicht der √∂sterreichischen Geschichte geboten werden".

Militärstrategische Planung im Takt der Breaking News

Im Verteidigungsministerium selbst kann die neue Aufgabe der Musealisierung zu diesem Zeitpunkt bestenfalls eine vorerst nachgeordnete Beachtung gefunden haben. Zu gro√ü sind die Bedrohungen der Gegenwart, zu unberechenbar die Wirrnisse einer globalisierten Welt nach dem Kalten Krieg. Da m√ľssen Milit√§rdoktrinen st√ľndlich neu justiert werden, die strategische Planung folgt schlie√ülich dem Takt der Breaking News. Die Atomwaffen-Pl√§ne des Iran, der Wahlerfolg der radikal-islamistischen Hamas, die Unsichtbarkeit bei gleichzeitiger Omnipr√§senz der Al-Quaida, die aufgebrachten muslimischen Massen im so genannten Karikaturenstreit - da darf √Ėsterreich keinesfalls wehrlos bleiben! In derart aufgeheizter Stimmung √ľberrascht es wenig, wenn selbst F√ľhrungspers√∂nlichkeiten Grenzwerte erreichen.

Schon Ende J√§nner 2006 machte Erich Reiter, der langj√§hrige Leiter des B√ľros f√ľr Sicherheitspolitik im Verteidigungsministerium mit N√§he zur FP√Ė, auf sich aufmerksam, indem er auch f√ľr √Ėsterreich die Aneignung atomarer Schlagkraft forderte. Am 11. Februar gab ihm Die Presse die M√∂glichkeit, in einem Kommentar noch ausf√ľhrlicher zu werden. "Nukleare Abschreckung und nukleare Bedrohung sind in ihren Auswirkungen und Folgen grenz√ľberschreitend. Deshalb w√§re es klug, solche Fragen im europ√§ischen Rahmen zu er√∂rtern, und es w√§re nur recht und billig, auch den Nichtnuklearstaaten, die ja von Folgen mitbetroffen w√§ren, auch eine Stimme zu geben." Nur nicht tatenlos zusehen, scheint Reiter √ľberzeugt zu sein, schon gar nicht, wenn eine friedliebende √Ėffentlichkeit vom Weltgeschehen nichts versteht. "Wenn man auf m√∂gliche k√ľnftige Risiken und Bedrohungen hinweist, dann gilt oft, dass der Diagnostiker f√ľr die Krankheit verantwortlich gemacht wird. So erging es ja auch Huntington, der vor dem Clash of Civilisations gewarnt hat und f√ľr Ma√ünahmen zur Vermeidung pl√§dierte. Aber den Clash durfte es nicht geben; nun gibt es ihn doch." Bumm, bumm!

Anschluss an den neokonservativen Welt-Katechismus

Verteidigungsminister G√ľnter Platter wollte sich offensichtlich in Folge unangenehme Fragen ersparen und enthob den Sicherheitsb√ľroleiter mit sofortiger Wirkung seines Amtes. Nicht au√üer Kraft gesetzt ist das offizielle Organ der Republik, die Wiener Zeitung. Seit der √úbernahme des ehemaligen Presse-Chefredakteurs Andreas Unterberger erlebt das traditionsreiche Blatt einen gespenstischen Rechtsruck, der offensichtlich Anschluss sucht an den neokonservativen Welt-Katechismus von Heimatschutz, ungez√ľgelter Marktwirtschaft und Familiengl√ľck. Da macht es nur Sinn, dass sich auch Christian Ortner in seiner Kolumne am 11. Februar mit dem Ruf "Br√ľssel braucht die Bombe!" auf die Seite der nuklearen R√ľstungsphantasien stellte und zugleich auf identit√§tspolitische Profite schielte: "Gerade f√ľr ein kleines und praktisch weitgehend unbewaffnetes Land wie √Ėsterreich w√§re eine Europ√§isierung der nationalen Atomwaffen Englands und Frankreichs ein erheblicher Zugewinn an Souver√§nit√§t. Denn derzeit liegt Wien im Zuge einer weltpolitischen Krise wie sie aus dem Iran droht zwar durchaus in Reichweite der persischen Raketen, k√∂nnte letztlich aber nur hoffen, dass Paris und London die richtigen Entscheidungen treffen. W√ľrden die europ√§ischen Atomwaffen hingegen k√ľnftig der EU unterstellt werden, h√§tte √Ėsterreich nat√ľrlich auch √ľber deren Einsatz mit zu entscheiden."

Auch der Chefredakteur der Wiener Zeitung l√§sst tagt√§glich sehr tief blicken, nicht zuletzt - und hier schlie√üt sich der Kreis um Erinnerungskultur, geschichtspolitische Publizistik und die Frage nach der Einbettung von Ged√§chtnisorten in eine geistig-kulturelle Landesverteidigung - wenn die Grundlagen des demokratischen Staatswesens oder der Umgang mit dem Erbe der nationalsozialistischen Vergangenheit zu verhandeln sind. Nach dem Urteil gegen den britischen Shoa-Leugner und Revisionisten David Irving beklagte Unterberger am 22. Februar, "dass sich √Ėsterreich mit der Bestrafung eines reinen Meinungsdelikts aus der Gruppe der voll entwickelten liberalen Rechtsstaaten ausschlie√üt". Und weiter: "Zur Meinungsfreiheit geh√∂rt eben auch das Recht, v√∂lligen historischen Unsinn zu verzapfen. Wird dieses Recht aber einmal geschm√§lert, dann stellt man sich zumindest in dieser Hinsicht auf eine Ebene mit den totalit√§ren Systemen des 20. Jahrhunderts." Bumm!

Ein Haus der Geschichte ist tats√§chlich bitter n√∂tig. Nur wenige haben sich bislang dar√ľber den Kopf zerbrochen, mit welcher inhaltlichen Ausrichtung, mit welcher Vermittlungsform, unter welchem Paradigma, dem Unsinn aus national-konservativen Federn am besten entgegen zu treten ist. Heidemarie Uhl formulierte zu Beginn des Jahres ihre Anforderungen an die Zeitgeschichte als eine "Agentur historisch-politischer Aufkl√§rung mit einem gegenwartsbezogenen Auftrag". In einem Standard-Kommentar betonte die Historikerin am 7. J√§nner, dass vor allem die "Kontroversen um die wunden Punkte der Vergangenheit", allen voran die Diktatur des Austrofaschismus sowie die Mitverantwortung am verbrecherischen NS-Regime, "auch gesellschaftspolitische Grundsatzdebatten der Zweiten Republik" markierten. Ohne Zweifel wird gerade auch ein neues Museum der Geschichte √Ėsterreichs an der Bereitschaft zu beurteilen sein, die vielen Kontinuit√§ten, Konflikte und Br√ľche kritisch zu reflektieren und √∂ffentliche Diskurse in Gang zu setzen. Folgerichtig kommt Heidemarie Uhl zu dem Schluss: "Zeitgeschichte hei√üt ja nicht allein, die Geschichte der letzten Jahrzehnte darzustellen, sondern sie neu zu erz√§hlen".

Doch schon die Entwicklungen im Vorfeld ern√ľchtern jede Zuversicht. "Selbstverst√§ndlich wird dieses Projekt frei von jeder Parteipolitik und politischer Beeinflussung sein", versuchte der Bundeskanzler der √Ėffentlichkeit schon bei der Pr√§sentation seiner Pl√§ne zum Haus der Geschichte weis zu machen. "Ich w√ľnsche mir, dass Wissenschafter hier frei arbeiten k√∂nnen. Das hat sich schon bei den beiden Ausstellungen im Schloss Belvedere und auf der Schallaburg bestens bew√§hrt." Wolfgang Sch√ľssel spekuliert hier mit Erinnerungsl√ľcken aus dem Gedankenjahr. Denn tats√§chlich hat 2005 die volksfestartige Inszenierung des Staatsvertrags als Seifenoper die vielen historischen Verzerrungen und Auslassungen, die der politischen Kultur dieses Landes eigen sind, zus√§tzlich gefestigt. Und auch die Patriotismus-Walze in ORF und Kronen Zeitung hat den √∂sterreichischen Solipsismus noch verst√§rkt. Ganz zu schweigen davon, dass in der Belvedere-Ausstellung missliebige Begleit-Publikationen im Rei√üwolf landen mussten (siehe dazu auch die Beitr√§ge "Privatisiert und eingestampft!" sowie "Die Ausstellung als Ort der Macht" in Kulturrisse 0305).

Osterm√§rsche f√ľr die Ged√§chtnispolitik?

Die Opposition schweigt in dieser Angelegenheit. Auch hat sich die institutionalisierte Zeitgeschichte noch nicht zu Wort gemeldet. Lediglich der millionenschwere Unternehmer Hannes Androsch tr√§gt sich einmal mehr mit der Absicht, mit dem ehemaligen Sekret√§r der Industriellenvereinigung Herbert Krejci und Peter Weiser, vormals ein Kreisky-Intimus, ein Konsortium zu bilden, um nun auch - eine Unterschriftensammlung unter dem Deckmantel der Entparteipolitisierung bildet nun daf√ľr den ersten Schritt - das Haus der Geschichte an sich zu rei√üen. Sein Machthunger ist weiterhin ungestillt. Warum sollte ihm in diesem Falle nicht auch gelingen, was schon bei der Staatsvertragsausstellung im Belvedere weit gehend unwidersprochen blieb?

Somit sind politisches Handeln, Strategien und B√ľndnisse gefordert. Das Haus der Geschichte l√§uft Gefahr, eines Tages zwischen Milit√§rkomplexen und nuklearen Aufr√ľstungsphantasien, zwischen staatlichen Geschichtsrevisionismen und Festungsmauern f√ľr den "Kampf der Kulturen" festgezurrt zu sein. Angesichts der Militarisierung und neokonservativen Einf√§rbung werden die Hoffnungen auf die Osterm√§rsche der Friedensbewegung alleine nicht gen√ľgen, um eine √∂ffentliche Debatte zur Ged√§chtnispolitik in √Ėsterreich herzustellen. Die Erfahrungen aus dem Jahre 2005 haben gezeigt, dass Kunst, Kultur, Wissenschaft und Aktivismus in einander √ľbergreifend sehr wohl eine Vielzahl von gegen-hegemonialen Aktivit√§ten entwickeln k√∂nnen. Sollte diese Chance ungen√ľtzt bleiben, darf sich niemand wundern, wenn im k√ľnftigen Haus der Geschichte ausgerechnet die Schmach der ungewollten Heimkehr des Ski-Olympioniken Karl Schranz aus Sapporo 1972 als ein ganz besonderes Beispiel nationalen Heldentums mit Identit√§t stiftender Langzeitwirkung zu bestaunen ist. Peng!